1474 – 1533
Ludovico Ariosto
Kurzbiografie↑
Ludovico Ariosto, im deutschen Sprachraum oft Ariost genannt, war ein italienischer Humanist, Höfling und Dichter der Renaissance. Er wurde 1474 geboren und starb 1533 in Ferrara. Sein Leben verbrachte er weitgehend im Dienst des Hauses Este, das über Ferrara und Modena herrschte. Berühmt machte ihn das Versepos Orlando furioso (deutsch Der rasende Roland). Es gilt als einer der wichtigsten Texte der italienischen Literatur und wurde in ganz Europa gelesen. Neben diesem Hauptwerk schrieb Ariost Komödien, Satiren und Gedichte. Noch Voltaire und Goethe schätzten sein Epos.
Biografie↑
Geboren wurde Ariosto am 8. September 1474 als ältestes von zwölf Kindern. Über den Geburtsort widersprechen sich die Quellen: Wikidata nennt Reggio nell'Emilia, die Deutsche Nationalbibliothek schreibt Reggio Emilia. Sein Vater Niccolò Ariosto war ein wenig begüterter Adeliger. Er befehligte im Dienst des Herzogs Ercole I. d'Este, des Herrschers von Ferrara und Modena, die Garnison von Reggio.
Ab 1484 besuchte Ariost die Lateinschule in Ferrara, der Hauptstadt des herzoglichen Herrschaftsgebietes. Auf Wunsch des Vaters begann er 1489 ein Jurastudium an der dortigen Universität. Er schloss es jedoch nicht ab, sondern widmete sich vor allem humanistischen Studien. In dieser Zeit befreundete er sich mit dem etwas älteren Pietro Bembo, dem späteren Autor, Sprachtheoretiker und Kardinal. Beide teilten das Interesse für die jüngere volkssprachliche italienische Literatur, besonders für die Lyrik Petrarcas und die Erzählungen Boccaccios, sowie für die Schriften der Florentiner Neuplatonisten. Dank der Stellung seines Vaters hatte Ariost Zutritt zum Hof in Ferrara.
1493 trat er in eine Theatergruppe ein, die am Hofe Schauspiele aufführte. In jener Zeit schrieb er die heute verlorene Tragedia di Tisbe. Ab 1495 verfasste er erste lateinische Dichtungen. Als sein Vater 1500 plötzlich starb, musste er zum Unterhalt der Familie beitragen, zu der ein gelähmter Bruder und fünf Schwestern gehörten. Er folgte dem Vater in den militärischen Dienst und übernahm als Hauptmann den Oberbefehl einer Grenzfestung nahe Canossa.
1503 kehrte er nach Ferrara zurück und trat als Sekretär in den Dienst des Kardinals Ippolito d'Este, eines Sohnes von Herzog Ercole. Er hoffte auf eine kirchliche Pfründe, die ihn finanziell unabhängig machen sollte, und ließ sich dafür die Niederen Weihen erteilen. 1506 erhielt er tatsächlich eine Pfründe in einer reichen Gemeinde, wo er nur sporadisch anwesend sein musste. Im Dienst des Kardinals war er vielbeschäftigt und reiste mehrfach nach Rom. Mit seiner Tätigkeit war Ariost unzufrieden. Er fühlte sich überfordert, schlecht bezahlt und als Dichter nicht genügend anerkannt. Dennoch fand er Zeit zum Schreiben, ab etwa 1505 nur noch in italienischer Sprache. So entstanden Gelegenheitsgedichte, Sonette und Kanzonen im Stil des Petrarkismus. Dazu kamen die Prosa-Komödien La Cassaria (1508) und I suppositi (1509). In ihnen löste er sich von den Vorbildern Plautus und Terenz und behandelte zeitgenössisch wirkende Stoffe. Vor allem aber arbeitete er an dem Versepos Orlando. Er hatte es um 1505 als Fortsetzung von Matteo Boiardos unvollendetem Orlando innamorato (deutsch Der verliebte Roland) begonnen. 1516 ließ er es in einer ersten Fassung von 40 Gesängen mit einer Widmung an Ippolito drucken.
Seine Hoffnung, unter dem 1513 gewählten Papst Leo X. einen Posten in Rom zu erhalten, erfüllte sich nicht. Als Ippolito 1517 ein Bistum in Ungarn übernahm, ging Ariost nicht mit. Im April 1518 wechselte er in die Dienste von Ippolitos Bruder, des großzügigeren Herzogs Alfonso I. d'Este. Auch für ihn war er mehrfach in diplomatischen Missionen unterwegs. In dieser Zeit entstand eine Serie von sieben Vers-Satiren (1517–1525), die biografische, politische und allgemeinmenschliche Themen verbinden. In der ersten reflektiert er die Zwänge der Höflingsexistenz und begründet, warum er Ippolito nicht nach Ungarn folgte. In einer zweiten polemisiert er gegen den päpstlichen Hof. 1520 schrieb er die Komödie Il negromante (deutsch Der Nekromant), die 1528 uraufgeführt wurde. 1521 erschien eine um fünf Gesänge erweiterte Ausgabe des Orlando.
Von 1522 bis 1525 amtierte Ariost, offenbar geschickt, als Gouverneur der unruhigen Grenzprovinz Garfagnana. Seine Erlebnisse dort verarbeitete er in einer vierten Satire. Die fünfte befasst sich mit der Wahl der passenden Frau. Die sechste behandelt Bildung und Erziehung und ist Pietro Bembo gewidmet. 1525 war er kurz Intendant des Ferrareser Hoftheaters, zog sich dann aber ins Privatleben zurück. Das Angebot, herzoglicher Botschafter in Rom zu werden, lehnte er ab. 1526 kaufte er sich ein kleines Häuschen in Ferrara in der Via Mirasole, das er gemeinsam mit seinem Sohn Virgilio bewohnte. 1527 oder 1528 heiratete er heimlich Alessandra Benucci, die Witwe des Florentiner Humanisten Tito Strozzi, um seine Pfründe nicht aufgeben zu müssen.
In den folgenden Jahren verfasste er die Komödie La Lena (1528). Vor allem aber überarbeitete er nochmals den Orlando. Er passte den Text der sich festigenden italienischen Schriftsprache an. Statt an die höfische Zuhörerschaft richtete er ihn nun eher an das anonyme Lesepublikum, das sich inzwischen herausgebildet hatte. 1532 erschien das Epos in nunmehr 46 Gesängen. Im selben Jahr begleitete Ariost seinen Herzog zu Verhandlungen mit Kaiser Karl V. nach Mantua. Nach der Heimkehr erkrankte er schwer und wurde nicht wieder gesund. Er starb am 6. Juli 1533 in Ferrara.
Literarische Merkmale↑
Ariost verfasste sein Werk zunächst in lateinischer Sprache. Ab etwa 1505 wandte er sich aber ganz dem Italienischen zu. In der Lyrik schloss er sich dem Petrarkismus an und schrieb Sonette und Kanzonen. Sein Hauptwerk, der Orlando furioso, ist ein Versepos in elfsilbigen Stanzen. Es erzählt von den Kämpfen Rolands und der Paladine Karls des Großen gegen die Heiden. Es handelt außerdem von der Liebe Rolands zu der flatterhaften Angelica sowie von der Liebe zwischen Ruggero und Bradamante, den angeblichen Begründern des Hauses Este.
In seinen Prosa-Komödien löste er sich von den antiken Vorbildern Plautus und Terenz und behandelte zeitgenössisch wirkende Stoffe. Die sieben Vers-Satiren verbinden biografische, politische und allgemeinmenschliche Themen. In ihnen reflektiert Ariost unter anderem die Zwänge seines Lebens als Höfling und lobt wehmütig das einfache, ungestörte Leben eines Gelehrten. Bei der späten Überarbeitung des Orlando furioso bereinigte er den Text im Sinne der sich festigenden italienischen Schriftsprache.
Rezeption↑
Der Orlando furioso wurde in der 1532 erschienenen Fassung sehr erfolgreich. Allein im 16. Jahrhundert wurde er fast zweihundert Male nachgedruckt. Das Epos wurde in ganz Europa gelesen und gilt als einer der wichtigsten Texte der italienischen Literatur. Noch Voltaire und Goethe schätzten das Werk.
Auch im deutschen Sprachraum fand das Epos zahlreiche Übersetzer. Eine erste Teil-Übersetzung legte Diederich von dem Werder in den 1630er Jahren vor. Wilhelm Heinse schuf eine Prosa-Übersetzung. Die erste vollständige Vers-Übersetzung stammt von Johann Diederich Gries und erschien Anfang des 19. Jahrhunderts. Weitere Übertragungen folgten, darunter die von Karl Streckfuß, Hermann Kurtz in der Überarbeitung von Paul Heyse, Otto Gildemeister und Alfons Kissner. An Ariost erinnern Standbilder und Denkmäler, so eine Statue in Reggio nell'Emilia und eine Marmorherme im Dichterhain vor dem Schloss Charlottenhof im Park Sanssouci bei Potsdam.
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