1816
Adolphe
Überblick↑
Der Roman Adolphe von Benjamin Constant erschien 1816. Er trägt den Untertitel „Anekdote, gefunden in den Papieren eines Unbekannten" und ist auf knappem Raum ganz auf einen einzigen Vorgang zugespitzt: die Geschichte einer Liebe, die kaum begonnen hat und schon zerfällt. Ein junger Mann bindet eine ältere Frau an sich, ohne sie wirklich zu lieben, und vermag sich doch nicht von ihr zu lösen. In nüchterner Ich-Erzählung seziert das Werk die Selbsttäuschungen des Herzens und die Schuld, die aus Schwäche entsteht.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein Herausgeber berichtet einleitend, wie er in einem Gasthof in Kalabrien einem schwermütigen Unbekannten begegnet ist. Von diesem sei ihm ein Manuskript in die Hände gefallen, das nun den eigentlichen Roman bildet. Darin erzählt der junge Adolphe von seinem kühlen Verhältnis zum Vater und von seinem Aufbruch aus Göttingen an einen kleinen deutschen Fürstenhof. Aus einem unbestimmten Bedürfnis, geliebt zu werden, macht er einer schönen, gesellschaftlich ins Abseits geratenen Frau den Hof, die zehn Jahre älter ist als er. Ellénore erwidert seine Werbung – doch was als Eroberung beginnt, verwandelt sich bald in eine Bindung, die beide Teile gefangen hält.
Die Handlung im Detail↑
Vorangestellt ist ein Vorwort des Herausgebers. Er erzählt, wie er in einem Gasthof in Kalabrien einen Unbekannten traf, das Musterbild eines Schwermütigen. Nach dessen überstürzter Abreise blieb ein Manuskript zurück, das der Herausgeber an sich nahm – und das der Leser nun vor sich hat.
Adolphe berichtet zunächst von dem distanzierten Verhältnis zu seinem Vater. Er verlässt Göttingen, geht in eine andere deutsche Stadt und verkehrt unter den Höflingen eines kleinen Fürstenhofs. Dort verschafft er sich mit Absicht den Ruf eines leichtfertigen, spöttischen und boshaften Menschen. Um ein vages Bedürfnis nach Liebe zu stillen, verführt er eine Frau, die zehn Jahre älter ist als er – sehr schön, aber gesellschaftlich gesunken: Ellénore.
Die aufkeimende Liebe treibt Adolphe zu großzügiger Hingabe, doch das Verhältnis der Liebenden verschlechtert sich sehr rasch. Der Vater, besorgt, dass diese anrüchige Verbindung die Karriereaussichten des Sohnes zerstört, befiehlt Adolphe, zu ihm zu kommen. Doch Ellénore ist bereit, alles zu opfern – Kinder, Vermögen, Schutz –, um den jungen Geliebten bei sich zu behalten. Adolphe fügt sich, gebunden durch ein so maßloses Opfer. Bald aber löst er sich innerlich von ihr und erkennt mit Entsetzen, dass er sie nie wirklich geliebt hat.
Geschickt verbirgt er es und bleibt bei ihr. Ellénore jedoch begreift bald, dass sie ihm nichts mehr bedeutet. Weil ihnen die Trennung nicht gelingt, fliehen die beiden. Sie lassen sich zunächst in Caden in Böhmen nieder, dann in Polen. Dort trifft Adolphe einen Freund seines Vaters, den Baron de T***. Dieser hält ihm die Ausweglosigkeit seiner Lage vor Augen: Ellénore stehe allen Wegen seiner Laufbahn im Weg. Adolphe antwortet mit heftigen Beteuerungen von Liebe und Treue. Am Ende aber fasst er doch den Entschluss zur Trennung – und um sich daran zu halten, schreibt er ihn in einem Brief an den Baron nieder. Der Baron sorgt dafür, dass der Brief Ellénore erreicht. Von Kummer niedergeworfen, stirbt sie bald darauf.
Statt sich befreit zu fühlen, führt Adolphe von da an ein trostloses, verzweifeltes Leben. Es treibt ihn bis nach Cerenza, wo ihn der Herausgeber zu Beginn des Buches angetroffen hat. Als Nachwort drängt ein anonymer Briefschreiber den Herausgeber, das Manuskript zu veröffentlichen: Adolphes Beispiel sei umso lehrreicher, als er nach dem Verstoßen der geliebten Frau nicht weniger ruhelos und unzufrieden geblieben sei und von der so teuer erkauften Freiheit keinen Gebrauch gemacht habe. Der Roman schließt mit der Antwort des Herausgebers, der die Veröffentlichung annimmt und das Verhalten des Helden verurteilt: Jeder lerne nur auf eigene Kosten, die Umstände seien wenig, der Charakter sei alles.
Stil↑
Getragen wird das Werk von einer durchgehenden Ich-Erzählung. Alles ist aus Adolphes Blickwinkel gesehen und klingt wie ein langes Plädoyer in eigener Sache. Gerade dadurch bleibt offen, ob Adolphe am Tod Ellénores schuldig ist; die Entscheidung darüber überlässt der Roman dem Leser. Umrahmt wird die Bekenntnisschrift von der Fiktion eines Herausgebers, der das Manuskript findet und am Ende kommentiert.
Im Kern steht die Frage nach der Verantwortung in der Liebe. Eine der bekanntesten Wendungen läuft auf den Gedanken hinaus, die eigentliche Frage im Leben sei der Schmerz, den man zufügt, und keine noch so scharfsinnige Rechtfertigung entschuldige den, der ein liebendes Herz zerrissen hat.
Der Blick auf die Gesellschaft ist kühl und kritisch. Die Szenen bei Hofe bestehen im Wesentlichen aus beißendem Spott, in dem jedes Leben allen zur Schau gestellt wird. Die durchlässige Grenze zwischen öffentlicher und privater Sphäre, die Constant mit dem gewichtigen Wort „Freiheit" belegte, war eines seiner großen Themen. Im Urteil über die Rolle der „Geliebten" trifft die moralische Verurteilung allein die Frauen, während sich die Männer an ihnen ergötzen dürfen wie der Jäger an der Beute. Von Wärme ist nirgends etwas zu spüren, nicht einmal zwischen Vater und Sohn: Der Vater fordert nur eines ein, den guten Ruf. Der Ton ist darin eher voltairisch als romantisch.
Über allem liegt der Gedanke des unabwendbaren Verhängnisses. Der Aufbau folgt dem Schema einer Tragödie, und das katastrophale Ende ist ein tragisches Dénouement: Ellénore stirbt am Liebesschmerz eher wie eine Heldin bei Racine als wie eine romantische Märtyrerin und lässt Adolphe vernichtet zurück. Er geht in die freiwillige Verbannung nach Cerenza, um dort seine Schuld zu büßen, gleich einem von den Göttern Verdammten.
Rezeption↑
Lange galt das Buch als kaum verhüllte Autobiografie. Die Figur ähnelt in vielem ihrem Schöpfer, und die Entstehung des Romans läuft mit den Wechselfällen von Constants stürmischer Liebe zu Germaine de Staël, der Tochter Neckers, auffällig zusammen. In Anspielung auf die Gewitter dieser Beziehung wurde Adolphe der „Regenschirm Benjamin Constants" genannt. Die erzählende Ich-Form legt eine solche Lesart nahe. Todorov hat jedoch darauf hingewiesen, dass diese lange verbreitete Deutung heute nicht mehr haltbar sei.
Ein anderer Zugang rückt den Leser in den Mittelpunkt: Weil der Roman die Schuldfrage offenlässt, spricht Michel Charles von dem Platz, der dem Leser eingeräumt werde.
Im Jahr 2002 verfilmte Benoît Jacquot den Stoff.
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