1820
Ivanhoe
Überblick↑
Walter Scotts 1820 erschienener Roman gilt als eines der Gründungswerke des historischen Romans. Er prägte ein Genre, das bald in ganz Europa Nachahmer fand. Schauplatz ist England am Ende des 12. Jahrhunderts, etwa 130 Jahre nach der normannischen Eroberung. Im Mittelpunkt steht der Konflikt zwischen Angelsachsen und Normannen. Dieser verschärft sich während der Abwesenheit König Richard Löwenherz'. Scott verknüpft fiktive Figuren wie den angelsächsischen Ritter Wilfred of Ivanhoe mit historischen Gestalten wie Richard Löwenherz, seinem Bruder Johann Ohneland und Robin Hood. So entsteht ein anschauliches Bild des mittelalterlichen Englands und zugleich ein nationaler Mythos.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein junger angelsächsischer Ritter kehrt aus dem Heiligen Land nach England zurück. Sein Vater Cedric hat ihn verstoßen. Denn Ivanhoe ist dem normannischen König Richard Löwenherz gefolgt und hat sich in Rowena verliebt, das Mündel des Vaters. Als Pilger verkleidet betritt Ivanhoe wieder den väterlichen Hof. Dort trifft er auf den Tempelritter Brian de Bois-Guilbert, mit dem er bereits in Palästina die Waffen gekreuzt hatte. In derselben Nacht findet auch der jüdische Geldverleiher Isaac von York Zuflucht in Cedrics Haus.
Die Wege führen alle zum großen Turnier von Ashby-de-la-Zouch. Dort tritt der noch immer unerkannte Ivanhoe als „enterbter Ritter" gegen die normannischen Kämpfer an. Während König Richard fern der Heimat festgehalten wird, nutzt sein Bruder Johann die Lage. Mit Hilfe normannischer Barone baut er die eigene Macht aus. Schon bald verschränken sich Turnierehre, Liebeswerben und politische Intrige. Ivanhoe, Rowena, Isaacs Tochter Rebekka und Cedric geraten in die Hände normannischer Ritter, die sie auf einer Burg festsetzen. Im Hintergrund taucht ein geheimnisvoller Schwarzer Ritter auf. Auch eine Schar Geächteter unter einem gewissen Robin von Locksley mischt sich in das Geschehen ein.
Die Handlung im Detail↑
Ivanhoe ist der Sohn des sächsischen Edelmanns Cedric. Weil er König Richard Löwenherz nach Palästina gefolgt ist und Rowena liebt, das Mündel seines Vaters, hat Cedric ihn verstoßen. Als Pilger verkleidet kehrt Ivanhoe heimlich an den väterlichen Hof zurück. Dort begegnet er Rowena wieder und trifft auf den Tempelritter Brian de Bois-Guilbert, gegen den er in Palästina im Turnier gesiegt hatte. In der stürmischen Nacht sucht auch der jüdische Geldverleiher Isaac von York Zuflucht im Haus.
Am nächsten Morgen brechen alle nach Ashby-de-la-Zouch auf, wo Bois-Guilbert an einem großen Turnier teilnehmen will. Ivanhoe begleitet Isaac und schützt ihn vor einem geplanten Überfall. Zum Dank stellt Isaac ihm Rüstung und Pferd, sodass Ivanhoe als „enterbter Ritter" unerkannt am Turnier teilnehmen kann. Er besiegt nacheinander mehrere normannische Gegner – Grantmesnil, Philippe de Malvoisin, Reginald Front-de-Boeuf, Ralph de Vipont – und zuletzt auch Bois-Guilbert selbst. Bei dem Kampf zieht er sich jedoch eine schwere Verletzung zu. Isaac und seine Tochter Rebekka pflegen den Verwundeten.
Auf dem Weiterweg werden Ivanhoe, Cedric, Rowena, Isaac und Rebekka von normannischen Rittern überfallen und auf die Burg Torquilstone des Grafen Front-de-Boeuf verschleppt. Dort wirbt Maurice de Bracy um Rowena und droht ihr die Heirat anzudrohen, wird aber abgewiesen. Bois-Guilbert wiederum erklärt Rebekka, dass er sie begehrt und sie zum Beischlaf zwingen werde; Rebekka droht mit Selbstmord, falls er sich ihr nähere. Die Burg wird von einer Schar Geächteter unter Robin von Locksley – Robin Hood – und einem rätselhaften Schwarzen Ritter angegriffen und erobert. Der Schwarze Ritter ist niemand anderes als der heimlich zurückgekehrte König Richard Löwenherz. Bois-Guilbert gelingt die Flucht und nimmt Rebekka als Gefangene mit zu seinem Orden.
Dort jedoch erscheint überraschend der Großmeister der Templer, Lucas de Beaumanoir, und klagt Rebekka der Hexerei an, weil sie ihre Heilkunst bei Miriam von Menassis erlernt habe, einer als Hexe verbrannten Frau. Zeugen sagen aus, was von ihnen verlangt wird, und Rebekkas Lage scheint aussichtslos. Da macht Bois-Guilbert, der noch immer von ihr besessen ist, sie während des Verhörs auf einen Zettel aufmerksam, den er ihr heimlich zugesteckt hat. Auf arabisch steht darauf: „Fordere einen Kämpfer." Rebekka tut es, und ihr wird ein Gottesurteil zugestanden: ein Zweikampf, der innerhalb von drei Tagen ausgetragen werden muss.
Als Vertreter der Templer bestimmt der Großmeister ausgerechnet Bois-Guilbert, um ihn so vom angeblichen Hexenbann zu befreien. Im letzten Moment erscheint Ivanhoe als Rebekkas Kämpfer, nachdem er sich zuvor mit seinem Vater versöhnt hat und nun Rowena heiraten darf. Die beiden Ritter reiten nur einen Gang gegeneinander. Bois-Guilberts Lanzenstoß wirft den noch nicht ganz genesenen Ivanhoe samt Pferd zu Boden. Doch dann sinkt auch Bois-Guilbert, kaum von Ivanhoes Lanze berührt, überraschend vom Pferd und stirbt. Der Erzähler hält fest: Die Lanze des Feindes habe ihn nicht beschädigt, er sei ein Opfer seiner eigenen unbezähmbaren Leidenschaften geworden.
Kurz darauf erscheint König Richard mit genügend Rittern, löst den Templerorden in England auf und zwingt dessen Männer, das Land zu verlassen. Ivanhoe und Rowena heiraten, Richard vollendet die Wiederherstellung seiner Herrschaft. Rebekka verlässt mit ihrem Vater England und zieht nach Córdoba.
Stil↑
Scott verbindet einen großen historischen Bogen mit Turnierszenen, Burgenbelagerung, Liebeshandlung und Gerichtskampf. Erzählt wird vor einem genau gezeichneten historischen Hintergrund: die Folgen der normannischen Eroberung von 1066, die Sprachscheidung zwischen sächsischer Bevölkerung und französischsprechendem normannischen Adel, die Kreuzzüge und die Gefangenschaft Richard Löwenherz' in Österreich. Schon die Namen tragen die Geschichte. Die normannischen Gegenspieler heißen Brian de Bois-Guilbert, Maurice de Bracy, Philippe de Malvoisin, Ralph de Vipont und Reginald Front-de-Boeuf. Das ist ein hörbarer Standesunterschied zur sächsischen Welt um Cedric und Ivanhoe.
Fiktive Helden treten neben historische Gestalten. Richard Löwenherz, sein Bruder Johann Ohneland und Robin Hood greifen unmittelbar in die Handlung ein. Aus dieser Verknüpfung von Erfindung und Geschichte entsteht das, was Scotts Roman zum Muster für das ganze Genre des historischen Romans gemacht hat. Mit heutigem Abstand fallen die Klischees und die mitunter haarsträubenden Wendungen der Handlung auf. Als spannungsreiche Unterhaltung trägt das Buch jedoch nach wie vor.
Rezeption↑
Ivanhoe gilt als einer der ersten historischen Romane überhaupt. Der Roman wurde zum Vorbild für ein Genre, das bald in ganz Europa Nachahmung fand. Die Figur Rebekkas hat eine eigene literarische Nachwirkung entfaltet. Bereits 1841 erschien unter dem Titel The Hebrew Maiden; or, the lost diamond. A tale of chivalry eine erste Fortschreibung ihrer Geschichte, 1851 eine weitere unter dem Untertitel A Chivalric Romance. Auch heute noch findet, wer das Buch zur Hand nimmt, laut Wikipedia über manches Klischee schmunzelnd „gute Unterhaltung … allemal".
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