1886
Der Tod des Iwan Iljitsch
Kurzbiografie↑
Die Erzählung Der Tod des Iwan Iljitsch gehört zu den berühmtesten Werken Lew Nikolajewitsch Tolstois und wird heute zur Weltliteratur gezählt. Sie erschien 1886, die erste deutsche Übersetzung folgte 1887. Im Mittelpunkt steht der Richter Iwan Iljitsch Golowin, der erkrankt und sterben muss. Angesichts des nahenden Todes stellt er sich die Frage, ob er sein Leben richtig gelebt hat. Tolstoi verbindet die Schilderung eines Sterbens mit einer scharfen Kritik am leeren, oberflächlichen Dasein der bürgerlichen Oberschicht.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Am Anfang steht bereits der Tod: Der Richter Iwan Iljitsch Golowin ist mit 45 Jahren gestorben. Seine Kollegen erfahren davon und gehen zur Trauerfeier. Doch ihre Gedanken kreisen weniger um den Verstorbenen als um die nun frei werdende Stelle und um die abendliche Kartenrunde. Auch die Witwe ist mehr mit der Höhe ihrer Rente beschäftigt als mit dem Verlust.
Danach wendet sich die Erzählung dem Leben des Iwan Iljitsch zu. Sie schildert seinen beruflichen Aufstieg zum Untersuchungsrichter, seine Ehe von siebzehn Jahren und einen Alltag, der ganz auf gesellschaftliches Ansehen, eine schöne Wohnung und einen standesgemäßen Lebensstil ausgerichtet ist. Nach einem harmlos wirkenden Sturz von einer Leiter stellen sich erste Beschwerden ein. Was zunächst belanglos scheint, entwickelt sich zu einer Krankheit, die Iwan Iljitsch immer mehr von der Welt abschneidet und ihn zwingt, über sein bisheriges Leben nachzudenken.
Die Handlung im Detail↑
Die Erzählung beginnt novellenartig mit der Trauerfeier des am 4. Februar 1882 verstorbenen Iwan Iljitsch Golowin. Geschildert wird sie aus der Perspektive seines früheren Schulfreundes und Kollegen Pjotr Iwanowitsch. Dieser fühlt sich verpflichtet, zur Feier zu gehen, weil er Iwan lange kannte. Während der Zeremonie überlegt er immer wieder, wie er sich verhalten muss, damit man ihm seine Betroffenheit ansieht. Zugleich schweifen seine Gedanken ab zur Neubesetzung der Richterstelle und zur Whist-Runde am Abend. Auch die Witwe Praskowja Fjodorowna erkundigt sich vor der Totenmesse nach einer Erhöhung ihrer Witwenrente und klagt über die Mühen der Trauerfeier. Unbekümmert verlässt Pjotr Iwanowitsch das Trauerhaus, um den Abend bei einer Runde Kartenspiel ausklingen zu lassen.
Im folgenden Kapitel wird Iwans Leben zusammengefasst erzählt: seine Ernennung zum Untersuchungsrichter und seine siebzehn Ehejahre. Die Kapitel drei bis fünf schildern die Zeit ab 1880 bis zu den ersten Krankheitszeichen nach einem Sturz von einer Leiter. Im Vordergrund steht die äußere Welt: seine Karriere, mehrere Ortswechsel, die Entfremdung der Eheleute, sein Aufgehen im Beruf und sein Rückzug von der Familie. Zu dieser Familie gehören seine Frau, die Tochter Helène und der Sohn Wassilij Iwanowitsch. Eine neue Wohnung wird eingerichtet, und durch einen Lebensstil, der über die Verhältnisse geht, häufen sich Schulden an.
Die übrigen sieben Kapitel konzentrieren sich auf die rund vier Monate seiner Krankheit und auf seine Innenwelt. Iwan zieht sich von Gesellschaften und Theaterbesuchen zurück und vereinsamt. Er führt einen dramatischen Kampf mit dem Tod. Im Mittelpunkt stehen seine Schmerzen, eine von den Ärzten nicht erkannte oder verschwiegene Krankheit und die beruhigenden Lügen über seinen Zustand. Gegenüber einem der vielen konsultierten Ärzte äußert er sich über die Ohnmacht der Medizin gegenüber dem Tod und dem menschlichen Schicksal. Zunehmend quält ihn die Frage, ob er sein Leben falsch gelebt und seinen Untergang selbst verschuldet hat.
Iwan Iljitsch Golowin stirbt schließlich unter größten Qualen in einer dreitägigen Agonie. Tolstoi beschreibt diesen Todeskampf mit eindringlichen Bildern und Einsichten über die Begleiterscheinungen des nahenden Todes; auch das Phänomen eines „Lichts am Ende des Tunnels“ klingt an. In seiner letzten inneren Auseinandersetzung fürchtet Golowin, sein Leben verwirkt zu haben. Lange hielt ihn der Gedanke, sein Leben sei gut gewesen, daran fest. Am Ende setzt sich jedoch die Einsicht durch, dass er sein Leid selbst verursacht und am Leid anderer schuld geworden ist. Mit der Bereitschaft, es noch gutzumachen, indem er durch seinen Tod den am Sterbebett versammelten Angehörigen den Anblick seiner Qual erspart, schließt die Erzählung.
Stil↑
Die Erzählung setzt mit einem auffälligen Kunstgriff ein: Sie beginnt nicht mit dem Leben, sondern mit dem Tod und der Trauerfeier des Helden. Erst danach wird sein Leben rückblickend erzählt. Die Trauerfeier ist sarkastisch geschildert und entlarvt die Heuchelei der Hinterbliebenen und Kollegen. Tolstoi wählt eine personale Erzählform und betrachtet das Geschehen zunächst durch die Augen des Kollegen Pjotr Iwanowitsch.
Im weiteren Verlauf verschiebt sich der Blick von der äußeren Welt der Karriere und des gesellschaftlichen Scheins hin zur Innenwelt des Kranken. Den Leidensprozess gestaltet Tolstoi mit großer Einfühlung und Genauigkeit – vom ersten, verwundert wahrgenommenen Unwohlsein bis zur panischen Todesangst. Für die Schilderung des Todeskampfes greift er auf eindringliche Bilder und Metaphern zurück.
Rezeption↑
Tolstois Erzählung wird allgemein der Weltliteratur zugerechnet. Das hängt mit ihrer existentiellen Thematik zusammen: mit der Bilanz eines ganzen Lebens und der Frage nach dessen Sinn. Gerühmt wird, mit welchem Einfühlungsvermögen und welcher Gestaltungskraft der Autor den Leidensweg vom ersten Unwohlsein bis zur Verzweiflung darstellt.
Die frühe russische Rezeption beschäftigte sich weniger mit dem Tod als mit dem literarischen Stil und der Gesellschaftskritik. Man las das Werk als Anklage gegen das leere und wertlose Leben des Helden und der privilegierten Schicht. Diese Deutung blieb auch in der sowjetischen Zeit vorherrschend, in der Tolstoi als vorbildlicher Vertreter des kritischen Realismus galt. Auch außerhalb der Sowjetunion verstand man Iwans Krankheit als Sinnbild für das gesellschaftliche Leben.
Mit dem internationalen Erfolg setzte sich zunehmend eine philosophisch-theologische Deutung durch. Der Psychologe Mark Freeman sieht im Werk vor allem die Folgen eines Lebens ohne Sinn, ohne echte Verbindung zum eigenen Dasein. Der Philosoph Merold Westphal erkennt darin den Tod als Feind, der den Menschen zur Selbsttäuschung treibt und ihn des Lebenssinns beraubt. Die existentielle Problematik der Erzählung regte unter anderem den Philosophen Martin Heidegger an. Das Werk wurde mehrfach verfilmt, etwa von Akira Kurosawa unter dem Titel Einmal wirklich leben (1952).
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