1910
Der letzte Sommer
Überblick↑
Eine kurze Erzählung in Briefen, 1910 in der Deutschen Verlags-Anstalt zu Stuttgart und Leipzig erschienen, verdichtet bei Ricarda Huch ein Kapitel des russischen Anarchismus zu einem Kammerstück über Macht, Vertrauen und politische Gewalt. Die Forschung verortet den Text im Umfeld der Russischen Revolution von 1905. Die bulgarische Germanistin Elka Staitscheva bezeichnet ihn als Ricarda Huchs Todesurteil über den russischen Zarismus als soziale Klasse. Die Erzählung gilt als eines der prägnantesten Beispiele für Huchs Faszination an revolutionären Bewegungen. Sie zeigt zugleich ihre Kunst, große geschichtliche Konflikte in der Enge eines Familienhauses zu spiegeln.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz ist das Landhaus eines russischen Gouverneurs in Kremskoje. Dort verbringt die Familie ihren Sommer. Der Hausherr hat einen Studenten namens Demodow nicht begnadigt, dem nun die Hinrichtung droht. Aus dem Umfeld der Anarchisten ist daraufhin ein Anschlag gegen ihn beschlossen worden. Zur Sicherheit des Gouverneurs tritt der junge Lju als Sekretär in den Haushalt ein – ein schlanker, glattrasierter, zurückhaltender Mann von englischem Typus, mit beeindruckendem Intellekt und besten Empfehlungen.
Die Erzählung besteht ausschließlich aus Briefen, die zwischen dem 5. Mai und dem 2. August geschrieben werden. Die Gouverneursgattin Lusinja, die Töchter Katja und Jessika, der Sohn Welja und Lju selbst schreiben überwiegend nach Petersburg, an die Schwester des Gouverneurs Tatjana und deren Sohn Peter. Der Hausherr Jegor ist wegen einer Nervenschmerzen-Behinderung am rechten Arm schreibfaul und meldet sich selten. Während sich der Sommer entfaltet, gewinnt Lju das Vertrauen der Familie. Lusinja spürt etwas Rätselhaftes an ihm, Katja misstraut ihm offen, der Sohn Welja bewundert ihn. So entsteht ein Geflecht aus Nähe und Argwohn, in dem der Leser durch die Briefe mehr weiß als die Briefschreiber selbst.
Die Handlung im Detail↑
Der Gouverneur Jegor hat das Gnadengesuch der Mutter des Studenten Demodow höflich, aber bestimmt abgelehnt; Demodow wird wahrscheinlich hingerichtet werden. Im Kreis der Anarchisten ist daraufhin ein Attentat beschlossen. Lju, ein junger Revolutionär mit ausgezeichneten Referenzen, tritt zur „Sicherheit" des Gouverneurs als Sekretär in das Sommerhaus in Kremskoje ein. Zwischen dem 5. Mai und dem 2. August schreiben die drei Damen des Hauses, die Kinder, der Hausherr und der Sekretär ihre Briefe nach Petersburg.
Lju selbst schreibt ziemlich viele Briefe an seinen Gesinnungsgenossen Konstantin nach Petersburg. Der Leser ist damit über die Mordabsicht von Beginn an im Bilde, während die Familie nichts ahnt. Lju ist mit seinem eigenen Vater zerstritten, doch dieser Zwist gilt als Kavaliersdelikt; im Übrigen tritt er beherrscht, klug und gewinnend auf. Er möchte die Familienmitglieder beherrschen – beim Gouverneur gelingt ihm das nicht, doch er fädelt das Attentat dennoch perfekt ein. Ansatzpunkt ist die Nervenkrankheit am rechten Arm des Hausherrn: Lju redet Jegor ein, eine Schreibmaschine müsse her.
Die psychologischen Linien laufen unterschiedlich. Der Gouverneur ahnt nichts und ist ganz ohne Furcht. Seine Frau Lusinja empfindet Ljus „rätselhaften Blick" als unheimlich, spürt etwas „Fremdartiges und Unergründliches" an ihm und denkt, er könne von einem fremden, dämonischen Willen besessen sein. Sie tröstet sich aber damit, dass jemand, der etwas verberge, doch nichts Gemeines verbergen könne – ein Irrtum, denn Lju plant, zur eigenen Sicherheit auch sie zu ermorden. Der Sohn Welja, etwas jünger als Lju, erkennt durchaus, dass der Sekretär ein Revolutionär ist, lässt sich aber dennoch nach Paris schicken; er meint, wo der überlegene Lju auftrete, könne es zu gar keiner Katastrophe kommen. Die Tochter Katja schreibt hellsichtig an Welja, er solle daheim aufpassen; denke sie an Ljus „eisige Augen", traue sie dem Fremdling zu, den geliebten Papa umbringen zu lassen. An ihren Vater schreibt sie, er solle den Sekretär bitte wegschicken, sie könne ihn nicht ausstehen. Welja hält das für unmöglich – reine Theoretiker wie Lju handelten gewöhnlich nicht.
Vor seiner Abreise hat Lju ganze Arbeit geleistet. Behutsam vorgebracht haben seine Vorschläge die Kinder dazu bewogen, das Haus zu verlassen: Sie reisen nach Petersburg beziehungsweise nach Paris ab. Die Schreibmaschine des Gouverneurs ist in Petersburg unter der Regie des Anarchisten Konstantin „repariert" worden. Am Vorabend des 2. August bricht der Attentäter selbst nach Petersburg auf. Als der Gouverneur die Maschine ausprobiert, einen knappen Brief an seine beiden nach Paris reisenden Kinder tippt und Lusinja sich währenddessen mitlesend liebevoll über ihren Mann beugt, wird die Sprengladung gezündet – ausgelöst in dem Augenblick, in dem Jegor den Großbuchstaben seines Vornamens eintippt. Das Ehepaar stirbt am 2. August, dem Datum des letzten Briefes.
Stil↑
Der gesamte Text ist eine Erzählung in Briefen. Die Schreiben sind exakt datiert, vom 5. Mai bis zum 2. August. Ihre Spannung ziehen sie daraus, dass der Leser von der Mordabsicht weiß, während die Familie ahnungslos bleibt. Diese Konstruktion erlaubt es Ricarda Huch, dieselben Vorgänge aus mehreren Perspektiven zu beleuchten. Lusinjas Unbehagen, Katjas hellsichtiges Misstrauen, Weljas bewundernde Verblendung und Ljus kühle Strategie stehen unmittelbar nebeneinander. Der Germanist Brekle hebt die psychologisch differenzierte Widerspiegelung der Kremskojer Ereignisse hervor.
Charakteristisch ist die Sprache der einzelnen Briefschreiber – etwa Lusinjas Bilder vom „rätselhaften Blick" und vom „Fremdartigen und Unergründlichen" oder Katjas knappe, harte Wendung von den „eisigen Augen". Lju selbst zeigt sich in seinen Briefen an Konstantin als klarer Kopf. In der Familie tritt er zurückhaltend, beherrscht und überlegen auf. Aus dieser Spannung zwischen Innenansicht und Außenwirkung gewinnt die Erzählung ihre psychologische Dichte.
Rezeption↑
Brekle bespricht den Text kurz und würdigt die psychologisch differenzierte Zeichnung der Figuren. Staitscheva hebt das „romantisch" angehauchte Interesse Ricarda Huchs für Revolutionäres hervor und nennt den Sekretär Lju einen kleinbürgerlichen Revolutionär. Sie ordnet die Erzählung in das Umfeld der Russischen Revolution von 1905 ein. Sie liest sie als Ricarda Huchs Todesurteil über den russischen Zarismus als soziale Klasse.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →