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Porträt Ödön von Horváth
Ödön von Horváth
1901 – 1938
– Autorenporträt –

Ödön von Horváth

1901 – 1938 · 36 Jahre

Sozialkritischer Volksstück-Dramatiker der Zwischenkriegszeit, der das deutsche Kleinbürgertum erbarmungslos entlarvte – neben Brecht die prägende Theaterstimme der ersten Jahrhunderthälfte, mit 36 Jahren auf den Champs-Élysées durch einen herabstürzenden Ast erschlagen.

Kurzporträt

Ödön von Horváth (1901–1938) zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dramatikern des frühen 20. Jahrhunderts. Er wurde als Sohn eines österreichisch-ungarischen Diplomaten im damals ungarischen Fiume geboren. Trotz ungarischer Staatsbürgerschaft schrieb er auf Deutsch – "meine Muttersprache ist die deutsche", wie er selbst betonte. Bekannt wurde er durch Volksstücke wie Geschichten aus dem Wiener Wald, Glaube Liebe Hoffnung und Kasimir und Karoline. Dazu kamen die zeitkritischen Romane Der ewige Spießer, Jugend ohne Gott und Ein Kind unserer Zeit. Sein früher Tod auf den Champs-Élysées und die späte Wiederentdeckung in den 1960er Jahren machten ihn neben Bertolt Brecht zur prägenden Figur des sozialkritischen deutschsprachigen Theaters.


Biografie

Edmund Josef von Horváth, gerufen Ödön, kam am 9. Dezember 1901 in Fiume zur Welt. Das ist das heutige Rijeka in Kroatien, das damals zum Königreich Ungarn gehörte. Sein Vater Ödön Josef von Horváth war österreichisch-ungarischer Diplomat und entstammte dem slawonischen Kleinadel. Seine Mutter Maria Lulu Hermine, geborene Prehnal, kam aus einer ungarisch-deutschen kaiserlich und königlichen Militärarztfamilie. 1903 wurde sein Bruder Lajos geboren.

Die Diplomatenlaufbahn des Vaters bestimmte die Kindheit. 1902 zog die Familie nach Belgrad, 1908 nach Budapest. Dort wurde Ödön zum ersten Mal in ungarischer Sprache unterrichtet, und zwar durch einen Hauslehrer. Als der Vater 1909 nach München versetzt wurde, blieb der Junge zunächst in Budapest und besuchte das erzbischöfliche Internat "Rákóczianum". 1913 zog er den Eltern nach München nach und ging dort zwei Jahre lang ins Gymnasium. 1916 übersiedelte die Familie ins damals ungarische Pressburg nahe Wien, 1918 zurück nach Budapest. Als die Eltern 1919 erneut nach München zogen, kam Ödön nach Wien in die Obhut seines Onkels Josef Prehnal. Dort legte er im Sommer 1919 an einem Privatgymnasium die Matura ab. Noch im selben Jahr schrieb er sich an der Universität München ein. Bis zum Wintersemester 1921/22 besuchte er psychologische, literatur-, theater- und kunstwissenschaftliche Seminare.

Mit dem Schreiben begann Horváth 1920. Sein erster literarischer Text, Das Buch der Tänze, entstand auf Anregung Siegfried Kallenbergs. Er wurde 1922 konzertant in München sowie 1926 szenisch in Osnabrück aufgeführt. Ab 1923 lebte er vor allem in Berlin, Salzburg und bei seinen Eltern im oberbayerischen Murnau am Staffelsee. Er widmete sich immer intensiver der Schriftstellerei, vernichtete jedoch viele Texte aus dieser Zeit. Sein 1924 fertiggestelltes Stück Niemand wurde erst 2016 öffentlich, weil der ursprüngliche Verlag bald nach der Annahme insolvent ging. Früh warnte Horváth in Stücken wie Sladek, der schwarze Reichswehrmann (1929) vor den Gefahren des Faschismus. 1929 trat er aus der katholischen Kirche aus.

Sein Ruhm erreichte 1931 einen ersten Höhepunkt. Im März wurde Italienische Nacht in Berlin uraufgeführt. Im Herbst erhielt er auf Anregung Carl Zuckmayers gemeinsam mit Erik Reger den Kleist-Preis. Am 2. November 1931 wurde Geschichten aus dem Wiener Wald uraufgeführt – bis heute sein erfolgreichstes Stück.

Als die SA nach Hitlers Machtergreifung 1933 die Villa seiner Eltern in Murnau durchsuchte, verließ Horváth Deutschland. Er lebte fortan in Wien und in Henndorf am Wallersee bei Salzburg. Dort war er eines der wichtigsten Mitglieder des Henndorfer Kreises um Carl Zuckmayer. 1933 heiratete er die jüdische Sängerin Maria Elsner. Eine Woche zuvor hatte er seine langjährige Freundin Hertha Pauli im Wiener Café Museum mit seinen Hochzeitsplänen überrascht. Sie unternahm daraufhin einen Suizidversuch. Die Ehe wurde bereits ein Jahr später geschieden. 1934 kehrte Horváth nach Deutschland zurück. Trotz seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus versuchte er, in den Reichsverband Deutscher Schriftsteller aufgenommen zu werden. Er wurde Mitglied der Union nationaler Schriftsteller. Im Juli 1936 wies man ihn aus Deutschland aus, im Februar 1937 strich man ihn aus der Mitgliederliste der Reichsschrifttumskammer.

Weil seine Stücke in Deutschland nicht mehr aufgeführt wurden, verschlechterte sich seine finanzielle Lage. Erst 1937 brachte ihm der in Amsterdam erschienene Roman Jugend ohne Gott wieder einen größeren Erfolg. Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt. 1938 wurde es jedoch in die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" aufgenommen und im Reichsgebiet eingezogen.

Nach dem "Anschluss Österreichs" im März 1938 reiste Horváth nach Budapest und Fiume. Er bereiste einige weitere Städte und kam Ende Mai nach Paris. Am 1. Juni traf er dort im Café Marignan den Regisseur Robert Siodmak, um mit ihm über die Verfilmung von Jugend ohne Gott zu sprechen. Noch am selben Abend wurde er während eines Gewitters auf den Champs-Élysées gegenüber dem Théâtre Marigny vom herabstürzenden Ast einer Rosskastanie erschlagen. Die genaue Lokalisierung des Sterbeorts ist in den Quellen leicht unterschiedlich angegeben. Wikidata nennt die Avenue des Champs-Élysées, die Deutsche Biographie und die Neue Deutsche Biographie nennen Paris allgemein. Die Neue Deutsche Biographie spricht zudem von einem "vom Blitz gefällten Baum", während Wikipedia den Astbruch während eines Gewitters schildert. Ein Wahrsager soll Horváth prophezeit haben, dass ihm in den ersten Junitagen 1938 "das bedeutendste Ereignis seines Lebens" bevorstünde. Daraufhin soll der abergläubische Schriftsteller etwa keine Fahrstühle mehr benutzt haben. Am Unfalltag lehnte er das Angebot der Siodmaks ab, ihn mit dem Auto ins Hotel zurückzubringen, weil ihm das zu gefährlich erschien, und ging zu Fuß.

Seine Beerdigung fand am 7. Juni 1938 in Anwesenheit vieler Exilautoren auf dem Pariser Friedhof Saint-Ouen statt. An seinem Grab sprachen Walter Mehring, Franz Werfel und Carl Zuckmayer. 1988 wurden die Reste seiner Gebeine, soweit auffindbar, in ein ehrenhalber gewidmetes Grab auf dem Heiligenstädter Friedhof in Wien überführt, wo zuvor Eltern und Bruder bestattet worden waren. Seinen Nachlass verwahren seit 1962 das Archiv der Akademie der Künste in Berlin sowie seit den 1990er Jahren das Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek und die Wienbibliothek im Rathaus.


Literarische Merkmale

Horváth gilt laut der Neuen Deutschen Biographie neben Brecht als der bedeutendste sozialkritische Dramatiker des deutschen Theaters in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die wirtschaftlichen Verhältnisse bilden die Grundlage seiner Stücke. Weil sie in den zwanziger und dreißiger Jahren geschrieben wurden, geht es dabei stets auch um die wirtschaftliche Not. "Demaskierung des Bewußtseins" nannte er selbst das Ziel seines Schaffens.

Sein bevorzugtes Genre war das Volksstück, das er allerdings neu fasste. Probleme sollten, so Horváth, "auf eine möglichst volkstümliche Art behandelt und gestaltet werden, Fragen des Volkes, seine einfachen Sorgen, durch die Augen des Volkes gesehen". Deutschland bestehe wie alle europäischen Staaten zu rund neunzig Prozent aus vollendeten oder verhinderten Kleinbürgern. Genau diese Welt machte er deshalb zum Gegenstand. Bis in die kleinste Statistenrolle hinein deckt er die Schäbigkeit und Muffigkeit dieses Milieus auf, seine Sentimentalität und sein Selbstmitleid, mit dem es seine Schuld zudeckt. Aus dieser Genauigkeit erklärt sich, warum seine Figuren so unausweichlich auf die Katastrophe zusteuern. "Alle meine Stücke sind Tragödien – sie werden nur komisch, weil sie unheimlich sind", schrieb er selbst.

Die Nähe zu Raimund und Nestroy ist hörbar, ebenso die Verwandtschaft mit der Moritat. Seine Personen lassen die Möglichkeiten ihrer Karikatur stets ahnen. Kleine Ladenbesitzer und Angestellte, verarmte Beamte und Intellektuelle stellen die Substanz seiner Rollen. Bevorzugte Schauplätze sind der Rummelplatz in Kasimir und Karoline, das Wirtshaus in Italienische Nacht, der Kramladen und das Ausflugslokal in Geschichten aus dem Wiener Wald. Die Grundmuster der Wiener Operettenwelt sind bei ihm zwar noch vorhanden: Liebelei und Eifersucht, Verlassenwerden und am Ende allgemeines Verzeihen. Doch was dort als charmant-verkitschte Spielerei abläuft, wird hier in seiner Dummheit und Glücklosigkeit erbarmungslos aufgedeckt.

Auch der dramatische Bau ist charakteristisch. Die Szenen sind locker aneinandergefügt. Die Handlung gleitet oft ins Beiläufige ab und malt Milieu und Situation mit aller Genauigkeit des Details aus. Gerade daher rührt die atmosphärische Dichte seiner Werke. Der Dialekt ist nicht mehr naturalistisch notwendig. Anklänge daran finden sich vor allem im frühen Drama Revolte auf Côte 3018. An die Stelle des Dialekts tritt die mit Bildungsjargon und Klischees beladene Sprache des Kleinbürgertums, in der die Mundarten eingeebnet sind. Schon früh erkannte Horváth die politischen Folgen der wirtschaftlichen Lage, etwa in Zur schönen Aussicht (1926) und in Sladek, der schwarze Reichswehrmann (1929). In Italienische Nacht analysierte er neben der sozialen auch die psychologische Komponente im Verhalten der Faschisten, das von einem zugleich brutal wie masochistisch-sentimental auftretenden Minderwertigkeitsgefühl bestimmt sei.


Rezeption

Horváth führte sich im deutschen Theater 1927 mit dem sozialkritischen Erstlingswerk Revolte auf Côte 3018 ein. Das Stück behandelt den Bau der Tiroler Zugspitzbahn und wurde an den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt. Zwei Jahre später brachte die Volksbühne Berlin eine umgearbeitete Fassung unter dem Titel Die Bergbahn heraus. Der Berliner Kritikerpapst Alfred Kerr bezeichnete diese Inszenierung als einen "Orkan des – nicht nur äußeren – Erfolgs". Ebenfalls 1929 hatte das heftig umstrittene Folgestück Sladek, der schwarze Reichswehrmann in Berlin Premiere. Kerr bemängelte es noch als zu skizzenhaft: Horváth gebe "anfangs politische Weltanschauung in runden Gestaltbildern – hernach bloß Weltanschauung in Dokumenten". Der Durchbruch zum gefeierten Dramatiker gelang Horváth 1931 mit Italienische Nacht. Kerr nannte das Stück einen "gelungenen Zeitspaß", und es trug ihm den renommierten Kleist-Preis ein.

Ab 1933 wurden seine Werke an den deutschen und bald auch an den österreichischen Bühnen abgesetzt. Erst in den späten sechziger Jahren setzte eine Horváth-Renaissance ein. Seither werden seine Dramen regelmäßig an den deutschsprachigen Bühnen aufgeführt. Seine Romane wurden in den Kanon der Schullektüre aufgenommen. Heute gilt er als sozialkritischer "Klassiker der Moderne".

Seit den 1950er Jahren wurden Horváths Werke vielfach verfilmt, am häufigsten Geschichten aus dem Wiener Wald, Der jüngste Tag und Jugend ohne Gott. Der Autor selbst wurde zur filmischen Gestalt. In der britisch-amerikanischen BBC-Koproduktion Geschichten aus Hollywood (Tales from Hollywood) von 1993 spielte Jeremy Irons einen fiktiven Horváth nach 1938 in den Vereinigten Staaten. Auch musikalische Bearbeitungen gibt es. Udo Lindenberg und Jan Delay machten 2008 eine Sentenz aus Zur schönen Aussicht zur Grundlage des Lieds Ganz anders, das Platz 28 der deutschen Charts erreichte – "Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu."

Im Januar 2003 wurde in Murnau am Staffelsee eine Ödön-von-Horváth-Gesellschaft gegründet. Sie fördert das Werk und richtet im Dreijahresturnus die Murnauer Horváth-Tage mit Inszenierungen, Lesungen, Symposien und Ausstellungen aus. Seit 2013 vergibt die Stiftung den Ödön-von-Horváth-Preis. Erster Preisträger war der österreichische Dramatiker Felix Mitterer. Den Förderpreis erhielt der Filmemacher Ben von Grafenstein für seine Kinoversion von Kasimir und Karoline. Seit März 2010 widmet das Schlossmuseum Murnau dem Autor eine Dauerausstellung. Am 1. September 2016 wurde das wiederentdeckte Stück Niemand unter der Regie von Herbert Föttinger am Theater in der Josefstadt in Wien uraufgeführt. 2023 schloss das Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung der Universität Graz eine große historisch-kritische Gesamtausgabe in 19 Bänden ab und legte ein umfangreiches Horváth-Handbuch vor. Zudem liegt seit einigen Jahren eine frei zugängliche digitale Edition aller Dramen mit Analysetools vor.

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