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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Allzu laute Einsamkeit
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Cover Allzu laute Einsamkeit
Allzu laute Einsamkeit
1976
– Werkseintrag –

Allzu laute Einsamkeit

1976 · Roman

Ein alter Mann presst im Prager Keller Altpapier zu Ballen und rettet dabei die Bücher, die vernichtet werden sollen – ein stiller Hymnus auf die Kraft der Gedanken in einer Zeit der Zensur.

Überblick↑

Der kurze Roman Allzu laute Einsamkeit stammt vom tschechischen Schriftsteller Bohumil Hrabal. Er erzählt von einem alten Mann, der in einem Prager Keller Altpapier zu Ballen presst und dabei seltene und verbotene Bücher vor der Vernichtung rettet. Über die Jahre hat er sich so eine gewaltige Sammlung und ein enormes Wissen angeeignet – ein Sammler von Gedanken in einer Zeit der Zensur. Wegen eben dieser politischen Zensur konnte das Buch zunächst nur im Untergrund erscheinen. 1976 verbreitete Hrabal es im selbstgedruckten Samisdat, offiziell in der Tschechoslowakei erst 1989.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Ich-Erzähler ist Haňťa, ein zurückgezogener Mann kurz vor dem Ruhestand. Seit fünfunddreißig Jahren presst er in einem Prager Keller Altpapier zusammen: Metzgerpapier, Abfälle, Schnipsel – und immer wieder Bücher, die vernichtet werden sollen. Doch Haňťa hält bei der Arbeit inne, um zu lesen und Bücher zu retten. So hat er sich ein enzyklopädisches Wissen angeeignet und seine Wohnung mit über zwei Tonnen Büchern gefüllt, besonders mit Werken der Philosophie und der Religion.

Haňťa arbeitet quälend langsam, denn jeden Ballen umhüllt er mit Nachdrucken großer europäischer Kunstwerke und legt in sein Inneres ein seltenes Buch. Für ihn sind diese Ballen Kunstwerke. Nach der Pensionierung träumt er davon, seine Presse zu kaufen und Tag für Tag einen solchen Ballen zu schaffen – so wie sein geliebter Onkel sich nach dem Berufsleben bei der Eisenbahn einen Signalturm und eine Lokomotive kaufte.

Während er weiterarbeitet, träumt Haňťa, erinnert sich und sinnt über sein Leben nach. Immer wieder tauchen Bilder aus seiner Jugend auf und die Liebe, die er einst verlor. Zugleich zieht eine neue Zeit herauf: Er hört von einer modernen, vollautomatischen Papierpresse, die schneller und teilnahmslos arbeitet. Dieser Fortschritt stellt alles infrage, was ihm heilig ist.

Die Handlung im Detail↑

Der Roman wird durchgehend von Haňťa erzählt. Neben Metzgerpapier, Altpapier und Schnipseln presst er auch verbotene Bücher, die zur Vernichtung bestimmt sind. Doch er unterbricht seine Arbeit, um zu lesen und Bücher zu bewahren. In fünfunddreißig Jahren hat er sich ein umfassendes literarisches Wissen erworben und seine Wohnung mit mehr als zwei Tonnen Büchern gefüllt. Jeden Ballen umwickelt er mit Reproduktionen klassischer europäischer Kunst und bettet ein seltenes Buch in die Mitte. Nach der Pensionierung möchte er seine hydraulische Presse kaufen, täglich einen Ballen als echtes Kunstwerk schaffen und nach einem Jahr die Menschen zu einer Ausstellung einladen, bei der die Besucher ihre eigenen Ballen formen dürfen.

Sein Onkel stirbt, und Haňťa wird gerufen, um sich um den Leichnam zu kümmern. Das weckt die Erinnerung an die längst verlorene Liebe seiner Jugend, ein Mädchen, das er nur als Zigeunermädchen bezeichnet. Er erinnert sich, wie sie gemeinsam einen Drachen steigen ließen. Eines Tages wartete sie nach der Arbeit nicht mehr auf ihn. Später erfuhr Haňťa, dass die Gestapo sie ergriffen und in ein Konzentrationslager verschleppt hatte. Als sie nach Kriegsende nicht zurückkehrte, verbrannte er ihren Drachen. Ihren Namen weiß er nicht mehr.

Dann hört Haňťa von einer neuen, automatischen Presse, die von einer Brigade der sozialistischen Arbeit betrieben wird. Er besucht sie und ist erschüttert von ihrer Effizienz und der teilnahmslosen Haltung der Arbeiter. Er läuft zurück zu seiner eigenen Presse und arbeitet fieberhaft, im Gefühl, seine künstlerischen Tage seien vorbei. Doch es ist zu spät: Sein Chef erklärt, er werde keine Zeit mehr an Haňťa verschwenden. In einer traumartigen Szene sucht Haňťa eine weitere Liebe seiner Jugend auf, die inzwischen mit einem Künstler zusammenlebt, der eine Statue von ihr in Gestalt eines Engels formt.

Zwei sozialistische Arbeiter übernehmen Haňťas Presse, und er wird versetzt, um völlig sauberes Papier zu pressen. Weil er den effizienten, teilnahmslosen Arbeitern nicht länger zusehen kann, rettet er ein letztes Buch, um es einem Freund zu bringen. Er geht durch die Stadt, wieder in einer traumartigen Folge von Bildern, kehrt in mehreren Brauereien ein und denkt über den Umbruch nach, der ihm bevorsteht. Schließlich geht er fast unbewusst zu seinem Keller. Trotzig legt er sich in seine Presse, umklammert ein Buch von Novalis und setzt die Maschine in Gang. Im Augenblick seines Todes sieht er das Bild seines Zigeunermädchens, das einen Drachen mit seinem Gesicht steigen lässt. In diesen Bildern fällt ihm endlich ihr Name wieder ein: Ilonka.

Stil↑

Geprägt ist das Buch von einer besonderen Erzählweise, die Hrabal selbst pábení nannte – am ehesten mit „Palavern“ zu übersetzen. Die Erzählung mäandert durch Haňťas Alltag: durch seine Wege zwischen Arbeit und Wohnung, durch seine Begegnungen, seine Erinnerungen und die Weisheit, die er aus seinen geliebten Büchern zieht. Dieser abschweifende Erzählstrom treibt die Handlung nur langsam voran und nimmt sich Zeit, Sinnbilder und Themen auszubreiten. Biographen führen diesen Stil auf Hrabals Jugend zurück: Er tat sich mit der Schule schwer, streifte lieber durch die Stadt, beobachtete Menschen bei der Arbeit und lauschte ihrer Sprache – und den weitschweifigen Erinnerungen seines Onkels, der lange bei der Familie wohnte.

Der Roman entfaltet seine Themen in Sinnbildern und in einer allegorischen Betrachtung des Lebens in der Tschechoslowakei unter der Zensur. Ein Motiv ist die Gewalt und die Zerstörung: Haňťa bekennt, beim Pressen der Bücher die Schönheit der Vernichtung gelernt zu haben, und vergleicht sich selbst mit einem Metzger. Immer wieder kehren Bilder von Mäusen und Ratten wieder – so ein „Rattenkrieg“ tief unter der Stadt, in dem weiße gegen braune Ratten kämpfen, ein Sinnbild für die Sinnlosigkeit und Beständigkeit menschlicher Gewalt.

Ein weiteres Spannungsfeld ist der technische Fortschritt: Die neue Presse steht für eine neue Zeit, für den Bruch mit dem Alten und für die Vernichtung der Bücher ohne jedes Unterscheiden. Das eigentliche Hauptthema aber ist der Gegensatz zwischen dem zerstörbaren Buch und der unzerstörbaren Idee. Haňťa setzt Bücher mit Körpern gleich, doch wo das Papier vergeht, lebt der Gedanke weiter. So wird das Buch zu einem stillen Widerstand: Selbst wenn Bücher verboten und vernichtet werden, verbreiten sich ihre Ideen dennoch – Inquisitoren verbrennen Bücher vergebens.

Rezeption↑

Entstanden ist das Buch in einer Zeit strenger politischer Zensur, und seine Veröffentlichungsgeschichte spiegelt genau diese Bedingungen wider. 1976 brachte Hrabal es zunächst im selbstverlegten Samisdat unter die Leser, also im verbotenen Untergrunddruck. Offiziell in der Tschechoslowakei erscheinen konnte es erst 1989. 1990 legte Michael Henry Heim eine englische Übersetzung vor, die dem Werk über den tschechischen Sprachraum hinaus Leser verschaffte. So wurde die Erzählung zu einem vielgelesenen Stück von Hrabals Prosa, das die Erfahrung von Zensur und die Kraft der Bücher eindringlich festhält.

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