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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Italienische Nacht
Eingang · Werke · Italienische Nacht
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Italienische Nacht
1931
– Werkseintrag –

Italienische Nacht

1931 · Drama

Zwei verfeindete politische Lager, ein Festabend, ein Wirtshaus – Horváths Volksstück zeigt, wie bequeme Republikaner über sich selbst stolpern, während draußen die Faschisten aufmarschieren.

Überblick↑

Mit dem Werk Italienische Nacht schuf Ödön von Horváth ein Volksstück in sieben Bildern. Es entstand zu einer Zeit, in der die politischen Lager in Deutschland immer schärfer aufeinanderprallten. Die Uraufführung fand am 20. März 1931 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin statt, unter der Regie von Francesco von Mendelssohn und mit großem Erfolg. Auf der Bühne standen unter anderem Fritz Kampers und Berta Drews. Wenige Monate später, am 4. Juli 1931, brachte Oskar Sima in Wien eine entpolitisierte Fassung heraus. Danach verschwand das Stück lange von den Bühnen und wurde erst 1967 in Konstanz wieder gespielt. Horváth zeigt darin den Zusammenstoß zwischen biederen Republikanern und aufmarschierenden Faschisten – und zugleich die Selbstgefälligkeit und Bequemlichkeit der eigenen, vermeintlich fortschrittlichen Seite.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

In einer kleinen Stadt teilen sich zwei verfeindete politische Lager dasselbe Wirtshaus. Am selben Wochenende, an dem der republikanische Schutzverband seine festliche „italienische Nacht“ feiern will, gestattet der geschäftstüchtige Wirt Josef Lehninger der örtlichen Gruppe der Faschisten einen „deutschen Tag“ im selben Lokal. Aus diesem Nebeneinander entsteht von Anfang an Spannung.

Horváth stellt die Mitglieder des Verbandes vor: aufrechte Republikaner, deren Ziel der Sozialismus ist, doch die in ihrem Alltag oft kleinbürgerlich und bequem wirken. Der Musiker Karl, ein triebhafter Mann, freundet sich mit der unpolitischen Leni an. Der junge Arbeiter Martin hält sich für klüger und tatkräftiger als seine älteren Genossen. Um den Gegner auszukundschaften, schickt er seine Freundin Anna zu einem Faschisten, mit dem sie anbandeln soll.

Während die Republikaner ihre Laienkünstler-Darbietungen einüben und feiern, beobachtet Martin mit seinen jungen Kameraden das Treiben mürrisch und ungeduldig. Zwischen den selbstzufriedenen Älteren und den ungestümen Jüngeren wächst der Streit, während draußen die Faschisten bereits zum Aufmarsch rüsten.

Die Handlung im Detail↑

An einem Sonntagvormittag sitzen Mitglieder und Vorstand des republikanischen Schutzverbandes in ihrem Stammlokal. Sie machen dem Wirt Josef Lehninger Vorwürfe: Ausgerechnet am Abend ihrer angekündigten „italienischen Nacht“ darf die Ortsgruppe der Faschisten im selben Lokal einen „deutschen Tag“ feiern. Der Wirt denkt vor allem ans Geschäft.

Horváth stellt die Republikaner vor, deren erklärtes Ziel der Sozialismus ist. Karl, Musiker in einem Konzertcafé und ein triebhafter Mann, freundet sich mit der unpolitischen Leni an. Der junge Arbeiter Martin bildet sich ein, er sei der Klügere und durchschlagskräftiger als seine Genossen. Er schickt seine Freundin Anna „auf den politischen Strich“: Sie soll mit einem Faschisten anbandeln und so den Gegner auskundschaften.

Annas Rendezvous mit dem Faschisten findet gegen Ende der Abenddämmerung in den städtischen Anlagen statt, vor dem Denkmal des ehemaligen Landesvaters. Während Martins junge Kameraden das Denkmal mit roter Farbe beschmieren, verrät der Faschist nichts über seine Mitkämpfer, sondern fällt über Anna her.

Bei der „italienischen Nacht“ selbst zeigt sich der republikanische Stadtrat Alfons Ammetsberger, der Hauptorganisator, als Spießbürger: Vor allen Leuten stellt er seine Frau Adele bloß und gängelt sie. Martin und seine jungen Kameraden verfolgen die aufwendig einstudierten Darbietungen der Laienkünstler stumm und mürrisch. Als die Jungen schließlich dazu aufrufen, sich mit Kleinkaliberwaffen gegen die militanten Faschisten zu wappnen, kommt es zum Eklat. Ammetsberger schließt Martin und seine Kameraden von der Feier aus.

Martin gibt sich gegenüber einem angereisten Magdeburger Genossen als offizieller Führer vor Ort aus und verjagt den Fremden. Von Karl sagt er sich los, weil dieser sich entgegen der Abmachung mit Leni auf dem Tanzparkett vergnügt hat. Anna kehrt mit einem verräterischen Fleck am Hals aus dem finsteren Park zurück und trifft auf den verärgerten Martin. Sie berichtet, die Faschisten wollten den Abend stürmen. Den bevorstehenden Sturm verkraftet Martin, nicht aber den Übergriff des Faschisten auf Anna. Karl wiederum kommt über die Zurückweisung durch Martin nicht hinweg, doch Leni tröstet ihn. Mit ihrem Geld wollen die beiden eine Kolonialwarenhandlung gründen.

Nach dem Eklat ist die „italienische Nacht“ beendet. Nur Ammetsberger und seine älteren Genossen halten aus Prinzip bis zur Polizeistunde die Stellung. Da bringt der Wirt eine schlimme Nachricht: Das Häuflein der Republikaner ist von den Faschisten eingekreist und soll für die Schändung des Denkmals verprügelt werden. Ammetsberger will sich davonmachen. Seine Frau Adele stellt nun ihrerseits seine Feigheit bloß, bleibt aber die vom Mann brutal unterdrückte Frau. Die Lage scheint aussichtslos. Die alten Genossen sind selbst schuld – warum haben sie ihre jungen, kräftigen Genossen hinausgeworfen? Trotzdem wollen sie lieber Prügel hinnehmen, als feige zu sein. Martins überstürzter Ausschluss soll rückgängig gemacht werden, denn er und sein starker Anhang seien wehrhaft. Ammetsberger versteht seine eigenen Genossen nicht mehr und will sich aus dem politischen Leben zurückziehen. Ein Major kommt mit zwei Faschisten und zwingt den roten Stadtrat zu einer schriftlichen Erklärung, er sei „ein ganz gewöhnlicher Schweinehund“. Doch Adele tritt forsch für ihren Mann ein und schlägt die Eindringlinge in die Flucht. Als sich herausstellt, dass die Faschisten draußen vor Martin und seinen Kameraden gewichen sind, bekommt Ammetsberger sofort wieder Oberwasser.

Stil↑

Als Volksstück knüpft Italienische Nacht an eine volkstümliche Theatertradition an, kehrt deren gemütliche Heiterkeit aber gegen sich selbst. Horváth baut das Stück aus sieben Bildern, die wie Momentaufnahmen wirken: das Stammlokal am Sonntagvormittag, das Stelldichein im Park, der bunte Festabend, schließlich die Einkesselung. Komik und politischer Ernst stehen dicht beieinander. Was zunächst wie ein heiterer Zeitspaß beginnt, kippt zusehends ins Bedrohliche.

Die Figuren entlarven sich vor allem durch ihre eigene Sprache und ihr Verhalten. Der Organisator Ammetsberger gibt sich als aufrechter Republikaner, behandelt aber seine Frau wie ein Tyrann. Der junge Martin redet vom Klassenkampf und benimmt sich doch selbst wie ein Spießer, der nicht einmal einen fremden Dialekt erträgt. Diese Kluft zwischen großen Worten und kleinen Taten ist das eigentliche Mittel des Stücks: Horváth führt seine Leute nicht durch Reden über sie vor, sondern indem er sie schlicht handeln lässt.

Rezeption↑

Schon die Berliner Uraufführung fand starken Widerhall. Geladene Gäste applaudierten – darunter, wie überliefert ist, auch Vertreter der Nationalsozialisten. Die Kritik fiel jedoch geteilt aus. Ernst Heilborn tat das Stück als „Bierulk“ ab. Herbert Ihering lobte das Komödiantische, bemängelte aber, dass die wirklichen gesellschaftlichen Gegensätze verflacht würden. Felix Hollaender zeigte sich unzufrieden: Es reiche nicht, bloß vorzuführen, dass die politische Welt eine Narrenbude sei. Arthur Eloesser bescheinigte Horváth Talent. Der Kritiker Alfred Kerr dagegen lachte sich über das Stück „krank“.

Im Mittelpunkt der Deutungen stehen bis heute der versöhnliche Schluss und die Frage, wie ernst Horváth seine Republikaner nimmt. Der Schlusssatz „Die Republik kann ruhig schlafen!“ wurde als Hinweis auf die Arglosigkeit und Selbstgefälligkeit der Republikaner gelesen; der „Völkische Beobachter“ kommentierte hämisch, der Ödön werde sich noch wundern. Spätere Beobachter wiesen darauf hin, dass die Frauen aus dem politischen Leben ausgeklammert bleiben und dass der vermeintliche Revolutionär Martin sich als politischer Spießer entpuppt. Manche ließen das Happy-End nicht gelten, andere deuteten das Stück als Plädoyer für eine linke, antifaschistische Einheitsfront. 1966 entstand eine Verfilmung fürs Fernsehen unter der Regie von Michael Kehlmann.

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