1928
Aufstand der Fischer von St. Barbara
Überblick↑
Mit der Erzählung Aufstand der Fischer von St. Barbara trat Anna Seghers 1928 erstmals als Buchautorin an die Öffentlichkeit. Im selben Jahr wurde sie mit dem renommierten Kleist-Preis ausgezeichnet. Hans Henny Jahnn hatte den Text als Vertrauensmann der Kleiststiftung aus 800 eingereichten Arbeiten ausgewählt. Die Erzählung gilt als bemerkenswertes Debüt einer Autorin, die mit knapper, bildstarker Prosa ein Kollektiv ins Zentrum stellt. Nicht ein Held steht dort im Mittelpunkt, sondern eine Gemeinschaft von Fischern, die sich gegen ihre wirtschaftliche Notlage auflehnt. Erwin Piscator verfilmte den Stoff 1934 in der Sowjetunion unter dem Titel Der Aufstand der Fischer.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In das abgelegene Fischerdorf St. Barbara kommt eines Tages ein Fremder: Johann Hull, der aus der Stadt Port Sebastian geflohen ist und steckbrieflich gesucht wird. Er findet Unterschlupf in der Schenke des Wirtes Desak und überwintert dort, unerkannt. In den langen Abenden lernt er den Schiffer Kedennek kennen. Nach und nach reift unter den Männern eine Idee: Die Fischer von St. Barbara sollen sich mit den Fischern der Nachbardörfer St. Blé, Wyk und St. Elnor zusammentun, um gemeinsam dem mächtigen Reeder Bredel die Stirn zu bieten. Der Markt liegt darnieder, die Preise sind miserabel, die Familien hungern. Aufmerksam hört auch der junge Andreas Bruyn zu, ein verwaister Bursche, den Kedennek und seine Frau Marie aufgenommen haben.
Als die Fischer der vier Orte schließlich zusammenkommen, tritt Hull als Redner auf und formuliert die Forderungen: Vorschuss vom Reeder, höhere Marktpreise. Solange der Reeder nicht einlenkt, bleiben die Schiffe in den Häfen. Aus dieser Versammlung entsteht der Aufstand, der dem Buch seinen Titel gibt. Was daraus wird, wie weit die Fischer kommen, wie der Reeder, die Polizei und schließlich das Militär reagieren – davon erzählt Seghers in karger, präziser Sprache, die das Geschehen mehr zeigt als erklärt.
Die Handlung im Detail↑
Johann Hull flieht aus der Stadt Port Sebastian, wo im vergangenen Frühjahr eine Meuterei stattfand, bei der etwa zwölf Menschen umkamen. Hull wurde damals vom anrückenden Militär gefasst, konnte fliehen, wurde jedoch in den Fuß geschossen. Seither wird er steckbrieflich gesucht. In dem abgelegenen Fischerdorf St. Barbara findet er Unterkunft in der Schenke des Wirtes Desak und überwintert dort. Niemand scheint ihn zu erkennen, und allmählich beruhigt er sich.
In der Schenke trifft Hull auf den Schiffer Kedennek, der seine Idee aufgreift: Die Fischer der vier Orte St. Barbara, St. Blé, Wyk und St. Elnor sollen sich verbünden. Aufmerksam hört auch der verwaiste Junge Andreas Bruyn zu, den sein Onkel Kedennek und dessen Frau Marie aufgenommen haben. Der Onkel will Andreas in der kommenden Saison auf seinem Schiff "Veronika" zum Fischfang mitnehmen. Der einstmals große Fischmarkt von St. Barbara, an dem die Niederlassung der Gesellschaft der Vereinigten Bredelschen Reedereien steht, ist wirtschaftlich heruntergekommen.
Das Treffen der Fischer findet in St. Barbara statt. Hull tritt als Redner auf und formuliert drei Forderungen an den Reeder Bredel: einen Vorschuss, höhere Marktpreise – und so lange beides verweigert wird, bleiben alle Schiffe in den Häfen. Der Aufstand beginnt. Ein Sohn Bredels wird in St. Barbara tätlich angegriffen. Mehrere Fischer werden verhaftet und in die Hauptstadt gebracht. Die erbosten Aufständischen zerschlagen die Bürotür der Bredelschen Niederlassung und bedrohen den weißhaarigen Büroangestellten. Die Polizei rückt an, nimmt weitere Leute fest, die Tür wird befestigt, der alte Büroangestellte durch "handfeste Leute" ersetzt.
Auswärtige Streikbrecher, die versuchen auszufahren, werden von den Fischern aus St. Barbara geschlagen und mit Messerstichen traktiert. Schließlich marschiert ein Regiment Soldaten an, das Feuer eröffnet – und teilweise von den Fischern ins Wasser gedrängt wird. Die Auseinandersetzung eskaliert. Der Schiffer Kedennek stirbt an einer Schussverletzung. Reeder Bredel will die Ausfahrt eines Schiffes erzwingen. Der junge Andreas verhindert sie mit Schraubenzieher und Säge durch Sabotage. Bis auf drei Mann kommen alle an Bord um – der Junge selbst ist unter den Geretteten. Ein paar Tage versteckt er sich in den Klippen, wird dann gefasst und bei einem Fluchtversuch erschossen. Hull wird festgenommen. Die Fischer, besonders durch den Hunger der kleineren Kinder zermürbt, geben den Widerstand auf. Der Aufstand der Ausgebeuteten ist gescheitert, alle Macht wieder in den Händen ihrer Herren.
Stil↑
Schon nach den ersten drei Sätzen überblickt der Leser die Gesamtaussage: Der Aufstand ist gescheitert, die Macht zurück bei den Herren. Trotzdem lohnt das Weiterlesen. Seghers will zeigen, dass aus einer Niederlage neue Zuversicht erwachsen kann. Die Sprache ist karg, aber präzise. Die Autorin spricht in Bildern: "Der Wind war froh, weil die Tür offen war." Oder der kräftige Wind reißt "kleine Stücke Licht von der schweren Sonne" ab. Daneben mischen sich nüchtern-klassenkämpferische Wendungen ein, etwa wenn eine Versammlung "nicht beschlußfähig gewesen" sei.
Der Schauplatz bleibt bewusst unbestimmt. Das Dorf liegt in einer Bucht. Die Angabe eines Hafens "Docrere" westlich von Port Sebastian hilft bei der geografischen Verortung nicht weiter. Der Germanist Brandes vermutet einen Ort im atlantischen Nordeuropa zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Bemerkenswert ist die erzählerische Anlage. Nicht ein einzelner Held trägt die Handlung, sondern ein Kollektiv: die Fischer, ihre Frauen, ihre Kinder. Auch Johann Hull, der die Idee anstößt, ist kein Anführer im klassischen Sinn, sondern eine Stimme unter anderen.
Rezeption↑
Hans Henny Jahnn bescheinigte Anna Seghers eine "starke Begabung im Formalen". Er hatte den Text als Vertrauensmann der Kleiststiftung unter 800 Arbeiten ausgewählt. Werner Türk lobte 1928 in der Zeitschrift "Die Literatur" die künstlerische Disziplin und schlichte Sachlichkeit der Autorin. Sentimentalität und Krassheit seien vermieden worden. Arno Schirokauer hingegen verriss die preisgekrönte Erzählung als Mischmasch aus ein bisschen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit. Der Kritiker Batt nahm diesen Befund später positiv auf: Die Subjektrevolte sei expressionistisch, die Illustration des Aufstandes sachlich gestaltet.
Von marxistischer Seite kam Kritik anderer Art. Otto Biha hob in seiner Besprechung den erhobenen Zeigefinger hervor – aus marxistischer Sicht ein Mangel an Linientreue. In der sowjetischen Verfilmung Piscators von 1934 wurde die Aussage dann konsequent umgemodelt: Aus der Niederlage wurde ein Sieg über die Ausbeuter. Auch Rezensenten in der "Roten Fahne" und in der "Linkskurve" missfiel, dass Hull weder Funktionär noch Agitator ist. Helmuth Kiesel betont, Hull werde vielmehr von seinem "natürlichen Gerechtigkeitssinn" getrieben, und denkt bei einer historischen Vergleichsfigur an Max Hoelz.
Spätere Lobsprüche aus den Jahren 1973 bis 1983, etwa von Marcel Reich-Ranicki, Merkelbach und Helmut J. Schneider, sind nach Auffassung mancher Forscher mit Vorsicht zu genießen. Sie könnten dazu gedient haben, das in der DDR entstandene Spätwerk der Autorin ein wenig herabzusetzen. Volker Klotz wiederum würdigte 1981 die erzählerische Leistung unter dem Titel Kollektiv als Hauptperson: Wie es sich erzählen und lesen läßt. Batt fasst zusammen, was viele am Text bewundern: Ein Kollektivgeschehen werde durchgestaltet, die Not der Aufständischen bewirke nicht nur Solidarität, sondern zermürbe sie auch.
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