Satyricon
Überblick↑
Das Werk Satyricon ist ein satirischer Roman in lateinischer Sprache, der zur Zeit des Kaisers Nero entstand. Als Verfasser gilt Titus Petronius Arbiter, der um 14 bis 66 nach Christus lebte. Überliefert ist der Roman nur in Bruchstücken: Aus den Buchzahlen der erhaltenen Teile lässt sich schließen, dass das ursprüngliche Werk weit umfangreicher war und vielleicht nur zu einem Drittel auf uns gekommen ist. Petron verbindet nüchterne Prosa mit eingestreuten Versen und zeichnet ein spöttisches Bild der römischen Gesellschaft. Das Buch zählt zu den ungewöhnlichsten Zeugnissen der antiken Literatur.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Mitten in einem Gespräch setzt der erhaltene Text ein: Der fahrende Schüler Encolpius streitet mit seinem Lehrer Agamemnon über den Verfall der Redekunst. Encolpius ist ein Taugenichts und Schmarotzer, der sich mit seinem Gefährten Askyltos und dem jungen Giton durch die Welt schlägt. Zwischen den dreien entspinnt sich ein verwickeltes Eifersuchtsverhältnis, das die Handlung immer wieder in Bewegung hält.
Die Reise führt die Gefährten durch eine Fülle bunter Episoden. Sie geraten an die Priapuspriesterin Quartilla, und in einer Villa nahe Cumae werden sie Zeugen des berühmten Gastmahls des Trimalchio, eines ungebildeten, neureichen Freigelassenen, der bei Tisch seinen Reichtum zur Schau stellt. In diese Erzählung sind zahlreiche Gedichte, Novellen und Anekdoten eingeflochten – darunter die vielzitierte Geschichte von der Witwe von Ephesus. Der Roman lebt von diesem ständigen Wechsel der Schauplätze, Stimmen und Tonlagen.
Die Handlung im Detail↑
Mit einem Wortgefecht über den Niedergang der Rhetorik beginnt der erhaltene Teil des Romans: Encolpius und sein Lehrer Agamemnon geraten aneinander. Bald folgt eine Eifersuchtsszene mit Askyltos um den Knaben Giton, dann die Entsühnung der Priapuspriesterin Quartilla. Den ausführlichsten und bekanntesten Abschnitt bildet das Gastmahl des Trimalchio (lateinisch cena Trimalchionis), das in einer Villa in der Nähe von Cumae spielt. Trimalchio ist ein ungebildeter, neureicher Freigelassener, dessen prahlerisches Fest Petron in aller Breite ausmalt.
Nach weiteren Eifersuchtsgeschichten begeben sich die Gefährten auf eine turbulente Schifffahrt. An Bord treffen sie auf Lichas und Tryphäna wieder, die sie in heute verlorenen Szenen einst selbst betrogen hatten. Ein Schiffbruch verschlägt die Gestrandeten in die nahe Stadt Croton. Dort gibt sich der Dichter Eumolp als krank und vermögend aus, um von den Erbschleichern zu profitieren, die sich um ein reiches Testament drängen. Encolpius erleidet unterdessen eine schwere sexuelle Niederlage bei der Ortsschönheit Circe. Von ihr erholt er sich erst am Ende der Geschichte, nach mühsamen Heilbehandlungen. Das erhaltene Werk endet mit dem Testament des Dichters Eumolp, der seinen Erben abverlangt, seine Leiche zu essen.
In den Text sind dreiunddreißig Gedichte unterschiedlicher Länge eingestreut. Neben kurzen, einzeiligen Epigrammen stehen längere Verspartien über den Untergang Trojas und über den römischen Bürgerkrieg, letztere mit rund 295 Versen. Hinzu kommen vier kurze Zitate aus Vergil. Dazwischen finden sich Novellen wie die Witwe von Ephesus oder die Geschichte vom Knaben von Pergamon, ferner Gespenstergeschichten und Karikaturen von Liebesbriefen. Da der Roman nur bruchstückhaft überliefert ist, bleiben viele Übergänge lückenhaft, und das Ganze wirkt wie eine Folge lose verbundener Szenen.
Stil↑
Kennzeichnend für das Werk ist der ständige Wechsel zwischen Prosa und gebundener Rede – eine Form, die man Menippeische Satire nennt. Petron passt dabei die Sprache jeder Figur genau an ihren Stand und ihre Lage an. Diese Beweglichkeit im Umgang mit hoher und niedriger Stilebene hat immer wieder Bewunderung hervorgerufen. Besonders die Tischgespräche beim Gastmahl des Trimalchio sind mit auffallendem Naturalismus gestaltet und gelten als wichtige Quelle für das gesprochene Alltagslatein, das sogenannte Vulgärlatein. Auch diese derben Partien sind jedoch in hohem Maße kunstvoll geformt.
In seiner Gesamtanlage steht das Werk in der antiken Literatur einzigartig da. Petron parodiert mehrere Gattungen zugleich. An die Odyssee erinnert, dass der Held Encolpius von einem Gott verfolgt wird – hier nicht von Poseidon, sondern von Priapus, dem Gott der Fruchtbarkeit, der ihn mit Impotenz schlägt. Die gängigen griechischen Liebesromane werden verspottet, indem an die Stelle treuer Liebender ein zwielichtiges Dreiecksverhältnis tritt. Und in den langen Verspartien über den Bürgerkrieg und die Zerstörung Trojas klingt das zeitgenössische Epos an. Die Qualität dieser Gedichte wird hoch gerühmt; der Philologe Stowasser zählte sie zum Besten, was in lateinischer Sprache hervorgebracht wurde.
Rezeption↑
So vielseitig und faszinierend ist das Werk, dass sich Generationen von Gelehrten und Künstlern immer wieder mit ihm befasst haben. Nur ein einziges, stark verkürztes Exemplar überstand die Spätantike; von dieser heute verlorenen Handschrift aus der Abtei Fleury stammen im Grunde alle bekannten Petron-Texte. Seit der Renaissance versuchte man, die verstreuten Überlieferungen kritisch zu sichten. Seit der Aufklärung wurden die Bewunderer Petrons zahlreicher, und sein Einfluss auf die neuere Literatur gilt als beträchtlich.
Bis heute umstritten ist, worauf die Satire eigentlich zielt. Manche halten das Satyricon für ein völlig unmoralisches Sittenbild, andere vermissen die für eine Satire übliche Mahnung. Das wiederkehrende sexuelle Scheitern des Encolpius wird oft als Bild für ein allgemeineres Versagen der Figuren gedeutet. Naheliegend schien lange, in Trimalchio eine Verspottung Neros zu sehen; neuere Deutungen richten den Spott eher gegen dessen Nachahmer. Der Forscher Vasily Rudich sieht in Petrons Verfahren eine „strategische Ironie", die es erlaubte, in gefährlicher Umgebung jede Haltung zugleich einzunehmen und zurückzuweisen. Im 20. Jahrhundert fand der Stoff auch ins Kino: 1969 verfilmte Federico Fellini den Roman als Fellinis Satyricon, im selben Jahr entstand eine weitere Fassung unter dem Titel Die Degenerierten.
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