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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · All the King's Men
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Cover All the King's Men
All the King's Men
1946
– Werkseintrag –

All the King's Men

1946 · Roman

Ein Reporter erzählt vom Aufstieg eines Südstaaten-Gouverneurs, der die Massen mitreißt und dabei jeden um sich herum in seine Machenschaften verstrickt.

Überblick↑

Der Roman All the King's Men von Robert Penn Warren erschien 1946 in den Vereinigten Staaten. Er erzählt vom Aufstieg des Populisten Willie Stark, der in den Südstaaten der Depressionszeit Gouverneur wird. Vorbild für diese Figur war der Politiker Huey P. Long, Gouverneur von Louisiana und später Senator, der 1935 einem Attentat zum Opfer fiel. Der Titel stammt aus dem englischen Kinderreim vom Humpty Dumpty. Warren erhielt für das Buch 1947 den Pulitzer-Preis. Entstanden ist der Roman aus einem Versdrama mit dem Titel Proud Flesh, an dem Warren seit 1936 arbeitete; eine Figur darin hieß Willie Talos, nach dem gewalttätigen Talus aus Edmund Spensers Versepos The Faerie Queene. Warren selbst erklärte, das Buch sei nie als Buch über Politik gedacht gewesen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Willie Stark, ein Anwalt aus einfachen Verhältnissen, der zunächst als aussichtsloser Kandidat antritt und sich dann zum mächtigen Gouverneur eines Südstaates entwickelt. Um an die Macht zu kommen und sie zu halten, baut er einen gewaltigen Apparat aus Gefälligkeiten, Ämterversorgung und Einschüchterung auf. In der Volksvertretung macht er sich damit viele Feinde. Bei seinen Wählern wächst der Zuspruch dennoch, weil sein feuriger Ton sie mitreißt.

Erzählt wird die Geschichte von Jack Burden, einem politischen Reporter, der abgebrochener Geschichtsstudent ist und schließlich zur rechten Hand des Gouverneurs wird. Jack fasziniert das Rätsel dieses Mannes, und zugleich sucht er nach einem Grundgedanken, der dem Erlebten einen Sinn geben könnte. Um ihn herum stehen Menschen, die sein Leben seit der Kindheit begleiten: Anne Stanton, seine Jugendliebe und Tochter des früheren Gouverneurs, ihr Bruder Adam, ein hoch angesehener Arzt, und Richter Irwin, eine Art Vaterfigur für Jack.

Stark plant als Herzstück seiner Amtszeit ein neues Krankenhaus. Zugleich trägt er Jack auf, in Irwins Vergangenheit nach etwas zu suchen, womit sich der alte Richter erpressen ließe. Damit beginnt eine Nachforschung, die Jack tiefer in seine eigene Herkunft führt, als ihm lieb ist. Die Laufbahn Starks und Jacks Lebensgeschichte verflechten sich immer enger: In gewissem Sinn ist es eine einzige Geschichte.

Die Handlung im Detail↑

Aus dem idealistischen und zunächst chancenlosen Anwalt Willie Stark wird im Lauf des Romans ein Gouverneur von enormer Macht, den alle nur „den Boss“ nennen. Er bedient sich der Korruption in vielerlei Gestalt und hält seine Anhängerschaft durch Posten und Druckmittel zusammen. Sein treuer Leibwächter Sugar-Boy, der stottert, hängt an ihm, weil der Boss so gut reden kann. Jack Burden, der Erzähler, arbeitet als Journalist und persönlicher Mitarbeiter für ihn und mischt beim Erzählen seine eigene Vergangenheit unter die politische Geschichte des Gouverneurs.

Ein früheres Forschungsprojekt Jacks kehrt dabei immer wieder: die Lebensgeschichte des Vorfahren Cass Mastern, eines Mannes von hohen moralischen Grundsätzen und Studenten am Transylvania College in Kentucky. Aus dessen Tagebüchern und Briefen tritt der Verrat an einem Freund hervor, dessen Folgen sich immer weiter ausbreiten und viele Menschen ins Unglück ziehen. Jack ahnt beim Studium dieses Stücks Geschichte aus der Zeit des Bürgerkriegs, dass jede Handlung unabsehbare Folgen hat und alle Menschen miteinander verbunden sind. Seine Doktorarbeit bringt er nie zu Ende, wie er andeutet vielleicht aus Angst vor genau dieser Einsicht.

Auf Starks Auftrag hin durchforscht Jack die Vergangenheit von Richter Irwin und findet, was er sucht: Vor vielen Jahren nahm Irwin Bestechungsgeld an, um eine Klage gegen eine Brennstofffirma niederzuschlagen. Ein Mann namens Mortimer Littlepaugh wurde dadurch zugrunde gerichtet. Jack legt dem Richter die belastenden Beweise vor. Bevor sie gegen ihn verwendet werden können, nimmt Irwin sich das Leben. Erst danach erfährt Jack von seiner Mutter, dass Irwin sein Vater war.

Für sein liebstes Vorhaben, ein großes Krankenhaus mit medizinischem Zentrum, gewinnt Stark den Arzt Adam Stanton als Leiter. Jack sieht in Adam den Gegenpol zum Gouverneur: Adam ist der Mann der Ideen, Stark der Mann der Taten, und Adams tiefster Antrieb ist das Bedürfnis, Gutes zu tun. Zunächst widert ihn das Angebot an, weil er Starks Politik verabscheut. Jack und Anne überreden ihn schließlich zur Annahme und nehmen ihm damit seine moralische Unabhängigkeit. Anne selbst, die Stark wie die meisten von Jacks Freunden ablehnt, beginnt nach einer erschütternden Enthüllung über ein moralisches Versagen ihres Vaters eine Affäre mit dem Gouverneur.

Jack flieht vor dem, was er entdeckt hat, in eine Reise nach Westen und findet dort eine Formel, die er die „große Zuckung“ nennt: Alle Worte bedeuteten nichts, es gebe nur den Puls im Blut und das Zucken der Nerven, wie beim Schenkel eines toten Frosches, durch den man Strom leitet. Auf der Rückfahrt aus Kalifornien nimmt er einen alten Mann mit, dessen Gesicht unwillkürlich zuckt. Dieses Bild wird ihm zum Sinnbild seiner Überzeugung, das ganze Leben sei nichts als dunkel strömendes Blut und zuckender Nerv.

Der Vizegouverneur Tiny Duffy setzt Adam über das Verhältnis seiner Schwester zu Stark in Kenntnis. Adam wirft Anne vor, man bezahle ihn nicht dafür, den Zuhälter für die Hure seiner Schwester zu geben. In seinem zerstörten Stolz stellt er den Gouverneur im Kapitol und erschießt ihn, so wie auch Huey Long von einem Arzt im Gebäude des Parlaments erschossen wurde. Adam überlebt die Tat nicht.

Die Todesfälle – Stark, sein Jugendfreund Adam und der Richter Irwin, sein Vater – überzeugen Jack schließlich davon, dass die „große Zuckung“ nicht erklärt, was er gesehen hat. Er erkennt, dass seine Freunde zwar dem Untergang geweiht waren, aber nicht einem blinden Schicksal unterlagen: Sie lebten in der Qual des eigenen Willens. Am Ende weiß Jack, dass man aus der Geschichte heraus in die Geschichte und in die furchtbare Verantwortung der Zeit treten muss.

Stil↑

Getragen wird das Buch von der Stimme Jack Burdens, der im Rückblick erzählt und dabei ständig zwischen der politischen Laufbahn des Gouverneurs und seinem eigenen Leben hin und her springt. Erinnerungen an Anne Stanton, an die Kindheit und an den Richter schieben sich zwischen die Kapitel über Machtkämpfe und Wahlkampf. Eingelagert ist als eigene Erzählung die Geschichte des Vorfahren Cass Mastern, die Jack aus Tagebüchern und Briefen zusammensetzt. Sie wirkt wie ein Spiegel des ganzen Romans: eine einzige Untat, deren Folgen sich unaufhaltsam weiterziehen.

Der Grundgedanke, dass jede Handlung Folgen hat und niemand bloß Zuschauer des Lebens bleiben kann, prägt den Aufbau ebenso wie die Bildsprache. In der Stimmung der dreißiger Jahre scheint die ganze Bevölkerung die Verantwortung abzugeben und stellvertretend durch heilsbringende Politikerfiguren wie Stark zu leben. So erfüllt Stark die Wünsche vieler Figuren oder scheint es zumindest zu tun. In diesem Sinn sind sie alle „des Königs Männer“, eine Zeile aus dem Kinderreim vom Humpty Dumpty. Warrens Biograf Joseph Blotner hat darauf hingewiesen, dass jede der Hauptfiguren wie Humpty Dumpty einen Sturz erlebt. Der Titel spielt zugleich auf Huey Longs Wahlspruch an, jeder Mensch sei ein König.

Wiederkehrende Bilder halten die Gedankenwelt des Erzählers zusammen. Das stärkste ist die „große Zuckung“, jener Nihilismus, den Jack unterwegs annimmt und der das Leben auf Blutstrom und Nervenreiz zusammenschrumpfen lässt. Der Gegensatz zwischen dem Mann der Ideen und dem Mann der Taten ordnet die Figuren; die Sprache bleibt dabei anschaulich und alltagsnah, bis hinunter zum Stottern des Leibwächters.

Rezeption↑

Ausgezeichnet wurde der Roman 1947 mit dem Pulitzer-Preis. Die Kritik nahm ihn mit Lob auf, und beim Publikum blieb er seit dem ersten Erscheinen beliebt. Die Modern Library führte ihn auf Platz 36 der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts, und das Magazin Time nahm ihn unter seine 100 besten Romane auf. Eine von Noel Polk betreute Ausgabe von 2002 gilt als „wiederhergestellte Fassung“: Sie behält für den Boss den ursprünglich im Manuskript stehenden Namen Willie Talos bei und druckt mehrere in der Erstausgabe gestrichene Passagen mit ab.

Warren selbst schrieb mehrere Bühnenfassungen, eine davon 1947 in enger Zusammenarbeit mit dem deutschen Regisseur Erwin Piscator. Im Januar 1949 sendete das NBC University Theatre eine Hörfunkfassung mit Wayne Morris als Jack Burden und Paul Frees als Willie Stark. Wenige Monate später kam die Verfilmung in die Kinos, die im deutschen Sprachraum unter dem Titel Der Mann, der herrschen wollte lief. Sie erhielt drei Oscars, für den besten Film, für Broderick Crawford als besten Hauptdarsteller und für Mercedes McCambridge als beste Nebendarstellerin, und war in vier weiteren Kategorien nominiert. Die Library of Congress nahm den Film 2001 als kulturell bedeutend in das National Film Registry auf. Bemerkenswert ist, dass er in der Handlung deutlich vom Roman abweicht.

Weitere Bearbeitungen folgten. Das Kraft Television Theatre des Senders NBC zeigte im Mai 1958 eine Fernsehfassung unter der Regie von Sidney Lumet mit Neville Brand als Willie Stark. 1971 entstand beim belarussischen Fernsehen eine sowjetische Verfilmung mit Georgi Schschonow als Willie Stark, Michail Kosakow als Jack Burden, Alla Demidowa als Anne, Oleg Jefremow als Adam, Rostislaw Pljatt als Irwin und Lew Durow als Sugar-Boy. Ursprünglich spielte Pawel Luspekajew die Hauptrolle; er war jedoch schwer krank und starb, als erst rund ein Drittel der Aufnahmen fertig war. Eine zweite Kinofassung schuf 2006 der Autor und Regisseur Steven Zaillian, der sich enger an Warrens Vorlage halten wollte; sie enttäuschte bei Kritik und Publikum. Der amerikanische Komponist Carlisle Floyd machte aus dem Stoff die abendfüllende Oper Willie Stark, die 1981 von der Houston Grand Opera in Auftrag gegeben und uraufgeführt wurde. 2007 nahm sich die Opernabteilung der Louisiana State University des Werks an, der Komponist besuchte die Universität und beriet die Aufführung.

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