1821
Adonais
Überblick↑
Mit Adonais schrieb Percy Bysshe Shelley 1821 eine Elegie auf den Tod des jungen englischen Dichters John Keats. Keats war wenige Wochen zuvor in Rom gestorben. Das Gedicht umfasst 495 Verse, verteilt auf 55 Spenser-Strophen. Es gilt als eines der berühmtesten Werke Shelleys. Es steht in der Tradition der englischen pastoralen Elegie, wie sie John Milton mit Lycidas begründet hatte. Zugleich greift es auf antike Vorbilder zurück. Der Titel spielt auf den griechischen Adonis an, den jung gestorbenen Geliebten der Aphrodite. Gebildet ist er nach lateinischen Mustern wie der Achilleis des römischen Dichters Statius. Auch Vergils zehnte Ekloge gilt manchen Forschern als Anregung. Im Juli 1821 erschien das Gedicht beim Londoner Verleger Charles Ollier. Gedruckt wurde es in Pisa mit den Lettern der Druckerfamilie Didot.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Das Gedicht setzt mit einem Ausruf der Trauer ein. Der Sprecher beweint Adonais. Hinter diesem Namen steht der Dichter John Keats, der wenige Wochen zuvor in Rom gestorben war. Eine ganze Reihe von Trauernden wird herbeigerufen. Voran tritt Urania, die mythische Mutter des Toten. Sie soll ans Sterbelager treten und das Klagelied anstimmen. Es folgen die Geschöpfe seiner Dichtung selbst – seine Träume, seine Gedanken, seine Gefühle. Wie Hirten sind sie um ihren toten Herrn versammelt. Auch die Natur nimmt Anteil, die Keats in seinen Versen gefeiert hatte. Der Frühling kehrt zurück. Doch den jungen Dichter vermag er nicht zu erwecken.
Dann betreten lebende Dichter die Szene und gesellen sich zu den Klagenden: Lord Byron als „Pilger der Ewigkeit“, der Ire Thomas Moore und Leigh Hunt. Schließlich mischt sich Shelley selbst unter die Trauernden, als hagere, vom Schicksal gezeichnete Gestalt. Zur Rede gestellt wird ein anonymer Kritiker. Er soll Keats mit einem vernichtenden Verriss seines Versepos Endymion zugesetzt haben. Bis hierhin beherrscht der Schmerz das Gedicht ganz. Wie aus dieser ausweglos scheinenden Klage ein Trost erwachsen kann, bleibt der Lektüre vorbehalten.
Die Handlung im Detail↑
Das Gedicht beginnt mit dem berühmten Ruf „I weep for Adonais – he is dead!“ („Ich weine um Adonais – er ist tot!“). In den ersten Strophen ruft der Sprecher Urania an, die Mutter des Toten, sie möge sich erheben und an seinem Lager die Totenfeier halten. Der Name Urania verweist zugleich auf die Muse der Sternenkunde und auf die himmlische Venus.
Es folgt der Aufzug der Trauernden. Zunächst kommen die „Herden“ des Verstorbenen, in denen seine Träume und Eingebungen Gestalt annehmen; dann erscheinen, als allegorische Figuren, seine Gedanken, Gefühle und Fähigkeiten. Urania wird vom Schmerz aus dem Schlaf gerissen, eilt zum Totenlager und fleht vergeblich, der Geliebte möge erwachen. Die Natur, von Keats so oft besungen, trauert mit; der Frühling weckt alles neu, nur ihn nicht. In den Strophen 30 bis 35 treten lebende Dichter unter die Klagenden: Lord Byron, den Shelley als „Pilgrim of Eternity“ anspricht, der ire Thomas Moore, Shelley selbst und sein Freund Leigh Hunt. Shelley zeichnet sich dabei als eine zerbrechliche Gestalt mit gezeichneter Stirn, deren Mal an Kain und an Christus zugleich erinnert.
In den Strophen 36 und 37 wendet sich der Zorn des Sprechers gegen den anonymen Rezensenten, der Keats' Versepos Endymion 1818 niedergemacht und damit, so Shelleys Überzeugung, den kranken Dichter zugrunde gerichtet habe. Die schlimmste Strafe, die der Sprecher für diesen Schurken finden kann, ist nicht der Tod, sondern das lange Leben mit seiner Schande: „Live thou, whose infamy is not thy fame! Live!“
Mit Strophe 38 vollzieht das Gedicht seine entscheidende Wendung. Der Sprecher gebietet den Klagenden Einhalt: Nicht der Tote sei zu bedauern, sondern die Lebenden, die in der vergänglichen Welt zurückbleiben wie Leichen in einem Beinhaus. Keats sei nicht tot, er schlafe nicht, er sei aus dem Traum des Lebens erwacht. Er habe den Schatten der Nacht überflogen; Neid, Verleumdung, Hass und Schmerz könnten ihn nicht mehr erreichen. Er sei eins geworden mit der Natur, eingegangen in den einen Geist, aus dem alle Schönheit fließt. In den folgenden Strophen wird Keats unter die unsterblichen Dichter aufgenommen, neben Thomas Chatterton, Sir Philip Sidney und den römischen Dichter Lukan, die alle jung starben, ohne ihre Gabe ganz entfalten zu können.
In den Strophen 48 bis 52 führt der Sprecher den Trauernden nach Rom, auf den protestantischen Friedhof, wo Keats begraben liegt – und wo auch Shelleys eigener, mit drei Jahren gestorbener Sohn ruht. Die Stadt ist voll sichtbarer Spuren von Verfall und Vergehen, doch zwischen den Gräbern wächst lachendes Blumenlicht über das Gras. Die Natur scheue weder Tod noch Verwesung, nur der Mensch fürchte und hasse sie. „What Adonais is, why fear we to become?“ fragt der Sprecher in Strophe 51: Was Adonais nun ist, warum sollten wir uns fürchten, es ebenfalls zu werden? Das Leben selbst, jene „Kuppel aus vielfarbigem Glas“, trübe das ewige Licht, nicht der Tod sei der Feind.
In den letzten drei Strophen wendet sich der Sprecher an sich selbst. Das Leben habe ihm nichts mehr zu bieten; das eine Licht, das Schönheit, Segen und Liebe ist, leuchte ihm bereits entgegen. Er fühlt sich „darkly, fearfully, afar“ – dunkel, voller Furcht, in weite Ferne – fortgetragen, dorthin, wo die Seele des toten Dichters wie ein Stern leuchte. Das Gedicht schließt mit dem Bild, dass Adonais nun Teil sei des „weißen Glanzes der Ewigkeit“ und wie ein Leuchtfeuer aus dem Wohnort der Ewigen herübergrüße.
Stil↑
Das Gedicht ist eine pastorale Elegie englischer Prägung, in der Nachfolge von John Miltons Lycidas. Shelley wählt für die 55 Strophen die Spenser-Strophe. Edmund Spenser hatte dieses neunzeilige Versmaß in The Faerie Queene geprägt: acht jambische Fünfheber und ein abschließender, längerer Sechsheber, gebunden in einem komplizierten Reimgeflecht. Die feierlich-getragene Form gibt der Klage ihren feststehenden Rhythmus.
Der Titel folgt antiken Mustern: Wie die Achilleis des Statius das Heldenleben Achills besingt, klagt Adonais um einen Adonis. Die Anrufung Uranias, der Aufzug der Trauernden, die als Hirten gedachten Geschöpfe der Dichtung, der Vorwurf an den schuldigen Kritiker und am Ende der Übergang vom Schmerz zum Trost – all das gehört zum festen Repertoire der pastoralen Elegie. Shelley kostet es voll aus und überhöht es zugleich philosophisch. Klassische Mythologie und platonisch gefärbte Bildwelt durchdringen einander. Sterne, Licht, Schatten, Flammen und Verwesung bilden ein eng geknüpftes Bildgeflecht. Bekannt geworden sind einzelne Wendungen wie „He hath awaken'd from the dream of life“ oder das Bild vom Leben als „dome of many-coloured glass“. Dieses Bild verstellt die reine Strahlung der Ewigkeit.
Rezeption↑
Schon Shelleys Zeitgenossen begriffen Adonais als das Hauptstück seines Spätwerks. Bis heute zählt das Gedicht zu seinen meistgelesenen Arbeiten. Es prägte das Bild des jung verstorbenen, von der Kritik verfolgten Dichters Keats nachhaltig. Shelley behauptete, eine vernichtende Besprechung des Endymion im Quarterly Review habe Keats ins Grab getrieben. Diese Behauptung erwies sich später als unhaltbar. Den Rezensenten kennt man heute als John Wilson Croker. Joseph Severn hatte Keats in Rom bis zum Tod gepflegt. Mit seinem Dank an Severn lenkte Shelley zugleich die öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen Maler und Freund. Im Vorwort verfestigte er so das Bild vom verfemten Genie. Er schuf eines der wirkungsvollsten Denkmäler, die je ein Dichter einem anderen gesetzt hat.
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