Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Tess of the d'Urbervilles
Eingang · Werke · Tess of the d'Urbervilles
Abbildung nicht verfügbar
Tess of the d'Urbervilles
1891
– Werkseintrag –

Tess of the d'Urbervilles

1891 · Roman

Eine junge Landarbeiterin erfährt, dass ihre arme Familie einst adlig war – und gerät durch diese Nachricht in ein Leben zwischen erwachender Liebe und einer Vergangenheit, die sie nicht abschütteln kann.

Überblick

Der Roman „Tess von den d’Urbervilles. Eine reine Frau“ erschien 1891. Er gehört heute zu den großen Klassikern der englischen Literatur. Es ist Thomas Hardys vorletztes erzählerisches Werk; ihm folgte nur noch Herzen im Aufruhr. Schon der Untertitel „A Pure Woman Faithfully Presented“ machte zur Erscheinungszeit deutlich, worum es Hardy ging. Er stellte die strenge Sexualmoral seiner Zeit offen in Frage und nahm seine Heldin ausdrücklich gegen das Urteil der Gesellschaft in Schutz. Auf Deutsch lag der Roman erstmals 1925 im Paul List Verlag vor und erlebte noch im selben Jahr eine zweite Auflage. Der Name der Heldin wurde im Fließtext damals mit „Teß“ wiedergegeben.

Inhalt (ohne Spoiler)

Tess Durbeyfield ist die älteste Tochter einer armen Landarbeiterfamilie. Eines Tages erfährt ihr Vater beiläufig vom Dorfpfarrer, der Name Durbeyfield sei in Wahrheit eine Abwandlung des vornehmen normannischen Namens d’Urberville. Die Familie sei also einst adlig gewesen. Diese Nachricht steigt dem Vater zu Kopf. Sie stößt für Tess eine Kette von Entscheidungen an, die sie weit über ihre vertraute Welt hinausführen.

Als ein Unglück die Familie wirtschaftlich hart trifft, schickt die Mutter Tess zu einer wohlhabenden Witwe in der Nähe, die ebenfalls den Namen d’Urberville trägt. Dort begegnet sie deren Sohn Alec. Er ist ein selbstsicherer junger Mann, der auf die schöne Tess sofort aufmerksam wird. Die Begegnung bekommt Folgen, die Tess’ Leben dauerhaft prägen.

Später sucht sie weit weg von zu Hause einen Neuanfang als Milchmädchen auf einem großen Hof. Dort trifft sie auf Angel Clare, den Sohn eines Pfarrers, der das Landleben praktisch kennenlernen will. Die beiden verlieben sich. Doch was Tess hinter sich hat, lässt sich nicht einfach abstreifen. Der Roman fragt mit wachsender Eindringlichkeit, ob ein Mensch ein Recht auf einen neuen Anfang hat.

Die Handlung im Detail

Tess ist das älteste Kind der einfachen, ungebildeten Landarbeiter John und Joan Durbeyfield. Vom Ortspfarrer Tringham, dessen Steckenpferd die Ahnenforschung ist, erfährt John eines Tages beiläufig, dass „Durbeyfield“ eine Verballhornung von „d’Urberville“ sei, dem Namen einer alten, ausgestorbenen normannischen Familie. Die achtlose Bemerkung steigt John zu Kopfe. Am gleichen Tag tanzt Tess beim Maitanz des Dorfes mit; dort taucht kurz Angel Clare auf, der jüngste Sohn eines Pfarrers, der mit seinen Brüdern wandert. Er bemerkt Tess, fordert sie aber nicht zum Tanz auf.

Noch in derselben Nacht soll Tess für den betrunkenen Vater zum Markt fahren. Übermüdet schläft sie auf dem Bock ein, ihr Pferd gerät in den Weg eines anderen Fuhrwerks und wird getötet. Der Verlust des Zugtiers ist für die Familie ein Desaster, und Tess fühlt sich schuldig. Auf Drängen der Mutter besucht sie die reiche Witwe Mrs. d’Urberville in Trantridge, um die angebliche Verwandtschaft anzumahnen. In Wahrheit hatte deren verstorbener Mann, ein Glücksritter aus dem Norden, den Namen einst unter zweifelhaften Umständen einfach angenommen. Tess trifft nur den Sohn Alec, einen zynischen Freigeist. Er findet Geschmack an ihr und verschafft ihr eine Stelle als Geflügelhüterin.

Alec macht ihr wiederholt Avancen, Tess widersteht. Nach einem nächtlichen Streit mit der verstoßenen früheren Geliebten Alecs „rettet“ er Tess zu Pferde, reitet aber ziellos durch den Nebel, bis sie zu einer Höhle kommen. Erschöpft schläft Tess ein, mit Alecs Mantel zugedeckt. Hardy lässt offen, ob das, was folgt, eine Vergewaltigung oder eine Verführung ist.

Nach Wochen verwirrter Tändelei weist Tess Alec zurück und kehrt heim. Im nächsten Sommer bringt sie einen kränklichen Sohn zur Welt, der nur wenige Wochen lebt. Der Pfarrer verweigert die Taufe; ihr Vater versperrt die Tür, damit niemand etwas erfährt. Tess tauft das Kind selbst und nennt es „Sorrow“ (Sorge). Sie begräbt es in ungeweihter Erde und stellt Blumen in einem Marmeladentopf auf das Grab.

Mehr als zwei Jahre später sucht sich Tess Arbeit fern der Heimat, wo niemand sie kennt. Auf dem Milchhof Talbothays bei Mr. und Mrs. Crick begegnet sie erneut Angel Clare, der hier als angehender Gutsherr die Führung eines großen Milchhofes lernt. Die beiden verlieben sich. Angel besucht seine Familie in Emminster; seine Brüder Felix und Cuthbert wirken auf ihn farblos, er wiederum erscheint ihnen vergröbert. Den Eltern erzählt er von Tess. Sein Vater berichtet beiläufig von seinem Scheitern bei einem jungen Tunichtgut namens Alec d’Urberville.

Zurück auf dem Hof macht Angel Tess einen Heiratsantrag. Sie gerät in ein schmerzhaftes Dilemma: Angel hält sie für eine Jungfrau, und sie fürchtet, mit der Wahrheit seine Liebe zu verlieren. Schließlich willigt sie ein. Ihre Mutter rät ihr brieflich, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ein Mann aus Trantridge namens Groby erkennt Tess beim Einkaufen und macht Andeutungen; Angel verfällt in einen für ihn völlig untypischen Jähzorn. Tess entschließt sich, einen Brief mit der ganzen Geschichte unter Angels Tür zu schieben. Am Morgen begrüßt er sie unverändert herzlich. Sie entdeckt, dass der Brief unter den Teppich gerutscht ist und ungelesen blieb. Sie zerstört ihn.

Die Hochzeit verläuft trotz vieler böser Vorzeichen ruhig. Die Hochzeitsnacht verbringen sie in einem alten Herrenhaus der d’Urbervilles, das jetzt Gasthaus ist. Angel schenkt Tess Familienschmuck und gesteht eine kurze Affäre mit einer älteren Frau in London. Tess fühlt sich nun sicher und erzählt ihm alles über Alec.

Angels Reaktion ist Entsetzen. Er verbringt die Nacht auf dem Sofa. Nach einigen quälenden Tagen schlägt Tess die Trennung selbst vor. Angel gibt ihr Geld und verspricht, sich um eine innere Versöhnung zu bemühen; sie soll ihn nicht aufsuchen, bis er sich meldet. Nach einem kurzen Besuch bei seinen Eltern nimmt er ein Schiff nach Brasilien. Vorher trifft er auf der Straße noch das Milchmädchen Izz Huett und bittet sie, mit ihm zu kommen. Sie willigt ein, gesteht aber, niemand könne ihn mehr lieben als Tess. Da gibt Angel den Gedanken auf und reist allein.

Für Tess beginnt eine trostlose Zeit. Zu Hause hält es sie nicht; sie schlägt sich zu den früheren Milchmädchen Marian und Izz durch, die auf dem öden Hof Flintcomb-Ash schuften. Unterwegs erkennt und beleidigt Groby sie erneut – und stellt sich als ihr neuer Arbeitgeber heraus. Er macht ihr das Leben zur Hölle.

Im Winter geht Tess an einem freien Sonntag den weiten Weg zu Angels Familie nach Emminster. Sie hört unbemerkt mit, wie seine eingebildeten Brüder mit Mercy Chant, der von der Familie für Angel vorgesehenen frommen Lehrerin, abschätzig über Angels „unkluge Heirat“ sprechen. Beschämt kehrt sie um. Auf dem Rückweg hört sie einen Wanderprediger – und erkennt zu ihrem Entsetzen Alec d’Urberville, der unter dem Einfluss von Angels Vater Christ geworden ist.

Alec ist von der Begegnung erschüttert und seine alte Leidenschaft erwacht neu. Er bittet Tess, sie nie wieder zu versuchen, sucht sie aber kurz darauf in Flintcomb-Ash auf und bittet sie, ihn zu heiraten. Sie erwidert, sie sei bereits verheiratet. Er kommt wieder und wieder; einmal nach einem mörderischen Arbeitstag an der Dreschmaschine. Er hat das Predigen aufgegeben. Als er ihre Ehe verspottet und Angel beleidigt, schlägt sie ihn, bis Blut fließt.

Bald darauf erfährt Tess von ihrer kleinen Schwester Liza-Lu, dass der Vater krank ist und die Mutter im Sterben liegt. Sie eilt heim. Die Mutter wird wieder gesund, doch der Vater stirbt unerwartet. Damit verliert die Familie das Wohnrecht im Haus. Alec drängt Tess, sein Angebot anzunehmen, die Durbeyfields auf seinem Gut wohnen zu lassen; sein Argument: Angel werde nie zurückkehren. Tess lehnt ab. Sie hatte Angel kurz zuvor noch einen liebevollen Bittbrief geschrieben; jetzt erkennt sie, wie ungerecht er sie behandelt hat, und kritzelt ihm eine bittere Zeile, sie werde alles tun, um ihn zu vergessen. Die Familie zieht in die alte Stammstadt der d’Urbervilles, Kingsbere, wo das gemietete Quartier bereits anderweitig vergeben ist. Schutzlos suchen sie Unterschlupf auf dem Kirchhof, an der Stelle, die im Volksmund „der Gang der d’Urbervilles“ heißt. Dort taucht Alec wieder auf und bedrängt Tess von Neuem.

Stil

Hardy gliedert den Roman in sieben benannte Phasen („The Maiden“, „Maiden No More“, „The Rally“, „The Consequence“, „The Woman Pays“, „The Convert“ und einen Schlussteil). Diese markieren Tess’ Lebensweg wie Stationen. Der Erzähler tritt deutlich hervor und nimmt seine Heldin in Schutz. Schon der Untertitel „A Pure Woman Faithfully Presented“ ist eine offene Parteinahme gegen die herrschende Moral.

Die Landschaft ist mehr als Kulisse. Der üppige Milchhof Talbothays steht für Aufblühen und Liebe, der karge Acker Flintcomb-Ash für Erniedrigung und harte Arbeit. Vorzeichen und Volksglaube schieben sich immer wieder zwischen die Szenen und kündigen Unheil an: der krähende Hahn am Hochzeitsnachmittag, die Sage von der alten Kutsche der d’Urbervilles, das ungeweihte Grab des Kindes. Entscheidende Wendungen lässt Hardy bewusst offen. Was in der Nebelnacht in der Höhle geschieht, ob Vergewaltigung oder Verführung, überlässt er ausdrücklich der Entscheidung des Lesers.

Rezeption

Bei seinem Erscheinen 1891 war die Aufnahme bei Kritik und Publikum gemischt. Anstoß erregte vor allem, dass Hardy die rigide Sexualmoral seiner Zeit in Frage stellte. Er stellte seine Heldin trotz aller Verfehlungen ausdrücklich als „reine Frau“ vor. Heute zählt der Roman zu den großen Klassikern der englischen Literatur. Im deutschen Sprachraum erschien er 1925 erstmals im Paul List Verlag und erlebte noch im selben Jahr eine zweite Auflage.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten