1914 – 1997
Bohumil Hrabal
Kurzbiografie↑
Zu den bedeutendsten tschechischen Autoren des 20. Jahrhunderts zählt Bohumil Hrabal, geboren am 28. März 1914 und gestorben am 3. Februar 1997 in Prag. Sein Werk speist sich aus einer langen Reihe von Gelegenheitsberufen und aus den Menschen, die ihm dabei begegneten. Die endlosen Erzählungen seines Onkels Pepin prägten seinen unverwechselbaren Stil. Für diese Art des ausufernden, mündlichen Erzählens erfand Hrabal ein eigenes Wort. Erst 1963 machte er das Schreiben zu seinem Beruf.
Biografie↑
Über seinen Geburtsort gehen die Quellen auseinander: Die Deutsche Nationalbibliothek nennt Brünn, während Wikidata den Brünner Stadtteil Brno-Židenice angibt. Zur Welt kam er dort 1914 als unehelicher Sohn von Marie Kilianová und dem österreichischen Offizier Bohumil Blecha. Der leibliche Vater war nicht bereit, das Kind anzuerkennen. Bis zum dritten Lebensjahr lebte Bohumil deshalb bei den Großeltern in Brünn.
Als seine Mutter 1916 den Brauerei-Buchhalter František Hrabal heiratete, nahm dieser den Jungen als seinen Sohn an. 1919 zog die Familie nach Nymburk an der Elbe, wo Hrabal Kindheit und Jugend verbrachte. Diese Jahre kehren in mehreren seiner Werke wieder, etwa in der Trilogie Das Städtchen am Wasser mit den Teilen Die Schur, Schöntrauer und Harlekins Millionen sowie in Das Städtchen, in dem die Zeit stehenblieb.
In der Schule war Hrabal kein besonders guter Schüler. Sein Interesse galt dem Geschehen in der Brauerei und Josef, genannt Onkel Pepin, dem Bruder seines Stiefvaters, der „zu Besuch kam und bis zum Tode blieb“. Ein langer stilisierter Monolog Onkel Pepins findet sich in Tanzstunden für Erwachsene und Fortgeschrittene.
Seit den 1930er Jahren schrieb Hrabal literarische Texte, die zunächst unveröffentlicht blieben. Nach seiner Matura 1935 studierte er an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Karls-Universität in Prag. Daneben besuchte er Vorlesungen über Literaturgeschichte, Kunst und Philosophie. Weil die tschechischen Hochschulen während der NS-Protektoratszeit geschlossen waren, konnte er sein Studium erst 1946 abschließen.
Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Hrabal bei der Eisenbahn als Fahrdienstleiter in Kostomlaty nad Labem. Auch diese Erfahrung fand später literarischen Niederschlag, in Reise nach Sondervorschrift – Zuglauf überwacht. Danach war er als Versicherungsagent und Handelsreisender tätig und ab 1949 als Hilfsarbeiter in einer Stahlhütte. Nach einem schweren Unfall arbeitete er dort von 1953 bis 1959 als Verpacker von Altpapier in einem Rohstofflager. Diese Zeit verarbeitete er in einer seiner bekanntesten Erzählungen, Allzu laute Einsamkeit, sowie im ersten Teil der autobiographischen Romantrilogie Hochzeiten im Hause. 1956 heiratete er auf Schloss Libeň in Prag Eliška Plevová.
Erste Texte erschienen vereinzelt in den 1950er Jahren. Zum Beruf machte Hrabal das Schreiben 1963. 1965 kaufte er sich ein Ferienhaus in Kersko, das zur Inspiration für die Sammlung Schneeglöckchenfeste wurde.
Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings galt für Hrabals Werke ab 1970 ein Publikationsverbot. Er schrieb daher in Samisdat- oder Exil-Zeitschriften. 1975 veröffentlichte er in der Zeitschrift Tvorba einen selbstkritischen Aufsatz, der es ihm unter teilweise strenger Aufsicht der Zensur ermöglichte, wieder zu publizieren. Eine Reihe seiner Werke erschien im Verlag Pražská imaginace, anfänglich ein Samisdat-Verlag. Dort kam zwischen 1991 und 1997 sein gesammeltes Werk in 19 Bänden heraus.
Bohumil Hrabal starb 1997 in Prag, nachdem er beim Füttern von Tauben aus dem fünften Stock des Krankenhauses Na Bulovce stürzte, in dem er in Behandlung war. Ob es sich um einen Suizid oder einen Unfall handelte, ist nicht endgültig geklärt. Die ungewöhnliche Todesart, die an Szenen aus seinem Werk erinnert, nährte Spekulationen über einen Freitod. Er wurde im Familiengrab auf dem Friedhof in Hradištko u Sadské bestattet.
Literarische Merkmale↑
Prägend für Hrabals Schreiben wurde der Redefluss seines Onkels Pepin, der ausufernd und mündlich von allem Möglichen erzählte. Diese Art des Erzählens diente Hrabal als Vorbild für seinen charakteristischen literarischen Stil. Dafür erfand er das Fantasiewort „pábit“, das ins Deutsche als „bafeln“ übertragen wurde. Ein Beispiel für diesen langen, stilisierten Monolog findet sich in Tanzstunden für Erwachsene und Fortgeschrittene. Immer wieder verarbeitete Hrabal eigene Lebensstationen im Werk, von der Kindheit in Nymburk über die Arbeit bei der Eisenbahn bis zu den Jahren im Altpapierlager.
Rezeption↑
Als einer der bedeutendsten tschechischen Autoren des 20. Jahrhunderts gilt Bohumil Hrabal bis heute. Seine literarische Wirkung überstand auch die Jahre der Unterdrückung: Nach dem Prager Frühling mit einem Publikationsverbot belegt, veröffentlichte er zunächst in Samisdat- und Exil-Zeitschriften, ehe er unter Aufsicht der Zensur wieder drucken durfte. Ein Zeichen für die Anerkennung seines Schaffens ist die Gesamtausgabe im Verlag Pražská imaginace, die zwischen 1991 und 1997 in 19 Bänden erschien.
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