1900 – 1971
Giorgos Seferis
Kurzbiografie↑
Als griechischer Dichter und Diplomat prägte Giorgos Seferis (1900–1971) die neugriechische Literatur des 20. Jahrhunderts. Er gehörte der sogenannten Generation der 30er Jahre an, die in der Dichtung die Wende zur Moderne vollzog. Im Jahr 1963 erhielt er als erster Grieche den Nobelpreis für Literatur. Sein Werk umfasst Gedichte, Essays, einen Roman und umfangreiche Tagebücher. Über sein diplomatisches Leben hinaus wurde er zur moralischen Stimme: Bei seiner Beerdigung 1971 wurde der Trauerzug zu einer Kundgebung gegen die Militärdiktatur.
Biografie↑
Geboren wurde Seferis, der eigentlich Giorgos Stylianos Seferiadis hieß, am 13. März 1900 nach dem gregorianischen Kalender. Nach dem damals von der griechischen Kirche benutzten julianischen Kalender fiel sein Geburtstag auf den 29. Februar. Der Geburtsort liegt im heute türkischen Urla, das damals Vourla hieß und zum Osmanischen Reich gehörte. Über den Geburtsort sind sich die Quellen nicht ganz einig: Wikidata nennt Urla, die Deutsche Biographie hingegen Izmir, die nahe gelegene größere Stadt.
Sein Vater Stylianos Seferiadis war Rechtsanwalt, verfasste selbst Gedichte und übersetzte antike wie ausländische Dichter. Seine Mutter hieß Despo, geborene Tenekidi. Seferis hatte zwei jüngere Geschwister: Ioanna (1902–2000), die den späteren griechischen Präsidenten Konstantinos Tsatsos heiratete, und Angelos (1905–1950).
Nach Beginn des Ersten Weltkriegs siedelte die Familie 1914 nach Athen über. Dort besuchte Seferis ein Gymnasium und bestand 1917 das Abitur. Von 1918 bis 1924 studierte er Rechtswissenschaft in Paris. Anschließend verbrachte er 1924 ein Jahr in England, um seine Englischkenntnisse zu verbessern. Im Jahr 1925 kehrte er nach Griechenland zurück und trat 1926 in den diplomatischen Dienst seines Landes ein.
Seine erste Gedichtsammlung Wende erschien 1931. In den Jahren 1931 bis 1934 arbeitete er an der griechischen Botschaft in London. Von 1936 bis 1938 vertrat er seine Heimat als Konsul im albanischen Koritza. Im Jahr 1941 heiratete er nach langjähriger Beziehung Maro Zannou. Von 1941 bis 1944 teilte er das Schicksal der griechischen Exilregierung, das ihn unter anderem nach Kreta, Ägypten und Südafrika führte.
Nach der Befreiung Griechenlands 1944 kehrte er nach Athen zurück. Ab 1948 stand er erneut in diplomatischen Diensten. Von 1953 bis 1956 war er Botschafter im Libanon, von 1957 bis 1962 in Großbritannien. Während der Militärdiktatur der Obristen, die von 1967 bis 1974 herrschte, veröffentlichte er eine auf den 29. März 1969 datierte Erklärung gegen das Regime. Seine letzten Lebensmonate verbrachte er zurückgezogen. Am 20. September 1971 starb er in Athen; seine Beerdigung wurde zu einem Demonstrationszug gegen die Diktatur. In seinem Todesjahr nahm ihn die American Academy of Arts and Letters als Ehrenmitglied auf.
Literarische Merkmale↑
Sein literarisches Werk umfasst mehrere Formen: Gedichte, Essays, einen Roman und ausgedehnte Tagebücher. Im Mittelpunkt steht die Lyrik, angefangen bei Wende von 1931 über Mythischer Lebensbericht (1935) bis zu den drei Bänden der Logbücher und den Drei geheimen Gedichten von 1966. Kennzeichnend ist die enge Verbindung von moderner Dichtung und griechischer Überlieferung.
Wie wichtig ihm die Kontinuität der griechischen Sprache und Kultur war, machte er in seiner Dankesrede zur Verleihung des Nobelpreises 1963 in Stockholm deutlich. Dort beschrieb er sein Land als „ein felsiges Kap im Mittelmeer ohne anderen Reichtum, als den Lebenskampf seines Volkes, das Meer und das Licht der Sonne“. Sein Erbe nannte er gewaltig, gerade weil es „uns ohne Unterbrechung überliefert worden ist. Die griechische Sprache hat nie aufgehört, gesprochen zu werden.“
Einige seiner Gedichte aus den 1930er Jahren wurden von Mikis Theodorakis vertont, etwa aus den Zyklen Epiphania und Mythologie. Diese Vertonungen trugen wesentlich zur politischen Wirkung seiner Verse bei. Ein Beispiel ist der Text zum Lied „Sto perigiali to kryfo“, den Seferis 1924 schrieb und 1931 veröffentlichte. Er handelt vom Exil, von der Sehnsucht nach dem Mittelmeer sowie von der Meinungs- und Lebensfreiheit.
Rezeption↑
Mit dem Nobelpreis für Literatur 1963 wurde Seferis als erster Grieche mit dieser Auszeichnung geehrt. Er zählt zu den bedeutendsten Dichtern und Essayisten neugriechischer Sprache. Seine politische Bedeutung wuchs vor allem während der Militärdiktatur von 1967 bis 1974. Das nach Musik von Mikis Theodorakis 1960 vertonte Lied „Sto perigiali to kryfo“, erstmals 1962 von Grigoris Bithikotsis veröffentlicht, wurde nach dem Obristenputsch von 1967 verboten und zur Hymne des Widerstands gegen das Regime. Bei Seferis' Beerdigung säumte eine Menschenmenge die Straßen und sang dieses Lied.
Im deutschen Sprachraum liegt sein Werk in zahlreichen Übertragungen vor. Bereits 1962 erschien im Suhrkamp Verlag der Band Poesie in der Übersetzung von Christian Enzensberger. Später folgten unter anderem Alles voller Götter mit Essays sowie Übertragungen der Logbücher und des Romans Sechs Nächte auf der Akropolis. Damit wurde sein Werk über mehrere Jahrzehnte hinweg immer wieder neu ins Deutsche vermittelt.
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