1864 – 1947
Ricarda Huch
Kurzporträt↑
Ricarda Huch (1864–1947) gehört zu den vielseitigsten deutschen Schriftstellerinnen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sie war Romanautorin, Lyrikerin, Historikerin und Philosophin. Sie zählte zu den ersten Frauen im deutschsprachigen Raum, die im Fach Geschichte promoviert wurden. Ihr Werk umfasst autobiografisch gefärbte Romane. Dazu kommen große historische Darstellungen über die Romantik, das Risorgimento, den Dreißigjährigen Krieg und die deutsche Revolution von 1848 sowie religionsphilosophische Schriften. Bekannt wurde sie nicht nur als Dichterin, sondern auch als aufrechte Stimme gegen den Nationalsozialismus. 1933 trat sie als erstes Mitglied aus der Preußischen Akademie der Künste aus, um gegen den Ausschluss Alfred Döblins zu protestieren. Geehrt wurde sie unter anderem mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt (1931) und der Ehrendoktorwürde der Universität Jena (1946).
Biografie↑
Ricarda Octavia Huch wurde am 18. Juli 1864 in Braunschweig geboren. Sie war das dritte Kind des Kaufmanns Richard Huch und seiner Frau Emilie, geborene Haehn. Die Familie war eine seit 1815 in Braunschweig ansässige, wohlhabende Kaufmannsfamilie. Aus ihr gingen mehrere Schriftsteller hervor, darunter Ricardas Bruder Rudolf und ihre Cousins Friedrich und Felix Huch. Laut der Deutschen Biographie war ihr Vater Großkaufmann in Porto Alegre in Brasilien gewesen. Nach dem Zusammenbruch seines Handelshauses siedelte er 1864 nach Braunschweig über. Ricarda wuchs in der Villa Hohetorpromenade 11 auf und verlebte dort mit ihren Geschwistern eine sorglose Kindheit. Schon früh schloss sie eine lebenslange Freundschaft mit der späteren Schriftstellerin Anna Klie. Diese brachte ihr unter anderem das Werk Gottfried Kellers nahe.
1879 heiratete ihre Schwester Lilly den gemeinsamen Cousin, den promovierten Juristen Richard Huch. Im Jahr darauf verliebte sich Ricarda leidenschaftlich in ihren Schwager. Die Lage eskalierte zu einem stadtweiten Skandal, sodass Ricarda Braunschweig 1886 verlassen musste. Sie ging nach Zürich, weil Mädchen in Deutschland noch kein Abitur machen konnten. 1888 nahm sie dort ein Studium der Geschichte, Philologie und Philosophie auf. 1891 beendete sie es mit dem Examen für das Lehramt an Höheren Schulen. 1892 wurde sie als eine der ersten Frauen an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich promoviert. Ihre historische Arbeit behandelte die Neutralität der Eidgenossenschaft während des Spanischen Erbfolgekriegs. Während des Studiums arbeitete sie ab 1889 als unbezahlte Hilfskraft, ab November 1891 als Sekretärin an der Stadtbibliothek Zürich. Den Alltag empfand sie oft als langweilig. Daneben unterrichtete sie an der Töchterschule und veröffentlichte erste Texte. 1891 erschien unter dem Pseudonym Richard Hugo ihr erster Gedichtband. 1892 folgte das Buehnenstueck Evoë!, 1893 der Roman Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren. Darin verarbeitete sie ihre Beziehung zu Richard Huch und den Niedergang ihrer eigenen Familie – lange vor Thomas Manns Buddenbrooks.
1896 nahm Huch eine Stelle als Lehrerin für Deutsch und Geschichte in Bremen an. Sie ging eine kurzzeitige Verlobung mit dem Juristen Hermann Wilhelm Eggers ein und engagierte sich gegen Alkoholmissbrauch. 1897 entschied sie sich für das Leben als freie Schriftstellerin in Wien und begann über die Romantik zu arbeiten. Das Buch Blütezeit der Romantik erschien 1899. In Wien lernte sie den sieben Jahre jüngeren Zahnarzt Ermanno Ceconi kennen, den sie 1898 heiratete. Mit ihm lebte sie bis 1900 in dessen Heimatstadt Triest, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. 1899 wurde dort ihre Tochter Marietta geboren. In dieser Zeit erarbeitete sie die Geschichte der italienischen Einigung und die Rolle Garibaldis. Diese Forschungen trugen ihr später die Sympathie der italienischen Faschisten ein und bewahrten sie dadurch im nationalsozialistischen Deutschland vor Verfolgung.
1900 zog die Familie nach München. 1905 begann Ceconi ein Verhältnis mit Kaete Huch, der Tochter ihrer Schwester Lilly und ihres Jugendschwarms Richard Huch. Daraus folgte die Scheidung beider Paare. 1907 heirateten Ricarda und Richard Huch. Lebensmittelpunkt war jetzt wieder Braunschweig. Diese Ehe blieb unglücklich und wurde 1911 geschieden. 1914 starb Richard Huch. Ricarda kehrte 1911 nach München zurück und trat 1913 dem neugegruendeten Münchner Schriftstellerinnen-Verein bei. Während des Ersten Weltkriegs lebte sie 1916 bis 1918 erneut in der Schweiz, danach wieder in München. Dort entstanden große Werke wie die Biographie Michael Bakunin und die Anarchie (1923) sowie religionsphilosophische Schriften wie Luthers Glaube und Der Sinn der Heiligen Schrift. Sie lernte Thomas Mann, Annette Kolb und Rainer Maria Rilke kennen. Mit Vordenkerinnen der Frauenbewegung wie Ika Freudenberg und Gertrud Baeumer stand sie im Briefwechsel.
1926 wurde Ricarda Huch als erste Frau in die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste aufgenommen. 1927 zog sie zu ihrer Tochter Marietta und deren Mann Franz Böhm nach Berlin und blieb dort bis 1932. In dieser Zeit entstand ihr Buch über die deutsche Revolution 1848/1849, Alte und neue Götter (1930). 1932 ging sie wegen eines Lehrauftrags ihres Schwiegersohns nach Freiburg im Breisgau. Nach der Machtergreifung verweigerte sie 1933 die von der Preußischen Akademie verlangte Loyalitaetserklaerung. Als Protest gegen den Ausschluss Alfred Döblins trat sie als erstes Mitglied aus der Akademie aus. Die nationalsozialistischen Stellen reagierten zwiespältig. Ihr Ausscheiden blieb unveröffentlicht, sie wurde Mitglied im Ehrensenat des Reichsverbandes Deutscher Schriftsteller und erhielt zum 80. Geburtstag sogar Glückwunschtelegramme von Goebbels und Hitler. Doch der Geburtstag durfte in der Presse nicht erwähnt werden. Ihre Bücher wurden nicht verbrannt, aber totgeschwiegen, was ihre Einkünfte stark verringerte. Ihre Schrift über Bakunin sowie das Vorwort zu Friedrich von Oppeln-Bronikowskis Streitschrift gegen den Antisemitismus wurden verboten. Aus finanziellen Gründen trat sie der Reichsschrifttumskammer bei. Ihre dreibändige Deutsche Geschichte erschien in den Jahren 1934, 1937 und – für den dritten Band – erst 1949 in Zürich, zwei Jahre nach ihrem Tod.
Nach dem Krieg ging es Ricarda Huch darum, den Widerstandskämpfern ein Denkmal zu setzen. Sie hielt unter anderem die Erinnerung an die Weiße Rose und die Geschwister Scholl wach und übergab 1947 Material zur Roten Kapelle an den Schriftsteller Günther Weisenborn. 1946 wurde sie von der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit der Ehrendoktorwürde geehrt. Als Alterspräsidentin gehörte sie der Beratenden Landesversammlung Thüringen an. Im Oktober 1947 trat sie auf dem Ersten deutschen Schriftstellerkongress im sowjetischen Sektor Berlins als Ehrenpräsidentin auf. Doch wenige Stunden nach ihrer Rede floh sie aus der sowjetischen Besatzungszone und reiste zu ihrem Schwiegersohn nach Frankfurt am Main, wo dieser hessischer Kultusminister geworden war. Den Strapazen der Reise im ungeheizten Zug war ihre Gesundheit nicht mehr gewachsen. Sie starb am Morgen des 17. November 1947. In der Forschung umstritten ist der genaue Sterbeort. Wikidata gibt Schönberg an, die Deutsche Nationalbibliothek Kronberg-Schönberg. Die Deutsche Biographie verzeichnet Schönberg (Taunus), Wikipedia Kronberg im Taunus. Ihr Grab fand sie als Ehrengrab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.
Literarische Merkmale↑
Ricarda Huchs Schreiben verbindet Dichtung und historische Forschung zu einer eigenen Form. Ihre frühen Gedichte, Dramen und Erzählungen sind in einer bewusst stilisierten Sprache gehalten, die von Musikalität und Gefühlsreichtum geprägt ist. Laut der Deutschen Biographie verschmelzen darin die enthusiastische Feier von Liebe und Leben mit einem resignativen Hang zur Verklärung von Vergänglichkeit und Tod. Diese Haltung teilt sie mit den Vertretern des Jugendstils, und sie hebt sie deutlich vom gleichzeitigen Naturalismus ab. Wikipedia beschreibt ihren Stil treffend als zugleich konservativ und unkonventionell.
In den frühen, autobiografisch gefärbten Romanen wie Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren (1893) und Vita somnium breve (1903, später Michael Unger) projiziert Huch ihre eigene Erlebniswelt rückschauend in einen lyrisch-romanhaften Raum. Mit dem in Triest spielenden Roman Aus der Triumphgasse (1902) wendet sie sich erstmals der unmittelbaren Konfrontation mit sozialen Missständen zu. Dabei gibt sie die künstlerische Distanz zur Wirklichkeit nicht auf – jenen Zug zur Romantik, der nach Einschätzung der Deutschen Biographie richtungweisend für die neuromantische Bewegung wurde. Ihre literaturwissenschaftliche Untersuchung Die Romantik (1899/1902) verfolgt ausdrücklich das Ziel, zur Erneuerung der eigenen Epoche aus dem Geist der Romantik beizutragen.
Ihre späteren historischen Werke tragen Zuege persönlichen Bekenntnisses. Schon in Das Risorgimento (1908) und mehr noch in der Charakterstudie Wallenstein (1915) entwickelt sie aus einer kritischen Analyse historischer Persönlichkeiten den jeweils typischen Menschen einer Epoche. In Michael Bakunin und die Anarchie (1923) nutzt sie die Gestalt Bakunins, um die gesellschaftspolitischen Ideen des 19. Jahrhunderts darzustellen. Dabei gibt sie dem von Bakunin vertretenen dynamischen Kollektivismus den Vorzug vor dem Marxschen Kommunismus. Ähnlich projiziert sie in ihrer Studie über den Freiherrn vom Stein eigene Ideale auf die historische Figur und macht aus Stein das Idealbild eines „heimlichen Kaisers".
Als Höhepunkt ihres Schaffens gilt der Deutschen Biographie zufolge das dreibändige Werk Der große Krieg in Deutschland (1912–14). Sie selbst nannte es nicht mehr Roman, sondern „Darstellung". In Vorahnung des Ersten Weltkriegs entwirft sie darin aus einer Fülle von Einzelschicksalen das Bild einer Epoche, die ihres eigenen Wesens nicht mehr bewusst ist. Dichterisches Vermögen und wissenschaftliche Genauigkeit greifen hier ineinander. Huch erweist sich als Historikerin, die in universalgeschichtlichen Dimensionen denkt.
Rezeption↑
Schon ihre erste Veröffentlichungen wurden wahrgenommen. Das Buehnenstueck Evoë! (1892) fand in der Presse wohlwollende Aufnahme, wenngleich der enzyklopädisch-gelehrte Stil moniert wurde. Der Roman Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren (1893) erschien zum Entsetzen ihrer Familie. Er nahm Motive vorweg, die später Thomas Manns Buddenbrooks prägen sollten. Ihre Neuen Gedichte mit ihrer sexuell freizügigen Liebeslyrik stießen unter anderem bei Richard Dehmel auf Kritik.
Die Aufnahme in die offiziellen Institutionen folgte schrittweise. 1924 wurde Ricarda Huch Ehrensenatorin der Universität München. 1926 wurde sie als erste Frau in die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste aufgenommen. 1931 erhielt sie den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main, 1944 den Wilhelm-Raabe-Preis der Stadt Braunschweig und 1946 die Ehrendoktorwürde der Universität Jena.
Während des Nationalsozialismus war ihre Stellung zwiespältig. Einerseits wurde sie totgeschwiegen, ihre Bakunin-Studie und das Vorwort zu Oppeln-Bronikowskis Streitschrift gegen den Antisemitismus wurden verboten. Andererseits wagte das Regime wegen ihrer Verbindungen nach Italien und aus Furcht vor negativer Propaganda kein offenes Vorgehen. Der erste Band ihrer Deutschen Geschichte (1934) wurde von der offiziellen Literaturkritik, namentlich von Anne-Marie Koeppen, verrissen. Einzig Reinhold Schneider würdigte das Werk positiv.
Nach 1945 wurde Ricarda Huch zur moralischen Autorität. Sowjetische und kommunistische Stellen bemühten sich, sie für sich zu gewinnen. Sie nahm Ehrungen an, distanzierte sich aber rasch von den neuen Verhältnissen in der sowjetischen Besatzungszone. Ihre Rede auf dem Ersten deutschen Schriftstellerkongress 1947 in Berlin gilt als „erste und ernste Zäsur" im Verhältnis der Schriftsteller zum entstehenden ostdeutschen Staat. Alfred Doeblin würdigte sie nach ihrem Tod. Ein Zitat aus ihrer Rede vor der Beratenden Landesversammlung Thüringen vom 12. Juni 1946 – „Es sei dem Lande Thüringen beschieden, dass niemals mehr im wechselnden Geschehen ihm diese Sterne untergehen: Das Recht, die Freiheit und der Frieden" – schmückt bis heute das Foyer des Thüringer Landtags in Erfurt. Ihr letztes Projekt, ein Gedenkbuch für die deutschen Widerstandskämpfer, blieb unvollendet. Die erhaltenen Arbeiten erschienen erst 1997 im Leipziger Universitätsverlag.
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