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Porträt Walter Scott
Walter Scott
1771 – 1832
– Autorenporträt –

Walter Scott

1771 – 1832 · 61 Jahre

Schottischer Erzähler und Begründer des neuzeitlichen historischen Romans – mit Waverley und Ivanhoe einer der meistgelesenen Autoren des 19. Jahrhunderts.

Kurzporträt

Walter Scott war ein schottischer Dichter, Schriftsteller, Verleger und Literaturkritiker. Er gilt als Begründer des neuzeitlichen historischen Romans. Geboren 1771 in Edinburgh, wurde er zu einem der meistgelesenen Autoren seiner Zeit, weit über die Grenzen Europas hinaus. Mit Versdichtungen wie The Lay of the Last Minstrel und vor allem mit seinem zunächst anonym erschienenen Roman Waverley (1814) prägte er ein ganzes Genre. Sein Werk wurde zur Vorlage zahlreicher Schauspiele, Opern und Filme. 1820 wurde er in den Adelsstand als Baronet erhoben. Er starb 1832 finanziell ruiniert, aber als Persönlichkeit von nationalem Rang.


Biografie

Walter Scott kam am 15. August 1771 in Edinburgh als neuntes von zwölf Kindern zur Welt. Sechs seiner Geschwister starben bereits im Kindesalter. Im zweiten Lebensjahr erkrankte er an Polio und behielt davon ein gelähmtes Bein für den Rest seines Lebens. Sein Vater, ebenfalls Walter Scott, war Rechtsanwalt und als Writer to the Signet ein Solicitor mit erweiterten Kompetenzen. Seine Mutter Anne Rutherford war die Tochter eines Medizinprofessors.

Nach einer Anwaltslehre bei seinem Vater studierte Scott Jura an der Universität Edinburgh und wurde mit 21 Jahren Prozessanwalt (Advocate). Trotz seines umfangreichen literarischen Werkes blieb er sein Leben lang als Jurist tätig: vierzehn Jahre als Advocate, dreiunddreißig Jahre als Sheriff und vierundzwanzig Jahre als Clerk of Session, zeitlich überlappend.

1797 heiratete er Charlotte Carpenter, die als Charlotte Charpentier zur Welt gekommene Tochter französischer Flüchtlinge. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor. Eines starb am Tag nach der Geburt 1798, die anderen vier waren Charlotte Sophia, Walter, Anne und Charles. Charlotte starb im Mai 1826.

Seine literarische Karriere begann Scott mit fünfundzwanzig Jahren mit Nachdichtungen deutscher Balladen. Dazu zählten Übertragungen von Bürgers Der wilde Jäger und Lenore sowie von Goethes Erlkönig und Götz von Berlichingen. Sein Interesse an der heimatlichen Tradition führte ihn zum Sammeln von Volksballaden. Ab 1802 erschien das dreibändige The Minstrelsy of the Scottish Border. Breite Bekanntheit brachten ihm dann seine epischen Verserzählungen ein, beginnend mit The Lay of the Last Minstrel (1805), gefolgt von Marmion (1808) und The Lady of the Lake (1810). Aus letzterem hat Franz Schubert in der Übersetzung von Adam Storck Gesänge vertont. Daraus ist Ellens dritter Gesang als sogenanntes „Schuberts Ave Maria" weltberühmt geworden.

1814 erschien anonym sein erster Roman, Waverley, dessen Handlung im Jakobitenaufstand von 1745 angesiedelt ist. Der Roman machte auf Anhieb Furore und begründete für den englischen Sprachraum den neuzeitlichen historischen Roman. In rascher Folge schrieb Scott in den folgenden zehn Jahren eine ungeheure Fülle weiterer historischer Romane mit schottischen Themen, darunter Guy Mannering, Old Mortality und Rob Roy. Alle veröffentlichte er ohne seinen Namen, lediglich mit dem Hinweis „Autor von Waverley" oder unter Pseudonym. Den Grund für diese Anonymität sieht Wikipedia in Scotts Sorge, seinem Ansehen als seriösem Juristen zu schaden, da Prosa damals als zweitklassig galt. Auch nach seiner Erhebung in den Adelsstand hielt er das Romanschreiben für einen einem Gentleman unangemessenen Broterwerb. Erst 1827 lüftete er bei einem öffentlichen Dinner in den Assembly Rooms in Edinburgh offiziell das Geheimnis. Mit Ivanhoe (1820), Quentin Durward (1823) und Anne of Geierstein (1829) weitete er seine Schauplätze über Schottland hinaus aus, ins England des 12., das Frankreich und die Schweiz des 15. Jahrhunderts.

Neben der Belletristik veröffentlichte Scott literarische Essays, geschichtliche Erzählungen für Kinder, ein Buch über Magie- und Hexenglauben sowie eine neunbändige Napoleon-Biographie. Deren Übersetzungen ins Deutsche, Französische, Italienische und Dänische kamen noch im Erscheinungsjahr heraus. Einige Dramen aus dem letzten Jahrzehnt vor seinem Tod spielten eine vergleichsweise geringe Rolle.

Scott engagierte sich intensiv im öffentlichen Leben. 1818 leitete er die erfolgreiche Suche nach den verschollenen schottischen Kronjuwelen. 1820 wurde er zum Präsidenten der Royal Society von Edinburgh gewählt. 1822 organisierte er den Besuch König Georgs IV. in Edinburgh – den ersten Besuch eines britischen Monarchen auf schottischem Boden seit mehr als 170 Jahren. 1826 verhinderte er mit seinen Letters of Malachi Malagrowther die geplante Abschaffung der schottischen Banknoten. Ehrungen blieben nicht aus: Ehrenbürger Edinburghs, Ehrendoktor der Universität Dublin und am 22. April 1820 die Erhebung in den niederen erblichen Adelsstand als Baronet of Abbotsford. Das Angebot, 1813 die vakante Stelle des Poet Laureate zu übernehmen, hatte er zuvor abgelehnt.

1811 erwarb Scott am Südufer des Tweed nahe Melrose eine kleine Farm und baute sie über die Jahre zum Herrenhaus Abbotsford aus, einem Vorläufer des viktorianischen Scottish Baronial. Der aufwendige Lebensstil und die hohen Ausgaben für Abbotsford führten in Verbindung mit seinen Beteiligungen an der Druckerei und am Verlag der Gebrüder Ballantyne in finanzielle Abhängigkeit. In der britischen Finanzkrise 1825/26 brach das auf gegenseitigen Gefälligkeitswechseln aufgebaute System zusammen. Scott haftete persönlich für mehr als 120.000 Pfund Sterling. Aus Standesbewusstsein lehnte er das Konkursverfahren ab und unterstellte sich stattdessen einer Trust Deed, einer außergerichtlichen Einigung, derzufolge er sein gegenwärtiges und künftiges Vermögen den Gläubigern überließ. Er schrieb von da an pausenlos und ruinierte dabei seine Gesundheit. 1831 erlitt er einen Schlaganfall. Er starb am 21. September 1832 und wurde in der Dryburgh Abbey beigesetzt. In der Angabe des Sterbeorts unterscheiden sich die Quellen: Wikidata nennt Abbotsford, die Deutsche Biographie das benachbarte Melrose. Wikipedia berichtet, er sei in seinem Haus in Abbotsford nahe Melrose gestorben.


Literarische Merkmale

Scotts große Leistung lag weniger in der äußeren Rekonstruktion des historischen Kolorits als in der Darstellung von Charakteren im historischen Milieu. Seine Leser bekamen so einen neuen, lebendigen Zugang zur Geschichte. Vor allem die Figuren aus den unteren Gesellschaftsschichten zeichnete er mit einer Menschlichkeit und Lebensunmittelbarkeit, wie sie zuvor kaum in der Literatur zu finden war. In seinen Romanen treten zahlreiche Typencharaktere aus dem Volk auf, die für die Erzählung durchaus belangvoll sind und oft komische Züge tragen.

Als Erzählperspektive wählte Scott die Sichtweise eines mittleren Protagonisten, eines neutralen Helden, der sozial und charakterlich durchschnittlich dem Leser nahesteht. Die historischen Großen werden in seinen Romanen nicht als Verursacher, sondern als Exponenten der Entwicklung gezeigt. Um die Vergangenheit zugleich authentisch und anschaulich zu vergegenwärtigen, griff Scott bevorzugt zu einer szenischen Darstellungsmethode mit einem hohen Anteil an Dialogen. Diese Dialoge dramatisieren die jeweils dargestellte entwicklungsgeschichtliche Etappe des Landes. Im Zusammenspiel dieser Mittel wird seine grundlegende Absicht erkennbar, sich die Vergangenheit erinnernd anzueignen und sie in das Gegenwartsbewusstsein seiner Leser zu integrieren.

Bemerkenswert ist die Distanz, die Scott zu seinen Romanen wahrte. Er betrachtete sie weitgehend als kommerzielle Angelegenheiten. Seinem illustren Besucherkreis in Abbotsford zeigte er sich nicht als der vielschreibende, hart arbeitende Autor, der er war, sondern als charmanter und vornehmer Müßiggänger.


Rezeption

Scotts literarische Wirkung im 19. Jahrhundert war außerordentlich. Goethe schätzte seine Werke hoch und hielt ihn für den besten Erzähler seiner Zeit. Waverley stellte er „den besten Sachen an die Seite, die je in der Welt geschrieben wurden". Fontane nannte ihn den „Shakespeare der Erzählung". Historische Romane nach Scotts Vorbild entstanden in vielen Ländern und Sprachen. Gelegentlich wurden sie sogar für seine eigenen gehalten, wie Walladmor (1824) von Willibald Alexis. Beeinflusst von ihm waren unter anderem Wilhelm Hauff und Theodor Fontane, James Fenimore Cooper und Edward Bulwer-Lytton, Honoré de Balzac und Victor Hugo, Alessandro Manzoni und Alexander Puschkin.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sank die Popularität rasch. Der einst „große Unbekannte" wurde, in einer oft wiederholten Formulierung, zum „großen Ungelesenen". Erst im 20. Jahrhundert wuchs das Interesse wieder, ausgehend nicht zuletzt von Georg Lukács' Schrift Der historische Roman (1937/1954). Darin wird Scott als der „große Dichter der Geschichte" schlechthin bezeichnet. Lukács sah in den Waverley-Romanen einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Gattung: Im Gegensatz zum statischen Menschenbild der Aufklärung stellt Scott Mensch und Gesellschaft als Produkte des historischen Wandels dar. In der gegenwärtigen deutschen Literaturwissenschaft werden seine Romane laut Wikipedia dagegen weitgehend ignoriert. Auf dem deutschen Buchmarkt ist meist nur noch Ivanhoe in gekürzter Kinderbuchfassung präsent.

Nach Shakespeare dürfte Scott der Autor sein, dessen Werke am häufigsten als Grundlage für Opernlibretti dienten, darunter Rossinis La donna del lago (1819), Boieldieus La dame blanche (1825), Donizettis Lucia di Lammermoor (1835) und Bizets La jolie fille de Perth (1867). Auch der Film griff vielfach auf sein Werk zurück, beginnend in der Stummfilmzeit und verstärkt seit den 1950er Jahren, vor allem mit Verfilmungen von Ivanhoe, Rob Roy und Quentin Durward.

Über die Literatur hinaus reichte Scotts politisch-gesellschaftliche Wirkung. Selbst Unionist und Protestant, stellte er in seinen Romanen mit Verständnis auch die Positionen der Nationalisten, Katholiken und Stuart-Anhänger dar und trug so zur Überwindung der nach den Jakobitenaufständen fortwirkenden Animositäten bei. Sein im Hochland angesiedeltes Erzählen und der von ihm orchestrierte Besuch König Georgs IV. in Edinburgh 1822 mit Kilt, Tartan und Dudelsack veränderten das Bild der schottischen Highlands grundlegend und stehen am Beginn des modernen Tourismus dorthin. In den Vereinigten Staaten wiederum machte Mark Twain Scotts romantische Verklärung mittelalterlicher Strukturen für die Mentalität der Südstaaten und damit indirekt für den Bürgerkrieg mitverantwortlich. Der Militäranalyst Franz-Stefan Gady hat dieser Sicht beigepflichtet. Seit 2006 wird der Sir Walter Scott-Preis für deutschsprachige historische Romane verliehen, seit 2010 zusätzlich der hochdotierte britische Walter Scott Prize for historical fiction.

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