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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Sto perigiali to kryfo
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Sto perigiali to kryfo
1931
– Werkseintrag –

Sto perigiali to kryfo

1931 · Lyrik

Ein knappes Gedicht vom Durst am Meer und einem verwehten Namen, das als Lied zur Hymne des griechischen Widerstands wurde.

Überblick↑

Das Gedicht Sto perigiali to kryfo – auf Deutsch „Am verborgenen Ufer“ – stammt von Giorgos Seferis, dem griechischen Dichter und Literaturnobelpreisträger. Er schrieb den Text 1924 und veröffentlichte ihn 1931. Bekannt ist das Gedicht auch unter dem Titel „Arnisi“ (Άρνηση), was so viel wie „Ablehnung“ bedeutet. Seine große Wirkung entfaltete es vor allem als Lied: Mikis Theodorakis vertonte den Text, und in dieser Form wurde er weit über die Literatur hinaus bekannt. Das Werk kreist um Exil, um die Sehnsucht nach dem Mittelmeer und um die Freiheit des Denkens und Lebens.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Aus einer Wir-Perspektive erzählt das Gedicht in drei knappen Strophen von einem Erlebnis am Meer. An einem verborgenen Strand, weiß wie eine Taube, überkommt die Sprechenden mittags der Durst – doch das Wasser erweist sich als brackig. Auf den hellgelben Sand schreiben sie einen Namen, aber eine aufkommende Brise verweht die Schrift. Immer wieder folgt auf Erwartung und Sehnsucht die Enttäuschung. Am Ende weitet sich das Gedicht vom einzelnen Erlebnis zu einer Betrachtung über das menschliche Leben überhaupt: mit welchem Herzen, welchem Atem, welchen Sehnsüchten und Leidenschaften man sein Dasein lebt.

Die Handlung im Detail↑

In drei Strophen zu je vier Versen entfaltet sich ein durchgehendes Bild. Die erste Strophe führt an einen verborgenen Strand, weiß wie eine Taube. Zur Mittagsstunde werden die Sprechenden durstig, doch das Wasser, das sie finden, ist brackig und stillt den Durst nicht. Die zweite Strophe wiederholt dieses Muster von Hoffnung und Vergeblichkeit: Auf den hellgelben Sand schreiben sie den Namen einer Frau, aber eine Brise kommt auf und bläst den Schriftzug fort.

Die dritte Strophe hebt das Geschehen auf eine allgemeine Ebene. Sie fragt, mit welchem Herzen und welchem Atem, mit welchen Sehnsüchten und welcher Leidenschaft die Menschen ihr Leben gelebt haben. Dann fällt das entscheidende Wort: „Irrtum“ (λάθος). Diese Erkenntnis wird als knapper Einschub gesetzt, und ihr folgt die Konsequenz – „und wir veränderten unser Leben“ (αλλάξαμε ζωή). Auf die aufsteigende Bewegung von Erwartung und Sehnsucht folgt so in jeder Strophe ein Absturz, der am Schluss in die Einsicht mündet, dass das bisherige Leben ein Irrtum war und geändert werden muss.

Stil↑

Streng gebaut ist dieses Gedicht: drei Strophen mit je vier Versen, verbunden durch einen umschließenden Reim nach dem Schema abba. Einen Refrain gibt es nicht, doch werden die jeweils letzten beiden Verse einer Strophe wiederholt. Das Versmaß folgt dem Jambus. Jede Strophe beginnt mit einem Achtsilbler, dem ein Siebensilbler, ein Neunsilbler und schließlich ein Sechssilbler folgen. Diese Verkürzung im letzten Vers stützt die inhaltliche Bewegung: Auf die aufsteigende Linie von Sehnsucht und Erwartung folgt der Absturz in die Enttäuschung. Besonders eindringlich wirkt in der Schlussstrophe das eingeschobene Wort „Irrtum“, das den Bruch scharf markiert.

Für die musikalische Fassung setzte Mikis Theodorakis das Lied im Viervierteltakt und in C-Dur. Neben den beiden anderen Dur-Akkorden verwendet er auch die Molltonart e-Moll, und die Dominante wird um die Septime ergänzt. Die Melodie beginnt auf der dreimal wiederholten Terz, steigt bis zur Oktave auf und endet auf dem Grundton. Der Altphilologe Dietram Müller bemängelt an dieser Vertonung, dass sie den starken Einschnitt des Wortes „Irrtum“ völlig unbeachtet lasse und dem Inhalt daher nicht sehr angemessen sei.

Rezeption↑

Weit über den literarischen Kreis hinaus wirkte das Werk vor allem als Lied. Grigoris Bithikotsis nahm die Vertonung von Theodorakis 1962 erstmals auf. Nach dem Militärputsch von 1967, mit dem die griechische Militärjunta an die Macht kam, wurde das Lied verboten – und gerade dadurch zur Hymne des Widerstands gegen das Regime. Bei der Beerdigung von Seferis säumten die Menschen die Straßen und sangen es gemeinsam.

Zahlreiche Coverversionen entstanden, darunter eine A-cappella-Fassung des Trio Banana. Auch in anderen Sprachen wurde die Melodie aufgenommen, unter anderem auf Spanisch, Englisch, Schwedisch und Isländisch. Milva veröffentlichte 1978 mit deutschem Text von Thomas Woitkewitsch das emanzipatorische Liebeslied Zusammenleben. Hannes Wader sang die Melodie 2012 unter dem Titel Um eine bess're Welt zu schaffen. Der Altphilologe Dietram Müller empfahl das Gedicht 1987 als Unterrichtsmaterial für den Griechischunterricht an humanistischen Gymnasien, um Schülern neben dem Altgriechischen auch einen Zugang zum Neugriechischen zu eröffnen.

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