1900 – 1983
Anna Seghers
Kurzbiografie↑
Anna Seghers wurde 1900 in Mainz als Netty Reiling geboren und starb 1983 in Ost-Berlin. Sie war eine der bedeutendsten deutschsprachigen Erzählerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr Roman Das siebte Kreuz entstand ab 1938 im südfranzösischen Exil, erschien 1942 und wurde 1944 von Fred Zinnemann in Hollywood verfilmt. Dieser Roman machte sie weltberühmt. Als Jüdin und Kommunistin musste sie 1933 fliehen. Sie lebte im Exil in Frankreich und Mexiko und kehrte 1947 nach Deutschland zurück. In der DDR wurde sie zur prägenden literarischen Figur. Von 1952 bis 1978 amtierte sie als Präsidentin des Schriftstellerverbandes. Ihr Werk kreist um Verfolgung, Flucht und die Hoffnung auf eine gerechtere Welt.
Biografie↑
Netty Reiling wurde am 19. November 1900 in Mainz geboren. Sie war das einzige Kind des jüdischen Kunst- und Antiquitätenhändlers Isidor Reiling und seiner Frau Hedwig, geborene Fuld. Die Familie gehörte laut der Deutschen Biographie zum orthodoxen jüdischen Großbürgertum der Stadt. Der Vater war Mitglied und anteiliger Bauträger der neuorthodoxen Synagoge in der Flachsmarktstraße. Ab 1907 besuchte sie eine Privatschule, ab 1910 die Höhere Mädchenschule, das heutige Frauenlob-Gymnasium. Im Ersten Weltkrieg leistete sie Kriegshilfsdienste. 1920 legte sie das Abitur ab und studierte anschließend in Köln und Heidelberg Geschichte, Kunstgeschichte und Sinologie. 1924 promovierte sie an der Universität Heidelberg bei Carl Neumann mit einer Arbeit über „Jude und Judentum im Werk Rembrandts“.
Im Frühjahr 1921 lernte sie als Studentin in Heidelberg den ungarischen Philosophiestudenten László Radványi kennen. Er nannte sich später Johann-Lorenz Schmidt. Über vier Jahre hinweg führten beide einen intensiven Briefwechsel. Ihre Eltern lehnten die Verbindung zunächst ab, weil Radványi keine feste Anstellung hatte und ihnen „nicht deutsch genug“ erschien. Erst als er bei der sowjetischen Handelsvertretung in Berlin eine Stellung fand, gaben sie ihre Zustimmung. 1925 heirateten beide in Mainz und zogen nach Berlin. Ab 1928 lebten sie in der Helmstedter Straße 24 in Wilmersdorf. 1926 kam der Sohn Pierre zur Welt, 1928 die Tochter Ruth.
In der Weihnachtsbeilage 1924 der Frankfurter Zeitung erschien ihre erste Erzählung Die Toten auf der Insel Djal unter dem Namen Antje Seghers. 1927 folgte Grubetsch unter dem Pseudonym Seghers ohne Vornamen. Das Pseudonym entlieh sie dem niederländischen Radierer und Maler Hercules Seghers. 1928 erschien ihr erstes Buch Aufstand der Fischer von St. Barbara unter dem Namen Anna Seghers. Noch im selben Jahr erhielt sie dafür auf Vorschlag von Hans Henny Jahnn den Kleist-Preis und trat der KPD bei. 1929 war sie Gründungsmitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. 1930 reiste sie erstmals in die Sowjetunion.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde sie kurzzeitig von der Gestapo verhaftet. Ihre Bücher wurden verboten und verbrannt. Sie floh in die Schweiz und weiter nach Paris. Dort lebte sie in Bellevue und arbeitete an Zeitschriften deutscher Emigranten mit, unter anderem an den Neuen Deutschen Blättern. 1935 gehörte sie zu den Gründerinnen des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller in Paris. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1940 wurde ihr Mann im südfranzösischen Lager Le Vernet interniert. Sie selbst floh mit den Kindern in den von Pétain regierten Teil Südfrankreichs. In Marseille bemühte sie sich um die Freilassung ihres Mannes und um Ausreisepapiere. Beim mexikanischen Generalkonsulat unter Gilberto Bosques hatten ihre Bemühungen schließlich Erfolg.
Im März 1941 gelang der Familie die Ausreise von Marseille nach Martinique an Bord des umgebauten Frachters „Capitaine Paul-Lemerle“. Auf dem Schiff befanden sich auch André Breton, Wifredo Lam, Victor Serge und Claude Lévi-Strauss. Über New York und Veracruz reiste sie nach Mexiko-Stadt. Dort gründete sie den antifaschistischen Heinrich-Heine-Klub und wurde dessen Präsidentin. Gemeinsam mit Ludwig Renn gründete sie die Bewegung Freies Deutschland. 1942 erschien Das siebte Kreuz in englischer Ausgabe in den USA und auf Deutsch in Mexiko im Exil-Verlag El libro libre. Im Juni 1943 erlitt sie bei einem Verkehrsunfall schwere Verletzungen. 1944 verfilmte Fred Zinnemann das Buch in Hollywood, was sie weltberühmt machte. Während sie im Exil lebte, verlor ihr Vater 1940 die Mainzer Kunsthandlung am Flachsmarkt und überlebte den Entzug nicht. Ihre Mutter Hedwig wurde 1942 in das Ghetto Piaski bei Lublin deportiert und kam dort ums Leben.
1947 verließ Seghers Mexiko und kehrte nach Berlin zurück. Ihr Mann blieb zunächst in Mexiko und lebte dort mit einer anderen Frau zusammen. Sie wohnte zunächst im Westteil der Stadt, trat 1947 der SED bei und erhielt im selben Jahr den Georg-Büchner-Preis. Auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress hielt sie eine viel beachtete Rede über Exil und Freiheit. 1950 zog sie nach Ost-Berlin. Sie wurde Mitglied des Weltfriedensrates und Gründungsmitglied der Deutschen Akademie der Künste. 1951 erhielt sie den Nationalpreis der DDR und reiste in die Volksrepublik China. Von 1952 bis 1978 amtierte sie als Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR. Die NDB nennt für diese Funktion abweichend die Jahre 1955 bis 1978. In der Forschung umstritten ist also der Beginn dieser Amtszeit. 1955 zog das Ehepaar in die Volkswohlstraße 81 in Berlin-Adlershof, wo heute das Anna-Seghers-Museum eingerichtet ist.
In der DDR verhielt sie sich in heiklen Situationen zurückhaltend. 1957 nahm sie zum Prozess gegen Walter Janka, den Leiter ihres Aufbau-Verlages, nicht öffentlich Stellung. Beim Ausschluss von Heiner Müller aus dem Schriftstellerverband 1961 stimmte sie dagegen. Zu den Ausschlüssen von neun kritischen Autoren 1979 schwieg sie. 1975 wurde sie Ehrenbürgerin von Ost-Berlin. 1978 trat sie als Verbandspräsidentin zurück und wurde Ehrenpräsidentin. Im selben Jahr starb ihr Mann. 1981 verlieh ihr ihre Geburtsstadt Mainz die Ehrenbürgerwürde. Sie starb am 1. Juni 1983. Nach einem Staatsakt in der Akademie der Künste wurde sie auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Ihr Schreibimpuls war es, laut der Deutschen Biographie, zur Schaffung einer gerechteren Welt beizutragen. Die NDB beschreibt ihre Grundkonzeption als „Beschreibung von Passion und Erlösung in einem säkularisierten Verständnis“. Christliche Heiligenlegenden, der Messianismus Ernst Blochs und die Idee des Kommunismus als einer Art Urchristentum prägten ihre Weltanschauung schon früh, ebenso die Lektüren von Kierkegaard und Dostojewski.
Bereits ihre frühen Briefe an Radványi zeigen den spielerischen, bilderreichen Sprachgebrauch der späteren Erzählerin. Ihre Stoffe holte sie aus der Lage der Arbeiterschaft und aus der Geschichte des Nationalsozialismus. Das zeigt sich in Der Kopflohn (1933), Der Weg durch den Februar (1935) und Die Rettung (1937). Es zeigt sich ebenso in Das siebte Kreuz (1942), das im Mainzer Umland spielt und das Schicksal geflohener KZ-Insassen erzählt, sowie in Transit (1944) und Die Toten bleiben jung (1949).
Nach der Rückkehr in die DDR entstanden die beiden großen Zeitgeschichtsromane Die Entscheidung (1959) und Das Vertrauen (1968). Daneben standen zahlreiche Erzählungen, darunter Das Licht auf dem Galgen (1961), Vierzig Jahre der Margarete Wolf (1960) und Überfahrt (1971). In ihnen bearbeitete sie laut NDB auch ihre Desillusionierung durch den stalinistisch deformierten Sozialismus. In den Essays über Dostojewski und Tolstoi vergewisserte sie sich noch einmal der Grundlagen ihres Schaffens. Diese Essays entstanden auf Reisen nach Brasilien 1961 und 1963. Mit späten Erzählungen wie Das wirkliche Blau (1967) und Die Reisebegegnung (1981) öffnete sie die DDR-Literatur, so die NDB, für einen neuen Umgang mit dem „romantischen“ Erbe. Durch ihr gesamtes Werk zieht sich, wie die Deutsche Biographie formuliert, eine fortwährende Auseinandersetzung mit den Krisen und Verlusten, die das 20. Jahrhundert der deutschen Jüdin und Kommunistin aufzwang.
Rezeption↑
Schon ihr Erstling Aufstand der Fischer von St. Barbara wurde 1928 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet und 1934 von Erwin Piscator in der Sowjetunion verfilmt. Die Hollywoodverfilmung von Das siebte Kreuz durch Fred Zinnemann 1944 machte sie weltberühmt. Nach ihrem Tod griff Hans Werner Henze diesen Roman 1996 als Grundlage seiner 9. Sinfonie auf, in einer Nachdichtung von Hans-Ulrich Treichel. Weitere Werke wurden für Kino und Fernsehen verfilmt, darunter Die Toten bleiben jung (1968 von Joachim Kunert), Das Licht auf dem Galgen (1975 von Helmut Nitzschke), Überfahrt (1984), Das wirkliche Blau (1986) und Transit (1991 von René Allio).
Die Liste ihrer Ehrungen ist außerordentlich lang. 1947 erhielt sie den Georg-Büchner-Preis. 1951 erhielt sie den Internationalen Stalin-Friedenspreis in Moskau und den Nationalpreis der DDR. Den Nationalpreis bekam sie 1959 und 1971 ein weiteres Mal. Hinzu kamen der Vaterländische Verdienstorden in Silber und Gold, die Klara-Zetkin-Medaille, die Ehrendoktorwürde der Universität Jena (1959), der Karl-Marx-Orden, der Stern der Völkerfreundschaft in Gold, die Lenin-Erinnerungsmedaille, der Orden des Roten Arbeiterbanners, der Kulturpreis des Weltfriedensrates (1975), der sowjetische Orden der Oktoberrevolution (1981) und der Titel „Held der Arbeit“ (1981). Sie war Ehrenbürgerin von Ost-Berlin (1975), Mainz (1981) und der Universität Mainz (1977). Sie war Mitglied des PEN-Zentrums der DDR und seit 1950 der Deutschen Akademie der Künste.
Für die nachfolgende Schriftstellergeneration wurde sie zur Bezugsfigur. Für Christa Wolf und Heiner Müller war sie laut NDB als Persönlichkeit wie als Erzählerin von großer Bedeutung. 1983 wurde in Berlin eine Anna-Seghers-Gedenkstätte eingerichtet. 1984 wurde ihre Wohnstraße in Berlin-Adlershof in Anna-Seghers-Straße umbenannt. 1991 wurde die Anna-Seghers-Gesellschaft in Berlin und Mainz gegründet, und ihr Name ging in einen Literaturpreis ein. Ihr Nachruhm ist nicht ungebrochen. Die Deutsche Biographie hält fest, dass sie in ihrer literarischen Auseinandersetzung mit dem Jahrhundert „keineswegs frei von Irrtümern und politischen Verstrickungen“ blieb.
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