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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Aelita
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Aelita
1923
– Werkseintrag –

Aelita

1923 · Roman

Zwei Männer aus dem revolutionären Russland fliegen in einem stählernen Ei zum Mars – und finden dort eine uralte Zivilisation, eine bevorstehende Revolte und eine Liebe, die keine Grenze zwischen den Planeten kennt.

Überblick↑

Der phantastische Roman Aelita von Alexei Nikolajewitsch Tolstoi erzählt von der Reise zweier Männer aus dem revolutionären Russland zum Mars. Der Text entstand größtenteils im Exil und erschien 1923 erstmals in Petrograd. Er wurde mehrfach nachgedruckt und vom Autor zwischen 1935 und 1938 gründlich überarbeitet. Aelita verbindet die Abenteuer- und Zukunftserzählung mit einer Liebesgeschichte und mit dem Traum von einer Revolution auf einem fremden Gestirn. Das Werk zählt zu den bekannten Beispielen der russischen Science-Fiction und wurde später zu einem Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

In einem Petrograd der frühen zwanziger Jahre entdeckt ein amerikanischer Zeitungskorrespondent eine seltsame handschriftliche Ankündigung. Ein Ingenieur namens Mstislaw Loss sucht Mitreisende für eine Fahrt zum Mars. Sein Fluggerät gleicht einem riesigen stählernen Ei, und Loss ist überzeugt, dass er den roten Planeten in wenigen Stunden erreichen kann. Seit Jahren empfangen die großen Funkstationen der Erde rätselhafte Signale, die er dem Mars zuschreibt.

Am selben Abend meldet sich der Soldat Alexei Gussew, ein ruheloser Mann von Krieg und Revolution, und erklärt sich bereit mitzufliegen. Beide lassen etwas zurück: Loss trauert um seine verstorbene Frau, Gussew verlässt seine Frau Mascha, bei der er nie lange bleiben kann.

Nach der Fahrt durch den Weltraum landen die beiden auf dem Mars und finden dort eine hochentwickelte Welt vor. Sie begegnen den rothäutigen Bewohnern und werden schließlich in eine prächtige Stadt gebracht. Dort nimmt sich Aelita, die Tochter eines mächtigen Marsbewohners, der Fremden an und lehrt sie ihre Sprache. Während Loss sich der zarten jungen Frau zuwendet, sucht der tatendurstige Gussew nach einer Aufgabe. Aus dieser Begegnung zweier Welten entwickeln sich Zuneigung, politische Unruhe und Gefahr.

Die Handlung im Detail↑

Am vierzehnten August bemerkt der amerikanische Korrespondent Skiles in Petrograd die handschriftliche Ankündigung des Ingenieurs Mstislaw Loss. Loss zeigt ihm sein eiförmiges Fluggerät und kündigt an, den Mars in neun oder zehn Stunden zu erreichen. Er hält die geheimnisvollen Funksignale, welche die Erde empfängt, für Botschaften vom Mars. Noch am selben Abend erscheint der Soldat Alexei Gussew, der die Ankündigung gelesen hat, und sagt zu. In der Nacht vor dem Aufbruch findet Loss keinen Schlaf und denkt an seine geliebte verstorbene Frau Katja; er will der Erde entfliehen, ahnt aber, dass er vor sich selbst nicht fliehen kann. Auch Gussew nimmt Abschied von seiner Frau Mascha.

Nach dem Flug durch das All landen die beiden auf einer orangefarbenen Ebene, die mit riesigen, lebenden Kakteen bewachsen ist. Bald zeigt sich, dass die Pflanzen in Reihen stehen, also ein bestelltes Feld bilden. Der erste Marsbewohner, ein rothäutiger, dem Menschen ähnlicher Mann, erscheint auf einem geflügelten Fluggerät, schilt die Ankömmlinge und wirft ihnen einen Sack mit Nahrung zu. In verlassenen Ruinen findet Loss eine Bibliothek mit fremden Bildern, Gussew einen Bildschirm, der eine große Stadt zeigt. Nach einem Angriff riesiger Spinnen trifft am Morgen ein großes Luftschiff ein. Ein Anführer mit blauem Gesicht bringt die Fremden über ein Gebirge und die Ebene Azora zur Stadt Soazera. Dort werden sie in einem Landgut untergebracht. Gussew ist unzufrieden und träumt von einem Anschluss des Mars an die Sowjetrepublik, während Loss die Weisheit dieser Welt mit nach Hause nehmen möchte.

Aelita, die Tochter des schwarzbärtigen Marsbewohners, übernimmt den Unterricht der Fremden. Ihr Name bedeutet „Zum letzten Mal gesehenes Licht eines Sterns“. Anhand einer Nebelkugel, die Erinnerungen widerspiegelt, lernen die beiden in sieben Tagen die Sprache des Mars. Aelita erzählt die Geschichte des Planeten, den seine Bewohner Tuma nennen. Vor zwanzigtausend Jahren lebte dort die orangefarbene Rasse der Aole. Ein Hirtensohn predigte den Gewaltverzicht, wurde aber von den Ältesten getötet. Bald darauf fielen vom Himmel bronzene Fluggeräte, aus denen die grausamen „Söhne des Himmels“, die Magazitls, hervorgingen. Sie unterwarfen die Marsbewohner und zwangen sie, Kanäle zu graben und Wasserspeicher zu bauen. Aus der Verbindung der Fremden mit den Töchtern der Aole ging ein blaues Volk hervor, die Stadt Soazera entstand, und der Mars begann zu blühen. Später zeigt sich: Die Magazitls waren die letzten Atlanter. Nachdem ihre Heimat im Meer versunken war, flohen die Herren des dunklen Ordens zum Mars.

Während Loss sich Aelita zuwendet, freundet sich Gussew mit ihrer Dienerin Icha an, der Nichte des Verwalters. Über eine Bildverbindung beobachtet er zufällig eine Regierungssitzung und erfährt, dass Tuskub, Aelitas Vater und Herr des Mars, die Erdenmenschen töten lassen will. In Soazera braut sich zugleich ein Aufstand zusammen: Der Arbeiterführer, der Ingenieur Gor, stellt sich gegen Tuskub, der die Stadt lieber zerstören will, als Veränderung zuzulassen, und die Welt „ruhig und feierlich“ sterben lassen möchte. Gussew beschließt einzugreifen und ruft Loss, doch dieser bleibt bei Aelita zurück. Tuskub übergibt seiner Tochter Gift für die Fremden, doch Aelita bringt ihren Geliebten stattdessen in die Höhlen der heiligen Schwelle im Gebirge. Dort vollzieht sie ein altes Ritual und wird seine Frau, obwohl sie als Geweihte unter Todesstrafe Jungfrau bleiben müsste.

Als Loss zum niedergebrannten Gut Tuskubs zurückkehrt, übergibt ihm ein sterbender Marsbewohner eine Nachricht Gussews, und er fliegt in das Zentrum des Aufstands. Gussew und Gor haben das Arsenal erobert, die Arbeiter bewaffnet und eine Kriegsflotte vernichtet. Doch Tuskubs Truppen ziehen sich in ein riesiges unterirdisches Labyrinth zurück, das fast alle Städte des Mars verbindet. Nachts greift sein Heer an, sprengt das Arsenal und zerstört die Luftflotte der Aufständischen. Im letzten Augenblick rettet Loss Gussew; nach dem Abschied vom sterbenden Gor fliehen die beiden in das Labyrinth. Sie irren durch die Finsternis, entkommen einem von Spinnen erfüllten Abgrund und gelangen wieder ins Freie. Ein Diener bringt sie zur heiligen Schwelle. Loss möchte Aelita mit auf die Erde nehmen, doch der eintreffende Tuskub holt seine Tochter zurück, und seine Soldaten verwunden Loss schwer. Gussew findet den Freund, vertreibt die Marsbewohner, die schon das Fluggerät zerstören wollen, und hebt mit dem Ei ab.

Im All kommt Loss wieder zu Bewusstsein und merkt, dass ihm die Erinnerung fehlt; Mars und Aelita erscheinen ihm wie ein Traum. Das Fluggerät gerät in den Schweif eines Kometen, der es zur Erde lenkt. Loss und Gussew landen am Ufer des Michigansees. Für die Reisenden vergingen nur wenige Monate, auf der Erde jedoch vier Jahre. Die Heimkehrer werden berühmt: Skiles zahlt eine große Summe für die Reiseaufzeichnungen, Gussew bereist die Welt mit seinen Geschichten und gründet in Russland eine großspurig benannte Aktiengesellschaft zur Rettung der arbeitenden Marsbevölkerung. Loss versucht in einer Fabrik einen Motor nach marsianischem Vorbild zu bauen, sehnt sich aber nach Aelita. Am Ende fängt die Funkstation seit einer Woche unbekannte Signale von außergewöhnlicher Stärke auf. In ihnen erkennt Loss die ferne, traurige Stimme Aelitas, die in einer fremden Sprache immer wieder fragt: „Wo bist du, wo bist du, wo bist du?“

Stil↑

Kennzeichnend für Aelita ist, dass das Werk in zwei stark voneinander abweichenden Fassungen vorliegt, während die Grundhandlung gleich bleibt. Die erste Ausgabe von 1923 ist reich an geheimnisvollen und mystischen Zügen, etwa der Nebelkugel der Erinnerungen, den alten Ritualen und der Vorgeschichte um Atlantis. In den Jahren 1935 bis 1938 arbeitete Tolstoi den Text für Verlage der Kinder- und Volksliteratur gründlich um. Er machte ihn ästhetisch geschlossener und strich viele mystische Episoden; aus dem Roman wurde dabei eine kürzere Erzählung.

Die Sprache verbindet nüchterne technische Schilderung mit poetischen, fast märchenhaften Bildern. Die Marslandschaft erscheint als orangefarbene Ebene, als „Frühlingswiesen, wie man sie im Traum aus ferner Kindheit erinnert“. Neben den Abenteuern stehen eingeschobene Erzählungen wie die mythische Geschichte des Planeten und der untergegangenen Atlanter, die dem Werk eine zweite, sagenhafte Ebene geben.

Rezeption↑

Zunächst nahmen sowohl Kritiker im Exil als auch in der Sowjetunion den Roman ablehnend auf; sie hielten ihn für nachahmend und „leichtgewichtig“. Zu den skeptischen Stimmen zählten Iwan Bunin, Kornei Tschukowski, Wiktor Schklowski und Juri Tynjanow. Wohlwollender äußerten sich Maxim Gorki und, besonders nachdrücklich, Lew Karsawin.

Mit der Zeit wurde Aelita als ein zum Gesamtwerk Tolstois gehörendes Werk gewürdigt, das seine typischen sprachlichen und gedanklichen Motive verkörpert und die Freiheit zum Spiel mit Gattung und Stil zeigt. Nach 1939 wurde die Erzählung immer wieder neu aufgelegt und entwickelte sich zu einem Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Bereits 1924 verfilmte Jakow Protasanow den Stoff.

In den Ländern der früheren Sowjetunion wurde „Aelita“ zu einem beliebten weiblichen Vornamen und zum Namen vieler Einrichtungen des Dienstleistungsgewerbes. Auch ein Festival und eine Auszeichnung für phantastische Literatur tragen diesen Namen.

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