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Autoreneintrag · Alexei Nikolajewitsch Tolstoi
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Porträt Alexei Nikolajewitsch Tolstoi
Alexei Nikolajewitsch Tolstoi
1882 – 1945
– Autorenporträt –

Alexei Nikolajewitsch Tolstoi

1882 – 1945 · 62 Jahre

Russisch-sowjetischer Schriftsteller, der als „Roter Graf“ zur führenden Figur der offiziellen Sowjetliteratur aufstieg – bis heute bekannt durch sein Kinderbuch über die Holzpuppe Burattino.

Kurzbiografie↑

Als russisch-sowjetischer Schriftsteller gehört Alexei Nikolajewitsch Tolstoi zu den zwiespältigen Gestalten der Literatur des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde er nach dem julianischen Kalender am 29. Dezember 1882, nach dem gregorianischen am 10. Januar 1883; daher nennen die Quellen unterschiedliche Daten. Er begann als Lyriker und Erzähler im Zarenreich, ging nach der Revolution ins Exil und kehrte 1923 in die Sowjetunion zurück, wo er zur führenden Figur der offiziellen Literatur aufstieg und den Beinamen „Roter Graf“ erhielt. Heute am bekanntesten ist sein Kinderbuch Das goldene Schlüsselchen oder die Abenteuer des Burattino, eine Nacherzählung des italienischen Klassikers Pinocchio.


Biografie↑

Über Geburtsdatum und Geburtsort gehen die Angaben auseinander. Beim Datum handelt es sich um denselben Tag nach zwei Kalendern: Wikidata nennt den 29. Dezember 1882 (julianisch), die Deutsche Biographie den 10. Januar 1883 (gregorianisch). Beim Ort verhält es sich ähnlich: Wikidata führt Pugatschow an, die Deutsche Biographie Sosnowka. Nach der Darstellung bei Wikipedia wurde Tolstoi in Sosnowka nahe Nikolajewsk im Gouvernement Samara geboren, das heute Pugatschow in der Oblast Saratow heißt.

Er kam als Sohn des Offiziers Nikolai Alexandrowitsch Tolstoi, eines entfernten Verwandten des Schriftstellers Lew Tolstoi, und der Alexandra Leontjewna Tolstoi, geborene Turgenjewa, zur Welt. Bei seiner Geburt lief der Scheidungsprozess der Eltern bereits. Noch während der Schwangerschaft verließ die Mutter ihren trunksüchtigen Mann und lebte fortan mit dem Gutsverwalter Alexei Apollonowitsch Bostrom zusammen. Zeitgenossen vermuteten, dieser sei der leibliche Vater gewesen. Da das Kind aber vor der Scheidung geboren wurde und der Graf die Vaterschaft nicht anfocht, erbte der Sohn den Adelstitel.

1901 ging Tolstoi nach Sankt Petersburg, um Mathematik zu studieren. Im Sommersemester 1906 setzte er das Studium in Dresden fort. In dieser Zeit schrieb er erste Gedichte im Stil von Nekrassow und Nadson. 1907, kurz vor dem Abschluss, gab er das Studium auf, um sich ganz der Literatur zu widmen. 1908 erschien seine erste Gedichtsammlung unter dem Titel Hinter blauen Flüssen. Seine frühen Prosawerke im Stil des Neorealismus – die Erzählung Eine Woche in Turenewo sowie die Romane Die Sonderlinge und Der hinkende Fürst – wurden von der Kritik positiv aufgenommen. Maxim Gorki wurde auf ihn aufmerksam und nannte ihn einen „großen und kraftvollen Schriftsteller“.

Während des Ersten Weltkriegs war Tolstoi als Kriegsberichterstatter in England und Frankreich unterwegs. Er schrieb Erzählungen und Skizzen über den Krieg, darunter Auf dem Berg, Unter Wasser und Eine wundervolle Dame, und begann außerdem, Komödien fürs Theater zu verfassen. Der Oktoberrevolution von 1917 und der Machtübernahme der Bolschewiki stand er zunächst ablehnend gegenüber. Im Bürgerkrieg arbeitete er in der Propagandaabteilung der Weißen Armee unter General Anton Iwanowitsch Denikin. Dort verfasste er neben Pamphleten gegen den Kommunismus die Erzählung Nikitas Kindheit, die 1922 erschien. In dieser Geschichte einer sorglosen Kindheit auf einem Landgut spiegelt sich seine Sehnsucht nach dem alten Russland.

Nach der Niederlage der Weißen emigrierte Tolstoi 1919 nach Paris. 1921 zog er nach Berlin weiter. Der ebenfalls emigrierte Iwan Bunin unterstellte ihm, er sei damals vor seinen Gläubigern geflohen. In Berlin schloss sich Tolstoi der Smena-Wech-Bewegung an, einer Gruppe russischer Emigranten, die bereit waren, die Herrschaft der Bolschewiki hinzunehmen. In der von Moskau finanzierten Berliner Tageszeitung Nakanune veröffentlichte er einen Brief über die Notwendigkeit, die neue Führung im Kreml anzuerkennen. Der Brief führte zu seinem Bruch mit der russischen Emigration. Die Dichterin Marina Zwetajewa warf ihm vor, die Augen vor dem Terror der Geheimpolizei zu verschließen; Vladimir Nabokov, mit dessen Vater Tolstoi befreundet war, brach den Kontakt ab.

1923 kehrte er nach Russland zurück. Zunächst wandte er sich der Science-Fiction zu und schrieb die von H. G. Wells beeinflussten Romane Aelita und Geheimnisvolle Strahlen. Im Roman Schwarzer Freitag, später unter dem Titel Emigranten, und in der Erzählung Schwarzes Gold rechnete er mit seinen Landsleuten in der Emigration ab. Die Romantrilogie Der Leidensweg (1922–1941), die am Beispiel einer Intellektuellenfamilie ein Panorama der russischen Gesellschaft vor, während und nach der Revolution zeichnet, überarbeitete er mehrfach nach den ideologischen Vorgaben der Zeit. In der letzten Fassung entsprach sie den Kriterien des Sozialistischen Realismus, ebenso die Novelle Brot (1937), die durch die Verherrlichung von Stalins Rolle im Bürgerkrieg zur Geschichtsfälschung beitrug. Weniger eindeutig tendenziös ist der von der Kritik oft als Hauptwerk angesehene Roman Peter der Große (1929–1945), der unvollendet blieb.

Nach dem Tod Gorkis 1936 trat Tolstoi bis 1938 an die Spitze des Schriftstellerverbandes und wurde damit zur führenden Figur der offiziellen Sowjetliteratur. Wegen seiner Loyalität erhielt er den Beinamen „Roter Graf“. Er wurde in den Obersten Sowjet gewählt, erhielt unbegrenzten Kredit bei der Staatsbank und bezog einen Herrensitz bei Moskau, den er mit antiken Möbeln und Kunstgegenständen aus dem Besitz enteigneter Familien füllte. Während der Stalinschen Säuberungen unterzeichnete er Aufrufe zur Hinrichtung von Angeklagten und saß bei Schauprozessen unter den Zuschauern. 1939 wurde er in die Akademie der Wissenschaften der UdSSR gewählt.

Im Zweiten Weltkrieg stand Tolstoi auf der „Sonderfahndungsliste UdSSR“ der Gestapo. Er schrieb Texte und Parolen zur Wehrertüchtigung, hielt sich aber von der Front fern und bezog ein komfortables Haus im gut versorgten Taschkent. Dort suchte ihn der polnische Schriftsteller Józef Czapski auf und bat um Hilfe bei der Suche nach verschollenen polnischen Offizieren; Belege dafür, dass Tolstoi geholfen hätte, sind nicht bekannt. 1944 gehörte er der Kommission unter Nikolai Burdenko an, die die Massengräber von Katyn untersuchte, und unterzeichnete deren Bericht, der die Täterschaft den „Deutschfaschisten“ zuschrieb. Sein Enkel Iwan Tolstoi teilte 2014 mit, sein Großvater habe im Vertrauen große Zweifel an diesem Bericht geäußert und sei von der Täterschaft der Geheimpolizei NKWD überzeugt gewesen. Tolstoi war viermal verheiratet; seine dritte Frau war die Lyrikerin Natalja Wassiljewna Krandijewskaja-Tolstaja. Er starb am 23. Februar 1945 und wurde auf dem Nowodewitschi-Friedhof in Moskau beigesetzt.


Literarische Merkmale↑

Sein Weg begann mit Gedichten im Stil von Nekrassow und Nadson. Bald wandte er sich der Prosa zu, deren frühe Werke dem Neorealismus zugerechnet werden. In seinen Erzählungen und Romanen zeichnete er breite Gesellschaftsbilder, sei es das alte Russland in Nikitas Kindheit, das Panorama der Revolutionsjahre in Der Leidensweg oder die Zeit Peters des Großen in seinem gleichnamigen Roman. Mit Aelita und Geheimnisvolle Strahlen schrieb er zudem Science-Fiction, angeregt von H. G. Wells. Kennzeichnend ist, dass er eigene Werke wiederholt umarbeitete, um sie den wechselnden ideologischen Vorgaben und den Kriterien des Sozialistischen Realismus anzupassen.


Rezeption↑

Schon früh fand Tolstoi Anerkennung: Maxim Gorki nannte ihn einen „großen und kraftvollen Schriftsteller“, und seine ersten Prosawerke wurden von der Kritik positiv aufgenommen. In der Sowjetunion stieg er zur führenden Figur der offiziellen Literatur auf und wurde wegen seiner Nähe zur Staatsmacht der „Rote Graf“ genannt. Zugleich war sein Verhalten umstritten: Emigranten wie Marina Zwetajewa und Vladimir Nabokov wandten sich von ihm ab. Unter seinen Werken gilt der Roman Peter der Große der Literaturkritik häufig als sein Hauptwerk. Am dauerhaftesten wirkt jedoch das Kinderbuch Das goldene Schlüsselchen oder die Abenteuer des Burattino, das bis heute immer wieder neu aufgelegt wird.

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