1903 – 1981
Peter Huchel
Kurzbiografie↑
Zu den bedeutenden deutschsprachigen Lyrikern des 20. Jahrhunderts zählt Peter Huchel, der am 3. April 1903 bei Berlin geboren wurde und am 30. April 1981 in Staufen im Breisgau starb. Sein Werk entwickelte sich vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte von einem musikalischen, reimenden Lob der brandenburgischen Heimat zu einem kargen, anklagenden Bericht über menschliches Leid. Als Chefredakteur der Ost-Berliner Zeitschrift Sinn und Form versuchte er von 1949 bis 1962, Brücken zwischen der Literatur in Ost und West zu schlagen. Für seine Unabhängigkeit bezahlte er teuer: Die DDR belegte ihn mit Publikations- und Ausreiseverbot und überwachte ihn jahrelang. Erst 1971 durfte er in den Westen ausreisen.
Biografie↑
Geboren wurde Huchel am 3. April 1903; die Quellen nennen als Geburtsort teils Groß-Lichterfelde bei Berlin, teils schlicht Berlin. Sein Vater Friedrich Huchel war Kanzlei-Diätar, die Mutter hieß Marie, geborene Zimmermann. Ursprünglich trug er den Vornamen Helmut. Große Teile seiner Kindheit verbrachte er bei den Großeltern mütterlicherseits auf einem Bauernhof in Alt-Langerwisch bei Potsdam. Die dort gesammelten Sinneseindrücke, Dialektwörter und „Zaubersprüche“ flossen später in seine Gedichte ein. Seit 1909 lebte er mit den Eltern in Steglitz und erhielt vom Vater eine strenge, konservative Erziehung. Er besuchte Volks- und Oberrealschule, ab 1915 die Städtische Oberrealschule in Potsdam.
Während der Schulzeit nahm er 1920 am Kapp-Putsch teil, wurde schwer verwundet und beschäftigte sich während der Genesung mit dem Kommunismus. Nach dem Abitur 1923 studierte er Literaturwissenschaft und Philosophie in Berlin, Freiburg im Breisgau und Wien, ohne einen Abschluss zu erlangen; die Angaben zum Ende des Studiums schwanken zwischen 1926 und 1927. Seine frühen, an Georg Trakl und Stefan George orientierten Jugendgedichte überarbeitete er unter dem Einfluss seines Mentors Hans Arno Joachim und veröffentlichte einige 1924. Mit einem von Monty Jacobs vermittelten Stipendium der „Vossischen Zeitung“ ging er 1927 nach Paris und lebte dort von Gelegenheitsarbeiten. Reisen führten ihn außerdem in die Bretagne und an die Côte d'Azur, nach Rumänien, Ungarn und in die Türkei.
Im Jahr 1930 nahm er den Vornamen Peter an und heiratete die Pfarrerstochter Dora Lassel, mit der er eine Tochter hatte; die Ehe wurde 1953 geschieden. In diese Zeit fielen Freundschaften mit Ernst Bloch, Alfred Kantorowicz und Fritz Sternberg. Gefördert von Willy Haas, wurde Huchel Mitarbeiter der Wochenzeitung „Die literarische Welt“. 1931 erschien die Prosastudie Im Jahre 1930 über einen NS-Mitläufer aus dem Kleinbürgertum. 1932 erhielt er für den Gedichtband Der Knabenteich den Lyrikerpreis der Zeitschrift „Die Kolonne“ und lernte Günter Eich kennen. Den geplanten Druck des Bandes zog er 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zurück, um nicht, wie er später sagte, „in den Geruch von Blut-und-Boden-Literatur“ zu geraten.
Nach einer Razzia im März 1933 übersiedelte Huchel nach Kronstadt in Rumänien, kehrte aber wegen seiner prekären Lage schon im Folgejahr nach Berlin zurück. Günter Eich und Elisabeth Langgässer vermittelten ihm Kontakte zum Rundfunk. Von 1934 bis 1941 schrieb er als freier Hörspielautor für den Reichssender Berlin und den Deutschen Kurzwellensender etwa 25 Hörspiele, darunter Die Magd und das Kind und Die Herbstkantate (beide 1935). 1941 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und diente im Flugmeldewesen, meist in der Umgebung Berlins. 1945 geriet er kurz in sowjetische Kriegsgefangenschaft in Rüdersdorf.
Wegen seiner Kontakte zum Nationalkomitee Freies Deutschland erhielt Huchel eine Anstellung beim Berliner Rundfunk, wo er vom Dramaturgen zum Sendeleiter und Künstlerischen Direktor aufstieg. 1948 beauftragte ihn Johannes R. Becher mit der Herausgabe der neu gegründeten Zeitschrift Sinn und Form an der Akademie der Künste in Ost-Berlin. Unter seiner Leitung stieg das Blatt zu einer führenden Literatur- und Kulturzeitschrift für den gesamten deutschsprachigen Raum auf, weil Huchel auf literarische Qualität statt auf Propaganda des Sozialistischen Realismus setzte. 1951 erhielt er den Nationalpreis der DDR, 1955 den Theodor-Fontane-Preis des Bezirks Potsdam. 1953 heiratete er die Übersetzerin und Schriftstellerin Nora Monica Rosenthal.
Schon seit Beginn der 1950er Jahre wurde Huchel wegen seiner blockübergreifenden Ausrichtung der Zeitschrift angegriffen. Einen ersten Versuch der SED-Führung, ihn 1953 abzusetzen, überstand er nur dank der Rückendeckung Bertolt Brechts. Nach Brechts Tod 1956 verschärften sich die Angriffe, und 1962 wurde er zum Rücktritt gezwungen. 1963 erschien im bundesdeutschen S. Fischer Verlag sein Lyrikband Chausseen, Chausseen, für den er den Fontane-Preis des Kunstpreises Berlin erhielt. Weil er sich weigerte, diesen West-Berliner Preis abzulehnen, durfte er in der DDR weder publizieren noch reisen. So konnte er 1965 keinem Ruf an den Poetik-Lehrstuhl in Frankfurt folgen und 1968 den Großen Kunstpreis von Nordrhein-Westfalen nicht persönlich entgegennehmen. Ab 1968 wurde auch seine Post beschlagnahmt.
Isoliert und vom Ministerium für Staatssicherheit überwacht, lebte Huchel in Wilhelmshorst bei Potsdam. Zu den wenigen, die ihn dort besuchten, zählten Wolf Biermann, Reiner Kunze, Heinrich Böll und Max Frisch. Erst nach Interventionen der West-Berliner Akademie der Künste, des Internationalen PEN und Heinrich Bölls sowie einem in der „Times“ veröffentlichten „Appell an Ulbricht“ erhielt er 1971 die Ausreisegenehmigung und verließ sein Haus für immer. Nach einem Jahr als Ehrengast der Villa Massimo in Rom ließ er sich als freier Schriftsteller in Staufen im Breisgau nieder. 1972 veröffentlichte er den Gedichtband Gezählte Tage; bis 1977 unternahm er zahlreiche Lesereisen. Er starb am 30. April 1981 in Staufen.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Huchels Lyrik ist ein Weg, der von der Musikalität und dem Reim zum Kargen und Anklagenden führt. Aus dem klangvollen Lob der brandenburgischen Heimat wurde ein knapper Bericht über menschliches Leid. Politische Kritik übte er nicht offen, sondern verschlüsselt: Er nutzte Naturbilder und stellte historische Personen in Vergleichssituationen, sodass die Gegenwart durch die Vergangenheit hindurchschimmerte. Diese Technik, Natur und geschichtliche Gestalten wie Masken zu gebrauchen, erlaubte ihm Kritik, ohne der Zensur unmittelbar ins Netz zu gehen.
Schon in seinen Hörspielen deutete sich diese Fähigkeit an, Politisches in versteckten Zitaten zu verbergen. Die meisten dieser Arbeiten verfasste er allerdings als Auftragsarbeiten, oft für den Kinderfunk; ein Erneuerer des Hörspiels wie sein Freund Günter Eich war er nicht. Literarisch wertvoll sind vor allem jene Stücke, in denen Gedichte eine wichtige Rolle spielen, etwa Die Magd und das Kind und Die Herbstkantate. Sein in Blankversen geschriebenes Margarethe Minde lässt sich mit Theodor Fontanes Erzählung „Grete Minde“ vergleichen.
Auch als Herausgeber prägte Huchel einen unverwechselbaren Kurs. Bei Sinn und Form setzte er auf literarische Qualität statt auf die Doktrin des Sozialistischen Realismus und verstand sich als kultureller Vermittler zwischen den Blöcken. Zu seinen wichtigsten Mitarbeitern zählten Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Walter Jens, Hans Mayer und Arnold Zweig. Gerade diese Unabhängigkeit machte ihn angreifbar: Die Gedichte seines Bandes Chausseen, Chausseen wurden von der SED-Führung als „nihilistisch“ und „formalistisch“ gebrandmarkt.
Rezeption↑
Über die DDR hinaus wurde Huchel zum Vorbild für viele Lyriker des 20. Jahrhunderts. Seine Methode, Naturbilder und historische Figuren als Masken für Gegenwartskritik zu nutzen, wirkte auf Dichter wie Johannes Bobrowski, Wulf Kirsten, Sarah Kirsch, Christoph Meckel, Heinz Czechowski, Hans Bender und Lutz Seiler. Der Literatur-Nobelpreisträger Joseph Brodsky bezeichnete Huchel neben Gottfried Benn als wichtigsten deutschsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts. Sein Werk erfuhr zahlreiche Übersetzungen und mehrfache Vertonungen; so setzte der Komponist Hans Chemin-Petit einige seiner Gedichte in Musik.
Ausgezeichnet wurde Huchel unter anderem mit dem Nationalpreis der DDR (1951), dem Theodor-Fontane-Preis, dem Fontane-Preis des Kunstpreises Berlin (1963) und dem Großen Kunstpreis von Nordrhein-Westfalen. Er wurde in den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste aufgenommen. Seinen Nachlass verwahrt das Deutsche Literaturarchiv in Marbach.
Die politischen Verhältnisse zeichneten sich noch in der Verbreitung seiner Bücher ab. Huchel veröffentlichte vier Gedichtbände, die alle in der Bundesrepublik erschienen. Nur der erste kam auch in Ostdeutschland heraus, doch ging diese Auflage durch einen Lagerbrand zum größten Teil verloren.
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