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Autoreneintrag · Lew Nikolajewitsch Tolstoi
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Porträt Lew Nikolajewitsch Tolstoi
Lew Nikolajewitsch Tolstoi
1828 – 1910
– Autorenporträt –

Lew Nikolajewitsch Tolstoi

1828 – 1910 · 82 Jahre

Russischer Graf, Romancier des Realismus und radikaler Moralist – Schöpfer von "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina" und ein früher Verfechter der Gewaltlosigkeit.

Kurzbiografie↑

Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828–1910) zählt zu den großen Erzählern der Weltliteratur. Mit den monumentalen Romanen Krieg und Frieden und Anna Karenina schuf er Klassiker des realistischen Romans. Sie begründen seinen literarischen Ruhm bis heute. Geboren wurde er als Graf auf dem Familiengut Jasnaja Poljana. Er durchlief einen tiefen inneren Umbruch. Dieser ließ ihn vom adligen Gutsherrn zum radikalen Moralisten, Pazifisten und Religionskritiker werden. Seine Lehre der Gewaltlosigkeit prägte später Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi. Tolstoi starb 1910 nach seiner spektakulären Flucht aus dem Familienleben. Er starb in einem kleinen Bahnhofshaus, umlagert von der Weltpresse.


Biografie↑

Lew Tolstoi wurde am 9. September 1828 (julianisch: 28. August) in Jasnaja Poljana bei Tula im Russischen Kaiserreich geboren. Er entstammte dem russischen Adelsgeschlecht der Tolstois und war das vierte von fünf Kindern. Sein Vater war Graf Nikolai Iljitsch Tolstoi (1794–1837), seine Mutter Marija Nikolajewna, geborene Fürstin Wolkonskaja (1790–1830). Bereits mit neun Jahren wurde er Vollwaise. Eine Schwester des Vaters übernahm die Vormundschaft.

1844 begann er an der Universität Kasan ein Studium der orientalischen Sprachen. Später wechselte er in die juristische Fakultät und brach 1847 ab. Er wollte auf dem geerbten Familiengut die Lage der 350 Leibeigenen durch Landreformen verbessern. Nach anderen Quellen bestand er 1848 in Petersburg noch das juristische Kandidatenexamen "mit knapper Not", bevor er in sein Dorf zurückkehrte. Von 1851 an diente er als Fähnrich einer Artilleriebrigade im Kaukasuskrieg. Die Erfahrungen flossen in seine frühen Kaukasus-Erzählungen ein (Der Holzschlag, Der Überfall, Die Kosaken). 1854 erlebte er im Krimkrieg den Stellungskrieg in der belagerten Festung Sewastopol. Die realistischen Sewastopoler Erzählungen (1855) machten ihn früh als Schriftsteller bekannt.

Ab 1855 lebte er abwechselnd in Jasnaja Poljana, Moskau und Sankt Petersburg. 1857 und 1860/61 bereiste er aus pädagogischem Interesse westeuropäische Länder. Er traf Charles Dickens, Iwan Sergejewitsch Turgenew und den Pädagogen Adolph Diesterweg. Zurück in Russland richtete er Dorfschulen nach dem Vorbild Rousseaus ein. Auch nach der Schließung der Schulen durch die zaristische Verwaltung verfolgte er seine pädagogischen Ziele weiter. Er schrieb Lesebücher zu Geschichte, Physik, Biologie und Religion. Sein Schulbuch Alphabet erschien erstmals 1872. Die Neuauflage von 1875 erreichte eine Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Er beeinflusste damit auch spätere Freie Schulen wie Summerhill.

Am 23. September 1862 heiratete Tolstoi die achtzehnjährige Sofja (Sonja) Behrs, Tochter des kaiserlichen Hofarztes. In den folgenden Jahren schrieb er die monumentalen Romane Krieg und Frieden (1862–1869) und Anna Karenina (1873–1878). Diese begründeten seinen literarischen Ruhm. Das Paar bekam dreizehn Kinder, von denen acht die Kindheit überlebten. Seine Frau soll allein die 1650 Seiten von Krieg und Frieden sieben Mal abgeschrieben haben.

Mit dem Ruhm begann eine Phase der Orientierungslosigkeit. Bei der Volkszählung 1882 in Moskau nahm Tolstoi unter den Arbeitern ein Elend wahr, das jenes der Bauern noch übertraf. Er verzichtete auf Rauchen, Alkohol und die Jagd, ernährte sich vegetarisch und engagierte sich für politisch und religiös Verfolgte. Seit 1879 wandte er sich intensiv religiösen Fragen zu. Er übersetzte die Evangelien neu ins Russische und betonte als Kern Nächstenliebe und gewaltlosen Widerstand gegen das Böse. Seit 1882 stand er unter polizeilicher Überwachung. Schriften wie Meine Beichte und Worin mein Glaube besteht wurden mit ihrer Veröffentlichung sofort verboten. Nach der Veröffentlichung des Romans Auferstehung exkommunizierte ihn der Heilige Synod im Februar 1901.

Tolstoi lehnte sozialistische Bestrebungen im Sinne einer Diktatur des Proletariats ab. In seinen späten Jahren galt er als Vertreter eines religiös inspirierten Anarchismus. Die von Bewunderern entwickelte Ideologie des Tolstojanismus wies er selbst zurück. Sein Werk wirkte als Wegbereiter der Revolution von 1905. Kurz vor seinem Tod schickte ihm Mahatma Gandhi sein Buch Hind Swaraj. Tolstoi las es und ermutigte Gandhi brieflich. 1910 gründete Gandhi in Transvaal eine nach ihm benannte Siedlung. 1908 fand in Jasnaja Poljana eine Hausdurchsuchung statt, bei der alle auffindbaren Texte konfisziert wurden. Auch die familiären Konflikte verschärften sich. Sofja lehnte es ab, die in seinem Testament dem russischen Volk vermachten literarischen Werke als Gemeingut anzusehen. Deshalb verließ Tolstoi mit seinem Arzt und seiner jüngsten Tochter die Familie zu einer letzten, spektakulären Reise nach Süden. In einem offenen Zug erkrankte er an einer Lungenentzündung. Er starb am frühen Morgen des 20. November 1910 im Haus des Bahnhofsvorstehers Iwan Osolin in Astapowo. Der Ort wurde 1918 in Lew Tolstoi umbenannt und liegt heute in der Oblast Lipezk. Die Forschung notiert hier zwei Bezeichnungen desselben Ortes: Wikidata nennt den historischen Namen Astapowo, die Deutsche Biographie führt den heutigen Namen Lew Tolstoi. Zwei Tage später wurde er in Jasnaja Poljana begraben.


Literarische Merkmale↑

Das vorliegende Material erlaubt nur wenige Aussagen zu Tolstois Stil. Seine Hauptwerke Krieg und Frieden und Anna Karenina gelten als Klassiker des realistischen Romans. Bereits seine Sewastopoler Erzählungen von 1855 wurden für ihren realistischen Berichtston wahrgenommen und machten ihn früh als Schriftsteller bekannt. Diese unmittelbare, beobachtende Schilderung des Erlebten zieht sich auch durch seine frühen Kaukasus-Erzählungen. In sie arbeitete er die eigenen Militärerfahrungen ein.

Charakteristisch ist die enge Verbindung von Erzählen und moralischer Reflexion. In der Erzählung Der Leinwandmesser wählte Tolstoi die Sicht eines Pferdes, um menschliches Besitzstreben zu verspotten. Das ist ein Beispiel für seinen Hang, gesellschaftliche Verhältnisse aus einer ungewöhnlichen Perspektive sichtbar zu machen. Auch seine pädagogischen Lesebücher folgten dem Grundsatz, durch Erzählungen aus Geschichte, Physik, Biologie und Religion moralische und soziale Werte zu vermitteln. Das Schreiben war für ihn nie bloß Kunst, sondern stets auch ein Mittel der Welt- und Gewissensbildung.

In seinen späten Jahren trat neben den Romanautor der religiöse Denker und Publizist. Schriften wie Meine Beichte, Worin mein Glaube besteht, Kirche und Staat oder Was darf ein Christ und was nicht? zeigen eine zunehmend bekennende, polemische und religiös aufgeladene Prosa.


Rezeption↑

Tolstois Sewastopoler Erzählungen machten ihn früh als Schriftsteller bekannt. Mit Krieg und Frieden und Anna Karenina festigte er seinen literarischen Ruhm endgültig. Sein Schulbuch Alphabet prägte mit einer Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren Generationen russischer Kinder bis in die 1920er Jahre. Es beeinflusste internationale Reformbewegungen Freier Schulen wie Summerhill.

Die Wirkung blieb nicht auf die Literatur beschränkt. Tolstois religiöse und sozialethische Schriften zogen den Widerstand politischer und kirchlicher Einrichtungen nach sich. Seit 1882 stand er unter polizeilicher Überwachung, 1901 wurde er vom Heiligen Synod exkommuniziert. Zugleich genoss er im Ausland hohe Achtung. Die Wikipedia-Darstellung spricht prägnant von der "Ächtung im Inland" nach der "Achtung im Ausland". Sein Werk galt als wegbereitend für die Revolution von 1905. Sein Freund Wladimir Stassow schrieb ihm 1906, ob nicht die ganze gegenwärtige russische Revolution aus seinem "feuerspeienden Vesuv" hervorgeschossen sei.

Besondere internationale Wirkung entfaltete Tolstois Lehre der radikalen Gewaltlosigkeit. Mahatma Gandhi bezog sich bereits in seiner Jugend auf ihn. Kurz vor dessen Tod schickte er ihm seine Schrift Hind Swaraj und benannte 1910 eine in Transvaal gegründete Siedlung nach Tolstoi. Die von Bewunderern entwickelte Ideologie des Tolstojanismus lehnte er selbst ab. Zugleich machte sie die Reichweite seines Einflusses sichtbar.

Sein Sterben im November 1910 im Bahnhofshaus von Astapowo, umlagert von der Weltpresse, zeigt die weltweite Aufmerksamkeit, die ihm zu diesem Zeitpunkt galt. Bis heute zählen seine Hauptwerke zum festen Bestand der Weltliteratur des Realismus.

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