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Werkseintrag · Tewje, der Milchmann
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Cover Tewje, der Milchmann
Tewje, der Milchmann
1895
– Werkseintrag –

Tewje, der Milchmann

1895 · Kurzgeschichte

Ein armer jüdischer Milchmann im zaristischen Russland will seine fünf Töchter verheiraten und erlebt, wie die alten Regeln seiner Welt nach und nach zerbrechen.

Überblick↑

Der Erzählzyklus Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem gehört zu den Klassikern der jiddischen Literatur. Er erschien in acht Teilen zwischen 1895 und 1916. Im Mittelpunkt steht ein armer jüdischer Milchmann in einem kleinen Dorf im Russischen Kaiserreich, der seine fünf Töchter verheiraten will und dabei erlebt, wie die alten Regeln seiner Welt zerbrechen. Das Buch diente als Vorlage für das Musical Anatevka und dessen gleichnamige Verfilmung.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Um 1905 lebt Tewje mit seiner Frau Golde und seinen Töchtern im Dorf Bojberik. Er verdient den Lebensunterhalt als Milchmann. Eine glückliche Begegnung mit zwei reichen Damen aus Jehupez hatte ihm einst zu einer Kuh und etwas Geld verholfen, und daraus wurde sein Gewerbe. Reich wird er davon nicht. Ein Geldgeschäft, das ihm sein entfernter Verwandter Menachem-Mendel einredet, lehrt ihn, sich von Dingen fernzuhalten, die er nicht versteht.

Tewje ist ein einfacher Jude ohne höhere Bildung, aber in Tora, Talmud und Midrasch bewandert. Für jede Lebenslage findet er einen passenden Vers. Sein eigentliches Thema sind die Töchter. Die älteste, Zeitel, soll den vermögenden Fleischer Lejser-Wolf heiraten, liebt aber den armen Schneidergesellen Motel Kamisol. Die zweite, Hodel, verliert ihr Herz an den mittellosen Gymnasiasten Pertschik, den die Familie Pfefferl nennt und der immer wieder für Tage aus dem Dorf verschwindet. Die dritte, Chava, schwärmt für den Dorfschreiber Chwedjko Galagan, der kein Jude ist. Um die vierte, Sprinze, wirbt Arontschik, der Sohn einer reichen Witwe. Und für die jüngste, Bejlke, hat der Heiratsvermittler Efroim eine gute Partie im Auge.

Jedes Mal muss Tewje sich zwischen dem Herkommen und dem Willen seiner Kinder entscheiden. Jedes Mal muss er außerdem seine Frau Golde überzeugen, wozu er sich List um List ausdenkt. Währenddessen ändern sich die Zeiten um ihn herum: Erste Pogrome treiben Flüchtlinge ins Dorf, politische Ideen dringen ein, und die Stimmung gegenüber den Juden in der Gegend wird rauer. Tewje erzählt all das scheinbar einem guten Freund namens Scholem Alejchem, und er führt nebenbei eine unablässige Zwiesprache mit seinem Gott.

Die Handlung im Detail↑

Das Buch beginnt mit einem Prolog unter dem Titel „Ich bin zu gering“, einer Anspielung auf das Gebet Jakobs vor der Begegnung mit Esau. Tewje schreibt darin einen Brief an den Verfasser und wundert sich, dass sein einfaches, banales Leben interessant genug für den Druck sei. Der Humor des ganzen Buches blitzt gleich hier auf: Am Ende des Briefes teilt Tewje dem Verfasser vorsorglich eine Adresse mit, an die dieser die Tantiemen schicken möge.

Im ersten Kapitel nagt Tewjes Familie am Hungertuch. Auf dem Heimweg, während er das Achtzehnbittengebet aufsagt, trifft er zwei reiche Damen aus Jehupez, die sich in der Sommerfrische verirrt haben. Er bringt sie zu ihrem Haus, eines der reichsten des Ortes, das er vom Brennholzliefern kennt. Zum Dank soll er zur üppigen Tafel gebeten werden, doch er lehnt ab: Er könne nicht schlemmen, während seine Familie darbe. Daraufhin laden ihm die Diener Tee, Zucker, Schmalz, Brot und anderes in den Wagen. Dazu bekommt er eine Kuh und 38 Rubel. Mit Golde beschließt er, davon eine zweite Kuh zu kaufen. So wird er Milchmann.

Im zweiten Kapitel überredet der entfernte Verwandte Menachem-Mendel den nun von leichter Geldgier gepackten Tewje, hundert Rubel in Aktien zu stecken, obwohl dieser gar nicht weiß, was das ist. Als lange keine Nachricht kommt, sucht er den Verwandten auf und findet einen heruntergekommenen, verlumpten Mann. Das Geld ist fort. Tewje zieht seine Lehre daraus.

Das dritte Kapitel bringt die erste Tochter. Der verwitwete, recht vermögende Fleischer Lejser-Wolf hält um Zeitels Hand an, und die Eltern sind einverstanden. Zeitel aber liebt den armen Schneidergesellen Motel Kamisol, der ebenfalls anhält. Motel überzeugt Tewje, der Liebesheirat den Vorzug zu geben. Tewje bringt Golde mit einer List dazu, die gute Partie auszuschlagen. Motel und Zeitel heiraten und sind trotz ihrer Armut glücklich.

Im vierten Kapitel begegnet Tewje auf dem Heimweg dem jungen, mittellosen Gymnasiasten Pertschik. Er lädt ihn ein, Pertschik kommt immer öfter, bekommt den Kosenamen Pfefferl und gibt den Töchtern als Gegenleistung Unterricht. Tewje entwickelt fast väterliche Gefühle für ihn. Ab und zu verschwindet Pertschik für Tage. Eines Tages trifft Tewje ihn mit seiner zweitältesten, sehr gebildeten Tochter Hodel beim Waldspaziergang. Er ahnt die Liebe, erschrickt aber, als er erfährt, dass die beiden bereits heimlich geheiratet haben. Er sieht ein, dass nichts mehr zu ändern ist, und überzeugt Golde erneut mit einer List. Bald muss Pertschik wieder fort; Tewje bringt ihn mit Hodel zum Bahnhof und ahnt, dass dieser Abschied länger dauern wird. Nach einer Weile erhält Hodel einen Brief ihres Mannes und reist ihm nach. Pertschik ist ein Revolutionär und in die Verbannung geschickt worden, wohin Hodel ihm folgt. Der Leser erfährt das nur indirekt. Tewje fällt dieser Abschied sehr schwer.

Das fünfte Kapitel beginnt noch bei Hodel und ihrem Leben in Sibirien, wendet sich dann aber der drittältesten Tochter Chava zu. Tewje trifft den Dorfschreiber Chwedjko Galagan, als dieser Chava besucht; sie schwärmt von ihm, als sei er ein neuer Gorki. Später begegnet Tewje in der Stadt dem Popen, mit dem er sich schon oft über die wahre Religion gestritten hat. Der Pope erzählt, er wüsste einen Ehemann für Chava, dieser sei aber kein Jude. Tewje schließt auf Chwedjko. Zu Hause ist Chava nicht mehr da. Golde war längst eingeweiht und versucht ihm klarzumachen, dass Chwedjko trotz des religiösen Mankos kein schlechter Mensch sei. Tewje vermisst seine Tochter sehr, weiß aber nicht, wo sie ist. Als er sie zufällig auf der Straße trifft und sie ihn bittet anzuhalten, um alles zu erklären, hält er nur kurz und lässt sie kaum zu Wort kommen. Nach jüdischem Brauch erklärt er Chava für tot und verbietet der Familie, ihren Namen je wieder zu nennen.

Im sechsten Kapitel fliehen nach den ersten Pogromen viele Juden. Tewjes Familie bleibt verschont, doch im Ort sammeln sich Flüchtlinge, darunter auch wohlhabende, die Tewje beliefert. Er freundet sich mit einer reichen Witwe an, die ihren Sohn Arontschik für faul hält, weil er sich nur auf dem Familienvermögen ausruhe. Tewje nimmt sich des jungen Mannes an, und dieser verliebt sich in die vierte Tochter Sprinze. Tewje und Golde stimmen freudig zu, denn es ist eine gute Partie. Kurz vor der Trauung wird Tewje zur Witwe gerufen, wo bereits Arontschiks Onkel wartet. Der macht klar, dass die Standesunterschiede eine Hochzeit unmöglich machen: Mit der Familie eines einfachen Milchmanns werde man keine Verbindung eingehen, das brächte einen schlechten Ruf. Sprinze unterstellt er ohnehin nur Interesse am Vermögen. Die Hochzeit wird abgesagt. Sprinze nimmt sich in tiefer Trauer das Leben.

Im siebten Kapitel stirbt Golde überraschend. Angesichts der Endgültigkeit des Todes kommen Tewje neben der Trauer erstmals Zweifel an seinem Glauben, doch er vertraut weiter auf Gott. Nun soll auch die jüngste Tochter Bejlke heiraten. Der Heiratsvermittler Efroim hat den wohlhabenden Juden Pedozur im Auge. Bejlke liebt ihn nicht, geht die Ehe aber ein. Pedozur bietet Tewje an, ihm seinen großen Traum zu erfüllen: eine Reise nach Eretz Israel. Da seine Frau tot ist und alle Töchter versorgt sind, hält Tewje nichts mehr im Dorf. Er verkauft seine Habseligkeiten, verabschiedet sich von Scholem und tritt die Reise an. Ob die beiden sich wiedersehen, bleibt zunächst offen.

Das achte Kapitel trägt den Titel „Geh aus Deinem Vaterland“, eine Anspielung auf Gottes Aufforderung an Abraham. Tewje und Scholem treffen 1914 nach vielen Jahren wieder zusammen. Zwischen beiden ist es zu einem Bruch gekommen, was man am Ton der Rede merkt: Tewje spricht den einst vertrauten Freund nun förmlich mit „Herr Scholem Alejchem“ an und siezt ihn. Er berichtet, dass er nie in Israel war, denn Zeitels Mann Motel starb, und er musste für Tochter und Enkel sorgen. Bejlke und Pedozur sind hoch verschuldet nach Amerika ausgewandert. Mit der Zeit hat sich das ganze Dorf gegen den jüdischen Milchmann gewendet. Ein Mob sammelt sich vor seinem Haus. Tewje will die Leute, die er alle kennt, nach seiner freundlichen Art begrüßen, doch sie drohen ihm Gewalt an. Der Bürgermeister Iwan Poperile erklärt, überall in der Gegend würden Juden geprügelt und vertrieben, warum solle das Dorf ausgerechnet bei ihm eine Ausnahme machen. Nur ist man sich noch nicht einig, was genau man ihm antun will, und der Haufen zieht unverrichteter Dinge ab.

Später sitzt Tewje vor seinem Haus und philosophiert über Gott. Ihn quält, warum Gott zu allem Leid schweigt, sich nicht zeigt und den versprochenen Messias nicht sendet. In diesem Augenblick erscheint ein Reiter auf einem weißen Pferd, den Tewje für einen Milizionär hält. Der Reiter sagt ihm, es sei Zeit zu gehen. Tewje erklärt Zeitel, dass sie als Juden wohl bald des Dorfes verwiesen würden; besser, man gehe vorher von selbst. Während sie packen, kehrt Chava zurück. Sie tritt vor den Vater und sagt nur leise „Vater“. Sie wird wieder in die Familie aufgenommen. Zum Schluss verabschiedet sich Tewje von Scholem Alejchem und bittet ihn um Verzeihung, dass er ihm mit seinem Erzählen so viele Geschichten in den Kopf gesetzt habe. Immerhin habe Scholem so etwas zum Aufschreiben. Und wenn Gott es wolle, würden sie sich eines Tages wiedersehen.

Stil↑

Zwar wird das Buch als Roman geführt, doch mit seinen acht Geschichten aus Tewjes Leben ist es eher eine Sammlung von Erzählungen. Scholem Alejchem wählte eine mündlich wirkende Form: Tewje erzählt sein Leben scheinbar einem guten Freund, der Scholem Alejchem heißt. So spricht durchgehend der Held selbst, und der Leser hört ihm zu wie einem Gast am Tisch.

Tewjes Sprache ist von den heiligen Schriften durchtränkt. Er ist ein einfacher Jude ohne höhere Bildung, kennt Tora, Talmud und Midrasch aber gut und findet für jede Lebenslage den passenden Vers. Auch der Text selbst spielt immer wieder darauf an. Schon die Kapitelüberschriften greifen biblische Wendungen auf: „Ich bin zu gering“ nimmt Jakobs Gebet vor der Begegnung mit Esau auf, „Geh aus Deinem Vaterland“ die Aufforderung Gottes an Abraham.

Der Humor durchzieht das ganze Buch und steht dicht neben dem Ernst. Entscheidendes wird oft nur angedeutet und nicht ausgesprochen: Dass Pertschik ein Revolutionär in der Verbannung ist, erfährt der Leser nur indirekt. Auch der Bruch zwischen Tewje und seinem Zuhörer wird nicht erklärt, sondern allein an der veränderten Anrede hörbar, mit der Tewje im letzten Kapitel plötzlich siezt.

Rezeption↑

Der Erzählzyklus zählt zu den Klassikern der jiddischen Literatur. Weit über den Buchmarkt hinaus bekannt wurde der Stoff durch das Musical Anatevka und dessen gleichnamige Verfilmung, die auf ihm beruhen.

Jakob Hessing kam 2003 in einer Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die Neuübersetzung von Armin Eidherr zu dem Schluss, das Buch sei der tragische und zugleich humorvolle Lebensbericht eines Mannes, der mit dem Niedergang seiner Familie zugleich das Ende einer ganzen Kultur beschreibe. Historische Vorgänge seien gelungen abgebildet, sodass der gemeinsame Charakter der geschilderten Schicksale deutlich werde. Der Roman habe darüber hinaus eine ganz eigene jüdische Färbung.

Der Text richtet den Blick auf die heute verschwundenen jüdischen Gemeinden Osteuropas mit ihrer eigenen Kultur. Gezeigt werden hart arbeitende, nicht sehr wohlhabende, aber auf Gott vertrauende Menschen in ihrem Alltag. Tewje selbst ist dabei kein verklärter Bewohner des Schtetl: Er ist traditioneller Jude und zugleich aufgeklärter Mensch, der in seiner Zwiesprache mit Gott vieles hinterfragt. Den Wandel der gesellschaftlichen Normen und der politischen Verhältnisse erlebt er unmittelbar, was ihn bei aller Komik zu einem tragischen Helden macht.

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