1899
Auferstehung
Überblick↑
Der Roman Auferstehung ist das dritte große Erzählwerk von Lew Tolstoi, nach Krieg und Frieden und Anna Karenina. Er erschien 1899 zunächst als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Niwa, und zwar in einer von der Zensur beschnittenen Fassung. Im Mittelpunkt steht ein adliger Gutsherr, der als Geschworener bei Gericht in einer des Mordes angeklagten Prostituierten ein Mädchen wiedererkennt, das er acht Jahre zuvor verführt hatte. Er fühlt sich mitschuldig an ihrem Schicksal und an ihrer Verurteilung. Mit dem Thema der Läuterung durch moralisches Handeln, verbunden mit scharfer Gesellschaftskritik, gilt das Buch vielen als das künstlerische Vermächtnis Tolstois.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Vor einem Schwurgericht im späten 19. Jahrhundert sitzt Fürst Dmitri Nechljudow als Geschworener. Angeklagt ist die Prostituierte Katharina Maslowa, die einen Kaufmann vergiftet haben soll. Im Lauf der Verhandlung erkennt der Fürst in der Frau auf der Anklagebank ein Mädchen wieder, das er als junger Mann auf dem Gut seiner Tanten verführt und dann sitzengelassen hatte. Aus dieser einen Nacht nahm ihr Leben einen Weg nach unten: erst aus dem Gutshaus vertrieben, dann durch Not und Übergriffe schließlich ins Bordell getrieben.
Eine Nachlässigkeit der ermüdeten Geschworenen führt dazu, dass Maslowa härter verurteilt wird, als es die Geschworenen eigentlich gewollt hatten. Nechljudow erkennt seine Mitschuld und beschließt, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Er kämpft gegen die schwerfällige Gerichtsbürokratie um eine Aufhebung des Urteils und stellt sein bequemes Dasein als wohlhabender Adliger infrage. In zahlreiche Nebenhandlungen flocht Tolstoi ein breites Bild der russischen Gesellschaft ein – vom Großgrundbesitz über die Gerichtssäle bis zu den Gefängnissen. Den ganzen Roman durchzieht ein Aufruf zu Menschlichkeit und Nächstenliebe.
Die Handlung im Detail↑
Am 28. April eines Jahres im späten 19. Jahrhundert beginnt vor dem Moskauer Schwurgericht der Prozess gegen Katharina Maslowa. Unter den Geschworenen sitzt Fürst Dmitri Nechljudow, ohne zunächst zu ahnen, dass die Angeklagte jene Frau ist, deren sozialen Abstieg er selbst ausgelöst hat. Die Vorgeschichte wird in Rückblenden erzählt, die in die Verhandlung und in Maslowas Gefängnisaufenthalt eingeflochten sind.
Katharina Maslowa wuchs als uneheliches Kind einer leibeigenen Magd auf. Nur durch Zufall überlebte sie und kam ins Gutshaus zweier Schwestern, Sofja und Marja, in deren Obhut sie eine zwiespältige Erziehung erhielt – halb gebildetes Fräulein, halb Dienstmädchen. Mit etwa siebzehn Jahren lernte sie Dmitri Nechljudow kennen, den Neffen der Gutsherrinnen, einen idealistischen Studenten. Die beiden verliebten sich, doch ihr Verhältnis blieb kindlich und unschuldig. Drei Jahre später kehrte Dmitri auf dem Weg zum Kriegseinsatz für einen kurzen Osterbesuch zurück. Inzwischen war er kein Idealist mehr, sondern ein lebenslustiger Offizier. In der Nacht vor seiner Abreise verführte er Katjuscha und drückte ihr beim Abschied einen Hundertrubelschein in die Hand. Im Krieg vergaß er sie.
Bald entdeckte Katjuscha, dass sie schwanger war. Sie wanderte im Herbstregen zur Bahnstation und sah Dmitri durch das Fenster seines Waggons fröhlich mit Kameraden Karten spielen, ohne sie zu bemerken. In diesem Augenblick verlor sie den Glauben an Gott und an die Menschen. Die Gutsherrinnen entließen das schwangere Mädchen, ihr Kind starb in einem Findelhaus. Um zu überleben, arbeitete sie als Dienstmädchen, wurde aber von Männern bedrängt und einmal vergewaltigt. Schließlich lockte eine Vermittlerin sie in die Prostitution. Sieben Jahre lang lebte sie in einem Bordell. Im achten Jahr, mit sechsundzwanzig, wurde sie verhaftet und saß sechs Monate in Untersuchungshaft.
Der Kriminalfall: In der Nacht des 17. Januar starb der Kaufmann Smeljkow im Gasthaus an einer Vergiftung. Maslowa hatte ihm auf Rat eines Kellners ein weißes Pulver in den Wein gemischt – nach ihrer Aussage ein bloßes Schlafmittel, weil sie müde war und seine Unterhaltung beenden wollte. Vom Geld des Kaufmanns verschwand ein großer Teil; der Kellner Kartinkin und die Kellnerin Botschkow schoben die Schuld am Diebstahl auf Katharina. Die ermüdeten Geschworenen wollten Maslowa eigentlich Milderungsgründe zubilligen und glaubten, dass sie keine Tötungsabsicht hatte. Doch im Eifer, die Sitzung zu beenden, vergaßen sie, diesen entscheidenden Zusatz – „ohne Tötungsabsicht“ – ins Protokoll aufzunehmen. Der Gerichtspräsident bemerkte den Widerspruch, wollte aber wegen eines privaten Nachmittagstermins die Sache nicht aufhalten. So wurde Maslowa statt freigesprochen zu vier Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt.
Nechljudow fühlt sich doppelt schuldig: durch die alte Verführung und durch seine Unaufmerksamkeit als Geschworener. Er sucht das Gespräch mit dem Gerichtspräsidenten und engagiert den Advokaten Fanarin, der ihm das ungerechte System mit seinen gleichgültigen Beamten vor Augen führt. Nechljudow durchschaut zunehmend die schöne Fassade der feinen Gesellschaft, der er angehört, und beginnt sein eigenes Leben grundlegend infrage zu stellen.
Er bietet Maslowa an, sie zu heiraten, und bemüht sich um eine Revision des Urteils. Doch die schwerfällige Bürokratie und die oft willkürlichen Entscheidungen der Beamten lassen ihn scheitern. So begleitet er den Gefangenentransport nach Sibirien. Selbst nachdem Katharina begnadigt und die Zwangsarbeit in eine Verbannung umgewandelt wird, lehnt sie die Ehe mit dem Fürsten ab. Sie spürt, dass eine solche Heirat für ihn nur Pflichterfüllung wäre. Stattdessen heiratet sie den politischen Häftling Simonson, der sie aufrichtig liebt. Den ganzen Roman durchzieht der Appell, das „wahre Leben“ in der Besinnung auf die göttlichen Gebote und in der Liebe zu allen Geschöpfen zu finden.
Stil↑
Über die Haupthandlung legte Tolstoi ein dichtes Netz von Nebenhandlungen mit vielen Figuren, so dass ein breit gefächertes Bild der russischen Gesellschaft entsteht. Die eigentliche Geschichte entwickelt sich nur langsam; das Interesse des Lesers wird vor allem durch die anschauliche Darstellung, die eindringliche psychologische Analyse der Figuren und die offen ausgesprochene moralische Tendenz wachgehalten. Kennzeichnend ist ein allwissender Erzähler, der die seelischen und sittlichen Beweggründe seiner Gestalten bis ins Letzte ausleuchtet.
Auffällig ist die Heterogenität des Werks: Tolstoi mischt erzählende Passagen mit faktischem, fast dokumentarischem Material – etwa über Gerichtswesen und Strafvollzug. Manche Kritiker sehen darin eine Entwicklungslinie, in der sich der Roman zur Denkschrift und zur anklagenden Publizistik hin öffnet. Sprachlich wirkt der Text stellenweise spröder und pathetischer als die beiden früheren großen Romane; zugleich findet sich in Szenen wie dem Ostergottesdienst, der Prozessverhandlung, den Bildern der vornehmen Gesellschaft und dem Marsch der Sträflinge nach Sibirien viel von der präzisen, realistischen Detailkunst des Altmeisters.
Rezeption↑
Beim Publikum stieß Tolstois dritter Roman auf große Resonanz. Übersetzungen in viele Sprachen – darunter zahlreiche deutsche – und über dreißig Verfilmungen spiegeln den weltweiten Erfolg. Die Zeitgenossen lobten besonders die Kritik an den staatlichen Einrichtungen und an der Klassengesellschaft. In dieses Lob mischte sich aber auch ein gewisses Befremden über die Botschaft. Der amerikanische Psychologe William James etwa empfand manche Figuren, als kämen sie „von einem anderen Planeten, wo alles anders und besser ist“, und sah in ihnen etwas Kindliches und Einfältiges.
Auch spätere Kritiker bemängelten die Idealisierung und die Aufdringlichkeit der moralischen Lehre. Die satirischen Gesellschaftsbilder seien weniger objektiv und stärker belehrend als in Krieg und Frieden und Anna Karenina. Tolstoi scheine, ähnlich schwankend wie sein Held Nechljudow, sich nicht entscheiden zu können, ob er Romancier oder Prediger sein wolle. Andere Stimmen relativieren diesen Einwand: Die moralische und sozialkritische Ausrichtung beeinträchtige den literarischen Wert nicht; gerade die „psychologische und moralische Allwissenheit“ des Erzählers verleihe dem Werk besondere Wucht.
Manche Literaturhistoriker stellen das Buch in eine Linie, die zu Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus und zu den Romanen Solschenizyns führt. Trotz mancher Einwände widersprechen die meisten Rezensenten der Selbstkritik des Autors, der den Roman in seinem Tagebuch als verpfuscht und schwach bezeichnet hatte. Die Schilderung der „Abgründe der zaristischen Strafjustiz“ und die Verhöhnung leerer Rituale mit „satirischem Biss“ erreichten mitunter eine finster-absurde Kraft, die an Kafka erinnert. Die radikale Infragestellung der herrschenden Ordnung fordert auch den heutigen Leser noch zum Nachdenken heraus.
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