Satiren
Überblick↑
Bei den Satiren handelt es sich um eine Sammlung von sieben Gedichten, die Ludovico Ariosto zwischen 1517 und 1525 in Ferrara und im Umland von Reggio nell'Emilia verfasste. Sie nehmen unter seinen Werken einen besonderen Platz ein. Berühmt wurde Ariosto vor allem durch sein großes Versepos Der rasende Roland, das er 1532 vollendete. Die Satiren fanden bei den Zeitgenossen jedoch noch breitere Zustimmung. Sie gelten als die gelungensten unter Ariostos kleineren Dichtungen. Jede der sieben Satiren ist an einen Verwandten oder Freund gerichtet und greift Begebenheiten aus dem wirklichen Leben auf: die Verteidigung der Würde des Schriftstellers, die Verfehlungen der Geistlichkeit, den Wunsch nach einem zurückgezogenen, gelehrten Dasein ohne Ehrgeiz, die Schwächen der Gelehrten und das eheliche Leben.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Sieben Gedichte bilden die Sammlung, jedes zu einer anderen Zeit entstanden und an einen anderen Empfänger gerichtet. Ariosto wendet sich darin an Brüder, Vettern und gelehrte Freunde und nimmt jeweils einen persönlichen Anlass zum Ausgangspunkt. So spricht er über seine Stellung im Dienst eines Kardinals, über die Aussicht auf ein kirchliches Einkommen, über Ehrgeiz und Vorteilssuche, über die Vor- und Nachteile der Ehe und über die Erziehung seines Sohnes.
Die Gedichte sind als Gespräche angelegt: Ariosto richtet das Wort an einen oder mehrere Adressaten, ohne dass eine schriftliche Antwort von ihnen überliefert wäre. Er tritt dabei nicht als strenger Ankläger auf, sondern als ein Mann, der mitten in der Welt steht, wie sie nun einmal ist, und darin seinen Platz und sein Glück sucht. Statt mit hohen Idealen zu predigen, hält er dem Leser die zahllosen Menschen vor Augen, die den Lastern verfallen sind. Wer die Sammlung liest, lernt mehr über das Leben des Dichters als aus den zahlreichen erhaltenen Briefen von seiner Hand.
Die Handlung im Detail↑
Die sieben Satiren entstanden zwischen dem Herbst 1517 und dem Frühjahr 1525 und sind über eine Ausgabe von 1534 überliefert.
In der ersten Satire (1517) wendet sich Ariosto an Alessandro Ariosto und an Ludovico da Bagno, die dem Kardinal Ippolito nach Agria gefolgt waren. Er nennt ihnen noch einmal die Gründe, aus denen er sich geweigert hatte, mitzureisen.
Die zweite Satire (1517) ist an seinen Bruder Galasso Ariosto gerichtet. Ariosto steht im Begriff, nach Rom aufzubrechen, wo er sich ein kirchliches Einkommen zu sichern versucht. Offen rechnet er sich dabei selbst unter die Vorteilssucher: Sollte er die ersehnte Pfründe erhalten, will er sie einem rechtschaffenen Mann übertragen und selbst Laie bleiben, zufrieden mit den Einkünften.
In der dritten Satire (1518) erklärt der Dichter seinem Vetter Annibale Malaguzzi die Veränderungen, die der Wechsel aus dem Dienst des Kardinals Ippolito ihm gebracht hat.
Die vierte Satire (1523) richtet sich an Sigismondo Malaguzzi, den Bruder Annibales. Ariosto verfasste sie genau ein Jahr nach seiner Ernennung zum Beauftragten Alfonsos d'Este für die Garfagnana.
Die fünfte Satire (1520) ist erneut an Annibale Malaguzzi gerichtet, den Empfänger der dritten Satire. Angesichts von dessen bevorstehender Hochzeit stellt Ariosto Betrachtungen über die Gefahren und die Vorzüge der Ehe an. Bei dieser Gelegenheit kommt er, der selbst unverheiratet ist, mehrfach auf sein hartnäckiges Junggesellentum zu sprechen.
In der sechsten Satire (1524–1525) wendet sich Ariosto an den Gelehrten Pietro Bembo. Er bittet ihn, einen guten Lehrer für seinen fünfzehnjährigen Sohn Virginio zu empfehlen.
Die siebte Satire (1524) ist eine Antwort an Bonaventura Pistofilo, den Sekretär des Herzogs. Pistofilo hatte Ariosto das Amt des Gesandten beim neuen Papst Clemens VII. angetragen.
Stil↑
Persönlich ist bei Ariosto stets der Ausgangspunkt. Wenn er über die Ehe spricht, nimmt er den eigenen unverheirateten Stand zum Anlass. Gerade dieser selbstbezogene, lebensnahe Ton verleiht den Versen ihren Wert: Sie verraten mehr über das Dasein des Dichters als die rund zweihundert erhaltenen Briefe von seiner Hand. Die Gedichte sind in Terzinen abgefasst, also in dreizeiligen Strophen.
Ariosto stellt sich nicht als öffentlicher Ankläger über die Welt, um sie nur zu brandmarken. Er sieht sich als Mann mitten im Lauf der Dinge, der darin seinen Platz und seine Gelegenheit sucht. Spottet er über die Vorteilsjäger, so zählt er sich selbst freimütig dazu. Nach dem Urteil des Forschers Cesare Segre greift er das Thema des Ehrgeizes und der Jagd nach kirchlichen Pfründen auf. Statt gegen Hochmut, Geiz und Ämterkauf zu predigen, führt er dem Leser die unzähligen Menschen vor Augen, besonders aus dem geistlichen Stand, die diese Laster betreiben. Sein Widerwille beruft sich nicht auf abstrakte Ideale, sondern erscheint eher als eine fast instinktive Abneigung.
Seine Lebensauffassung ist im Kern weltlich. Ihr liegt eine Art Lehre zugrunde: Man solle das Leben genießen, sich der Natur überlassen, und Liebe und Schönheit gehörten dazu. Freundschaft und Zuneigung sind für Ariosto Werte, die Ruhm und Ehre übertreffen.
Rezeption↑
Größeren Zuspruch als sein berühmtes Versepos Der rasende Roland fanden bei den Zeitgenossen die Satiren. Sie gelten als die gelungensten unter Ariostos kleineren Werken. Der Forscher Cesare Segre sah in ihnen den Dichter in seiner vollen Reife. Überliefert sind die sieben Gedichte über eine Ausgabe von 1534.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →