1516
Der rasende Roland
Überblick↑
Das Versepos Der rasende Roland ist die deutsche Fassung des italienischen Orlando furioso von Ludovico Ariosto. Es erschien erstmals 1516 in Ferrara im Druck. In kunstvollen Versen verwebt das Werk mehrere Geschichten von Liebe, Krieg und Zauberei zu einem weit ausgreifenden Ganzen. Im Mittelpunkt steht der Ritter Roland, der aus unglücklicher Liebe den Verstand verliert. Das Werk zählt zu den berühmten Versepen der italienischen Renaissance. Über Jahrhunderte hat es Dichter, Maler und vor allem Komponisten zu eigenen Schöpfungen angeregt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die Handlung führt in die Zeit Karls des Großen. Roland gilt als ein Neffe des Kaisers und als einer seiner tapfersten Ritter. Als die schöne und zauberkundige Angelika, eine Prinzessin aus China, an den Hof kommt, verlieben sich fast alle Ritter auf der Stelle in sie. Auch Roland verfällt ihr – und gerade seine Liebe wird ihm zum Verhängnis.
Dies ist allerdings nur einer von drei großen Erzählsträngen. Daneben tobt der Krieg zwischen Karl dem Großen und dem Sarazenen Agramante. Und immer wieder rückt das Adelsgeschlecht der Este und seine Herkunft in den Blick. Zwischen Schlachten, Zaubermächten und fantastischen Reisen kreuzen sich die Wege der vielen Figuren in stetig neuen Verwicklungen.
Die Handlung im Detail↑
Das Geschehen spielt vor dem Hintergrund der Kämpfe zwischen den Christen Karls des Großen und den Sarazenen. Roland – sein Vorbild ist der fränkische Markgraf Hruotland – wird hier als Neffe Karls des Großen ausgegeben. An den Hof des Kaisers kommt Angelika, eine ebenso schöne wie zauberkräftige Prinzessin aus China. Die meisten Ritter verlieben sich sofort in sie. Roland aber liebt sie so heftig, dass er darüber den Verstand verliert und rasend wird.
Die Rettung naht aus einer unerwarteten Richtung. Der britische Prinz Astolfo reist auf seinem Hippogryphen, einem geflügelten Fabelpferd, bis zum Mond. Dort lagern alle Dinge, die auf der Erde verlorengegangen sind. Astolfo findet Rolands Verstand in einer Flasche und bringt ihn dem Ritter zurück.
Diese Geschichte ist nur einer von drei Haupt-Handlungssträngen. Daneben und dazwischen geht es immer wieder um den Krieg zwischen Karl dem Großen und dem Sarazenenkönig Agramante. Ein weiterer Strang gilt der Herkunft des Adelsgeschlechts der Este. Ariosto stand selbst in deren Diensten und widmete das Werk dem Kardinal Ippolito I. d'Este. Er erdichtete der Familie einen Stammbaum, der auf wichtigen Figuren des Epos beruht und bis auf den sagenhaften Hektor von Troja zurückreicht.
Stil↑
Das Werk ist ein umfangreiches Versepos, geschrieben in gereimten Versen. Sein auffälligstes Kennzeichen ist die kunstvolle Verflechtung der Erzählung. Drei große Handlungsstränge laufen nebeneinander her, dazu treten der Krieg zwischen Karl dem Großen und Agramante sowie der erdichtete Stammbaum der Este. Ariosto springt zwischen diesen Fäden hin und her und verknüpft sie immer wieder neu. Dabei reicht der Ton von der ernsten Schlachtenschilderung bis zur heiteren Fantasie. Die Erfindungslust zeigt sich besonders in den wunderbaren Bildern – etwa dem geflügelten Pferd, dem Hippogryphen, und der Reise zum Mond, auf dem alles Verlorene der Erde aufbewahrt wird.
Rezeption↑
Großen Einfluss übte die Dichtung auf die italienische Literatur aus, ebenso auf das französische Theater und auf William Shakespeare – etwa in dessen Komödie Viel Lärm um nichts, deren Handlung auf die Ariodante-und-Ginevra-Episode des Epos zurückgeht. Auch das Versepos El Bernardo von Bernardo de Balbuena steht in Ariostos Schuld. Es wurde in Mexiko verfasst und 1624 in Madrid gedruckt; es gilt als Meisterwerk der hispanischen Barockepik.
Besonders die Musik hat sich des Stoffes immer wieder angenommen. Aus dem Werk gingen zahlreiche Opern hervor: Roland (1685) von Jean-Baptiste Lully, Orlando generoso (1691) von Agostino Steffani sowie gleich mehrere Werke Antonio Vivaldis, darunter Orlando furioso (1714). Georg Friedrich Händel schöpfte mit Orlando (1733), Ariodante und Alcina (beide 1735) aus derselben Quelle, Joseph Haydn mit Orlando paladino (1782). Noch 2019 wurde bei den Salzburger Festspielen die Familienoper Der Gesang der Zauberinsel oder Wie der Rasende Roland wieder zu Verstand kam des Berliner Komponisten Marius Felix Lange uraufgeführt.
Im deutschen Sprachraum fand das Werk weniger Widerhall. Zwar äußerten viele bedeutende Köpfe ihre Bewunderung, unter ihnen Wieland, Goethe, Friedrich Schlegel, Hegel, Gottfried Keller, Ernst Jünger und Karl May. Doch Übersetzungen blieben lange Mangelware. Eine erste, noch unvollständige Übertragung von Diederich von dem Werder erschien 1632 bis 1636 – genau ein Jahrhundert nach dem Original. Die letzte stammt von Alfons Kissner aus dem Jahr 1908. Als beste gilt bis heute die gereimte Nachdichtung von Johann Diederich Gries von 1808.
Die Bewunderung schlug sich auch in eigenen Schöpfungen nieder. Josef Viktor Widmann veröffentlichte 1871 sein Ritter-Versepos Kalospinthechromokrene oder der Wunderbrunnen von Is unter dem Pseudonym „Messer Lodovico Ariosto Helvetico" – eine Verbeugung vor dem italienischen Meister. 2002 erschien eine freie Nacherzählung von Thomas R. P. Mielke in Romanform. 2004 folgte die deutsche Fassung einer knappen Nacherzählung, die Italo Calvino ursprünglich für den italienischen Rundfunk verfasst hatte.
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