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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Charles Sealsfield
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Porträt Charles Sealsfield
Charles Sealsfield
1793 – 1864
– Autorenporträt –

Charles Sealsfield

1793 – 1864 · 71 Jahre

Katholischer Priester aus Mähren, der als Charles Sealsfield eine neue Identität in Amerika annahm und in seinen Romanen die junge Republik dem alten Europa gegenüberstellte.

Kurzporträt

Unter dem Namen Charles Sealsfield veröffentlichte ein Mann seine Romane, der eigentlich Carl Anton Magnus Postl hieß und 1793 in Poppitz bei Znaim in Mähren geboren wurde. Der katholische Priester floh 1823 aus ungeklärten Gründen aus Prag in die USA und legte sich dort eine neue Identität zu. Aus dem Ordensmann wurde ein österreichisch-amerikanischer Schriftsteller, der sich als politischer Autor verstand und in seinen Romanen die junge amerikanische Republik der alten europäischen Welt gegenüberstellte. Sein bis heute bekanntestes Werk ist Das Cajütenbuch oder Nationale Charakteristiken. Erst nach seinem Tod 1864 in Solothurn wurde enthüllt, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg.


Biografie

Geboren wurde Carl Anton Magnus Postl am 3. März 1793 in Poppitz bei Znaim, dem heutigen Popice in Mähren. Er entstammte einer südmährischen Weinbauernfamilie; sein Vater Anton war Weinbauer und Ortsrichter. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Znaim studierte Postl in Prag. Laut der Neuen Deutschen Biographie belegte er ab 1808 Philosophie und ab 1811 Theologie, unter anderem bei Bernhard Bolzano. 1810 wurde er Mitglied des Kreuzherrenordens, 1814 empfing er die Priesterweihe. Als Sekretär des Großmeisters verkehrte er in den Kreisen der liberalen Prager Aristokratie.

Im Jahr 1823 verließ Postl Prag aus ungeklärten Gründen. Er wurde sogar per Steckbrief gesucht und emigrierte über Wien und Stuttgart in die USA. Dort baute er sich eine neue Identität auf, zuerst als Charles Sidons, dann als Charles Sealsfield. Er lebte zunächst in Kittanning in Pennsylvania, wahrscheinlich als protestantischer Geistlicher, danach in New Orleans. 1826/27 hielt er sich wieder in Europa auf, vor allem in London. Hier ließ er seine ersten Veröffentlichungen erscheinen und bot dem österreichischen Staatskanzler Metternich vergeblich seine Dienste als Geheimagent an.

Während eines weiteren Aufenthalts in den USA arbeitete er in New York als Journalist und hatte Kontakt mit Joseph Bonaparte. Ende 1830 kehrte er nach Europa zurück und ließ sich in der Schweiz nieder. Mit mehreren zunächst anonym veröffentlichten Romanen erlangte er internationale Erfolge. Eine kurze USA-Reise 1837 diente der rechtlichen Absicherung seiner amerikanischen Identität. Ein längerer Aufenthalt von 1853 bis 1858 brachte ihm schließlich die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Seine erste größere Veröffentlichung war 1827 der Reisebericht Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, nach ihrem politischen, religiösen und gesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet, den er unter dem Pseudonym Charles Sidons herausbrachte. Eine überarbeitete englische Fassung folgte 1828. Im selben Jahr erschien anonym in London Austria as it is, or sketches of continental courts, by an eye-witness, eine scharfe Abrechnung mit dem Regime Metternichs. Die österreichische Geheimpolizei versuchte vergeblich, dem Verfasser auf die Spur zu kommen. Erst Jahre später gestand Postl seine Autorschaft ein.

1829 erschien Sealsfields erster Roman Tokeah; or the White Rose, der einzige, den er in englischer Sprache schrieb. In ihm steht er deutlich unter dem Einfluss von James Fenimore Coopers Last of the Mohicans von 1826. Zunächst blieb der Roman ohne Erfolg. Erst nach einer grundlegenden Umarbeitung fand er ein Publikum: 1833 erschien er anonym unter dem Titel Der Legitime und die Republikaner. Damit begann Sealsfields schriftstellerische Karriere im deutschen Sprachraum. Die Handlung um die Schlacht von New Orleans, in deren Verlauf auch General Andrew Jackson auftritt, folgt dem Modell des historischen Romans, wie es Walter Scott entwickelt hatte.

In den folgenden Jahren entstand eine Reihe von Romanen mit teils komplizierter Titelgebung. 1835 veröffentlichte er den historischen Roman Der Virey und die Aristokraten über den mexikanischen Unabhängigkeitskrieg. Zwischen 1834 und 1837 entstand die fünfbändige Romanreihe Lebensbilder aus der westlichen Hemisphäre, in der er das Bild der südstaatlichen Plantagengesellschaft zeichnete. Unvollendet blieben mehrere Werke, darunter Morton oder die große Tour und der Roman Die Deutsch-Amerikanischen Wahlverwandtschaften von 1839/40. 1841 wandte sich Sealsfield mit Das Cajütenbuch oder Nationale Charakteristiken wieder dem amerikanischen Westen zu, mit der texanischen Revolution im Mittelpunkt. Als letzter Roman erschien 1842/43 Süden und Norden. Von 1843 bis 1846 brachte er beim Verlag Metzler in Stuttgart seine Sämtlichen Werke in achtzehn Bänden heraus.

Nach 1843 veröffentlichte Sealsfield nichts mehr und geriet weitgehend in Vergessenheit. 1858 kaufte er sich auf Anregung des Baselbieter Politikers Stephan Gutzwiller ein Haus in Solothurn, das er bis zu seinem Tod bewohnte. In den Solothurner Jahren verkehrte er mit Männern der örtlichen Bildungselite. Als sich Karl Maria Kertbeny als Privatsekretär bewarb, schlug Sealsfield das Angebot aus. 1864 erlag er einem Krebsleiden. Für sein Grabmal auf dem Friedhof Feldbrunnen-St. Niklaus bestimmte er selbst die Inschrift „Charles Sealsfield, Bürger von Nord Amerika“. Die Eröffnung seines Testaments und die Enthüllung seiner früheren Identität als Carl Postl erregten großes Aufsehen und führten zu intensiven biografischen Forschungen.


Literarische Merkmale

Verstanden hat sich Sealsfield vor allem als politischer Autor. Er hielt sich später zugute, den „nazionalen oder höheren Volks-Roman“ erfunden zu haben, in dem an die Stelle eines Einzelhelden ein ganzes Volk gesetzt wird. Als Zweck seines Schreibens gab er an, den amerikanischen „Civilisazionsproceß“ darstellen zu wollen. Seine Romane behandeln einerseits die funktionierende amerikanische Republik, andererseits die aus seiner Sicht nicht funktionierende Republik in Mexiko.

Charakteristisch ist die Perspektive eines Bürgers der Vereinigten Staaten, aus der heraus das amerikanische politische System erklärt und dem veralteten Europa eine neue, dynamische Welt vor Augen geführt wird. In seinen Romanen erscheint Sealsfield als überzeugter Verfechter des politischen und sozialen Systems der USA, allerdings in dessen agrarisch-südstaatlicher Ausprägung. Deshalb verteidigte er auch die Institution der Sklaverei. Die Träger seiner idealen Republik sind Hinterwäldler, Bauern und Plantagenbesitzer; der städtischen Welt wich er in seinem Werk weitgehend aus.

Seine Erzählweise arbeitet oft mit einer Rahmenkonstruktion, in der ein Ich-Erzähler anderen Erzählern das Wort gibt und so ein breites Panorama entstehen lässt. In Das Cajütenbuch etwa werden einer zuhörenden Gruppe reicher Plantagenbesitzer mehrere Geschichten erzählt. Seine Texte verbinden abenteuerliche Handlungen, melodramatische Effekte und komplexe Intrigen mit dem Anspruch, den Leser über die geheimen Hintergründe der Politik aufzuklären. Als sprachliche Kunstwerke gelten seine Bücher laut der Neuen Deutschen Biographie bis heute als bemerkenswert; ihre Vitalität hebt sie aus der Masse der zeitgenössischen deutschsprachigen Romanproduktion heraus.


Rezeption

Von den Zeitgenossen, etwa den Jungdeutschen, wurden Sealsfields Romane als Bilder der amerikanischen Demokratie geschätzt. Sein Reisebericht über Österreich löste eine Suche der österreichischen Geheimpolizei nach dem unbekannten Verfasser aus. Sein erster Roman Tokeah war zunächst kein Erfolg und fand erst nach der Umarbeitung zu Der Legitime und die Republikaner ein interessiertes Publikum. Sein bis heute bekanntestes Werk blieb Das Cajütenbuch; besonders die Binnenerzählung Die Prärie am Jacinto festigte seinen Ruhm und wurde wiederholt als Einzeltext herausgegeben.

Nach 1843 verstummte Sealsfield und geriet in Vergessenheit. Erst die Enthüllung seiner Identität nach seinem Tod 1864 rückte ihn wieder ins Licht und führte zu intensiven biografischen Forschungen. Seit 1964 besteht eine Charles-Sealsfield-Gesellschaft, seit 2002 eine internationale Gesellschaft. 1993 gab die österreichische Post eine Briefmarke zu seinen Ehren heraus.

Die jüngere Forschung hat wiederholt auf die Widersprüche in Sealsfields idealisierendem Gesellschaftsbild hingewiesen: auf den deutlichen Rassismus, die frauen- und sinnenfeindliche Grundlage und den autoritären Charakter seiner Republik der Plantagenbesitzer. Auf manche problematischen Züge seiner Ideologie wurde erst spät aufmerksam gemacht. Als sprachliche Kunstwerke gelten seine Bücher laut der Neuen Deutschen Biographie jedoch weiterhin als bemerkenswert.

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