1874
Am grünen Rand der Welt
Überblick↑
Mit dem Roman Am grünen Rand der Welt gelang Thomas Hardy 1874 sein erster größerer literarischer Erfolg. Es ist sein vierter Roman und zugleich der Beginn seiner später berühmt gewordenen „Wessex-Romane". Sie sind nach einer erfundenen Landschaft im Süden Englands benannt, in der alle Romane Hardys spielen. Diese Landschaft ist der Gegend nachgebildet, in der Hardy selbst lebte. Der Roman erzählt von der jungen, selbstbewussten Bathsheba Everdene und den drei Männern, die um sie werben. Im Mittelpunkt steht die Frage, welcher Liebe sie sich am Ende anvertraut.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der junge Schäfer Gabriel Oak, der mit bescheidenen Mitteln eine Schafsfarm gepachtet hat. Er verliebt sich in die neu angekommene Bathsheba Everdene, eine stolze und selbstbewusste junge Frau, die als Waise bei ihrer Tante lebt. Gabriel macht ihr einen Heiratsantrag, doch sie weist ihn zurück: Sie schätze ihre Unabhängigkeit zu sehr und ihn zu wenig.
Bald darauf ändern sich die Lebensumstände beider von Grund auf. Ein Unglück stürzt Gabriel in den finanziellen Ruin, während Bathsheba durch eine Erbschaft zu einer wohlhabenden Frau wird und einen eigenen Hof übernimmt. Entgegen den Sitten der Zeit führt sie ihn als Frau selbst. Gabriel findet als Schäfer eine Anstellung bei ihr und bleibt ihr verbunden, auch wenn seine Liebe unerwidert ist.
Um Bathsheba werben mit der Zeit zwei weitere Männer: der wohlhabende, einsame Farmer William Boldwood und der schneidige Sergeant Frank Troy. Aus einer scherzhaft verschickten Valentinskarte, aus Bewunderung und aus uneingestandenen Gefühlen entsteht ein Geflecht von Werbung, Eifersucht und falschen Entscheidungen. Der Roman entfaltet, wie Bathsheba zwischen diesen Männern hin- und hergerissen wird und welchen Preis ihr Stolz fordert.
Die Handlung im Detail↑
Der junge Schäfer Gabriel Oak, zu Beginn 28 Jahre alt, hat mit seinen Ersparnissen und einer geliehenen Summe eine Schafsfarm gepachtet. Er verliebt sich in die acht Jahre jüngere Bathsheba Everdene, die als Waise bei ihrer Tante Mrs. Hurst wohnt. Eine gewisse Sympathie entsteht, bleibt auf ihrer Seite aber gemäßigt. Eines Nachts rettet Bathsheba dem Schäfer das Leben: Er war in seiner Hütte eingeschlafen und drohte zu ersticken, weil er nicht für genügend Rauchabzug gesorgt hatte. Kurz darauf macht Gabriel ihr einen Heiratsantrag, den sie zurückweist. Einige Monate später zieht sie nach Weatherbury, einige Meilen entfernt.
Beim nächsten Wiedersehen hat sich alles gewandelt. Ein unerfahrener neuer Schäferhund trieb Gabriels Herde nachts über einen Steilhang in den Tod; der Hund wird zur Strafe erschossen. Gabriel ist ruiniert. Er verkauft alles von Wert, kann gerade noch seine Schulden bezahlen und bleibt mittellos zurück. Auf der Suche nach Arbeit zieht er von Markt zu Markt. Unterwegs kommt er an einem Farmbrand vorbei und bringt die untätigen Zuschauer zu einer gemeinsamen Rettungsaktion. Als die verschleierte Besitzerin ihm danken will, erkennt Gabriel in ihr Bathsheba. Sie hat den Bauernhof ihres Onkels geerbt und ist nun wohlhabend. Sie stellt ihn als Schäfer an und führt den Hof, entgegen den Sitten der Zeit, als Frau selbst.
Bathsheba zieht unfreiwillig einen Verehrer an: den um die vierzig Jahre alten, sehr wohlhabenden Farmer William Boldwood. Sie hatte ihm zusammen mit ihrer Dienerin aus Übermut eine Valentinskarte mit der Aufschrift „Marry me" geschickt. Boldwood erkennt den Scherz nicht, nimmt das Ansinnen ernst und macht ihr bald einen Heiratsantrag. Obwohl Bathsheba ihn nicht liebt, spielt sie mit dem Gedanken, an seinen Wohlstand und seine Reputation denkend. Sie schiebt die Entscheidung immer wieder hinaus. Als Gabriel ihr Vorwürfe wegen ihrer Rücksichtslosigkeit macht, kündigt sie ihm.
Bald gerät ein Großteil ihrer Herde in frischen Klee und droht an Blähungen zu sterben. In der knappen Zeit, die für einen Eingriff bleibt, weiß einzig Gabriel zu helfen. Bathsheba überwindet ihren Stolz und bittet ihn. Er rettet die meisten Tiere mit einem schnellen Eingriff, erhält seine Anstellung zurück und fühlt sich ihr wieder freundschaftlich verbunden.
Nun tritt der Sergeant Frank Troy auf, der aus Weatherbury stammt. Bathsheba ist von ihm zunehmend fasziniert, vor allem von seinen Fechtkünsten. Gabriel sieht diese Beziehung mit Missvergnügen und versucht zu warnen; er hält Boldwood für die bessere Wahl. Boldwood, auf Troy nicht gut zu sprechen, bietet seinem Rivalen eine größere Geldsumme, damit er auf Bathsheba verzichte. Troy tut so, als überlege er, und stellt dann höhnisch klar, dass er Bathsheba bereits geheiratet habe. Er lehnt das Geld ab und mahnt Boldwood, sich nicht einzumischen. Tief beleidigt schwört Boldwood Rache.
Bathsheba muss bald entdecken, dass ihr Ehemann ein unbedachter Spieler ist und sich kaum für den Hof interessiert. Schlimmer noch: Sie hegt den Verdacht, nicht von ihm geliebt zu werden. Tatsächlich hängt Troy noch an seiner früheren Geliebten Fanny Robin, die einmal bei Bathsheba in Diensten stand. Ihr hatte Troy die Ehe versprochen. Doch Fanny hatte am Tag der Trauung irrtümlich die falsche Kirche aufgesucht, und Troy wartete vergeblich vor dem Altar. Verärgert löste er das Versprechen auf, ohne zu wissen, dass Fanny von ihm schwanger war.
Einige Monate später treffen Troy und Bathsheba die heruntergekommene, hochschwangere Fanny auf einer Straße, wie sie sich mühsam zu einem Arbeitshaus schleppt. Troy schickt seine Frau rasch mit der Kutsche fort, ehe Bathsheba die frühere Dienerin erkennt. Er gibt Fanny all sein Geld und verspricht, in einigen Tagen mehr zu besorgen. Mit letzter Kraft erreicht Fanny das Arbeitshaus, wo sie Stunden später im Wochenbett zusammen mit dem Neugeborenen stirbt. Beide werden in einen einfachen Sarg gelegt und nach Weatherbury zu einem schlichten Begräbnis geschickt.
Gabriel, der von der Beziehung zwischen Troy und Fanny weiß, versucht die Sache vor Bathsheba zu vertuschen. Doch sie hat bereits Verdacht geschöpft und voller Eifersucht dafür gesorgt, dass der Sarg über Nacht in ihrem Haus steht. Als alle Diener schlafen, öffnet sie den Sarg und erblickt die frühere Geliebte ihres Mannes mit dem gemeinsamen Kind. Troy hatte sich mit Fanny in Casterbridge verabredet und wartet wiederum vergeblich. Nach Weatherbury zurückgekehrt, wird er von seiner Frau mit dem Sarg und den beiden Toten konfrontiert. Er küsst die Tote und erklärt der entsetzten Bathsheba: „Diese Tote bedeutet mir mehr, als du mir jemals bedeuten kannst!"
Am nächsten Tag bestellt Troy mit seinem ganzen Geld einen Marmorsarkophag für Fanny. Dann verlässt er voller Selbstekel das Haus. Er geht an den Strand, legt seine Kleider ab und schwimmt aufs offene Meer hinaus. Eine Strömung zieht ihn fort, doch ein Fischerboot rettet ihn schließlich.
Ein Jahr später glaubt man Troy ertrunken. Boldwood erneuert seinen Antrag an Bathsheba. Im Bewusstsein der Schuld, die sie auf sich geladen hat, gibt sie ihm eine bedingte Zusage: Sie wolle ihn in sechs Jahren heiraten, sobald Troy für tot erklärt werden kann. Troy aber lebt. Als er erfährt, dass Boldwood erneut um Bathsheba geworben hat, kehrt er am Weihnachtsabend nach Weatherbury zurück, um seinen Anspruch geltend zu machen, ausgerechnet auf einer Feier im Haus Boldwoods. Bathsheba ist bei seinem Erscheinen entsetzt. Als Troy seine Frau mit Gewalt hinausziehen will, erschießt ihn Boldwood. Dann versucht Boldwood, sich selbst zu erschießen, wird aber von seinem Diener gehindert.
Das Gericht verurteilt Boldwood zum Tode durch Erhängen. Seinen Freunden gelingt es, das Urteil abzuwenden: Wegen Geisteskrankheit erhält er eine andere Strafe. Bathsheba lässt ihren Mann neben Fanny begraben. Nach und nach erkennt sie, dass ihr einziger treuer Freund Gabriel ist. Der aber äußert den Plan, nach Kalifornien auszuwandern. Voller Angst, auch ihn zu verlieren, sucht Bathsheba ihn in seiner Hütte auf. Gabriel erklärt, er gehe auch um ihres Rufes willen, denn es gebe Gerüchte über ihre Beziehung. Bathsheba gibt ihm zu verstehen, dass sich ihre Haltung geändert hat. Ermutigt macht Gabriel ihr erneut einen Antrag. Diesmal nimmt Bathsheba an, und beide werden in aller Stille verheiratet.
Stil↑
Schauplatz des Romans ist die erfundene Landschaft Wessex im Süden Englands, die Hardy der Gegend nachbildete, in der er selbst lebte. Orte wie Weatherbury und Casterbridge entsprechen wirklichen Plätzen, tragen aber erfundene Namen. Die Welt des Romans ist die des ländlichen England: Schäfer und Mägde, Höfe und Herden, Arbeitsmärkte und Dorfgemeinschaft. Aus dieser bäuerlichen Welt schöpft Hardy seine Bilder, etwa das nächtliche Steilhang-Unglück der Herde oder die Rettung der vergifteten Schafe durch einen schnellen Eingriff.
Erzählt wird in ruhigem Fortgang über Monate und Jahre, in denen sich die Lebensumstände der Figuren mehrfach umkehren. Auf den Aufstieg folgt der Sturz, auf den Ruin die Erbschaft. Hardy stellt die selbstbewusste Bathsheba und die drei sehr verschiedenen Männer einander gegenüber und führt ihre Wege immer wieder zusammen. Der Roman erschien zunächst als Fortsetzungsgeschichte und ist in seiner Anlage auf diese fortlaufende Lektüre hin angelegt.
Rezeption↑
Veröffentlicht wurde der Roman 1874 zunächst anonym, als Serienfortsetzung im viktorianischen Cornhill Magazine. Dort erreichte er eine weite Leserschaft und machte den Namen des bis dahin wenig bekannten Autors bekannt. Es war Hardys erster größerer literarischer Erfolg. Die zeitgenössischen Kritiken waren zahlreich und meist sehr positiv.
Hardy arbeitete später noch einmal gründlich an dem Text. Für die Ausgabe von 1895 erweiterte er ihn ausgiebig, für eine Neuauflage 1901 überarbeitete er ihn erneut. Der Roman eröffnete die Reihe der „Wessex-Romane", die Hardys Ruhm begründeten. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1967 von John Schlesinger und 2015 von Thomas Vinterberg.
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