1883
Adjutantenritte
Überblick↑
Mit den Adjutantenritten legte Detlev von Liliencron 1883 im Wilhelm Friedrich Verlag seinen ersten Gedichtband vor. Das Buch trägt den vollen Titel Adjutantenritte und andere Gedichte. Es gilt als eine Wegmarke in der deutschen Lyrik des späten neunzehnten Jahrhunderts. Liliencron löste sich vom romantisierenden Ton seiner Zeitgenossen. Er brachte einen frischen, anschaulichen, oft prosanahen Klang in die deutsche Lyrik. Er selbst rechnete sich keiner Avantgarde zu. Trotzdem wurde er für viele bedeutende Dichter der folgenden Generation zum Vorbild – von Stefan George und Hugo von Hofmannsthal über Rainer Maria Rilke und Gottfried Benn bis zu Kurt Tucholsky.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Es handelt sich nicht um eine Erzählung, sondern um eine Sammlung von Gedichten. Liliencron versammelt darin Liebes- und Naturgedichte, Stimmungsbilder aus der Großstadt, ländliche Szenen und Szenen aus dem Soldatenleben. Den Auftakt macht das Gedicht Der Gouverneur. Es zeigt gleich, in welch ungewohnt freier Weise hier mit Klang, Reim und Sprache umgegangen wird. Daneben finden sich Stadtgedichte wie In einer großen Stadt und Am Broadway. Dazu kommen das Liebesgedicht Einen Sommer lang, das Stimmungsbild Dorfkirche im Sommer und das später vielzitierte Auf dem Kirchhofe.
Die adlige Herkunft des Dichters und seine Erfahrungen als preußischer Offizier prägen viele Stücke. Der Band wirkt dabei nicht kriegerisch. Häufig flieht der Sprecher in den Augenblick: ein Schmetterling, ein Blick in die Natur, ein vorüberziehender Eindruck. Wer den Band aufschlägt, begegnet einer Lyrik, die sich an scharfen Sinneseindrücken festhält und das Hier und Jetzt einfangen will.
Die Handlung im Detail↑
Da die Adjutantenritte keine fortlaufende Erzählung sind, gibt es keine Handlung im engeren Sinn. Der Band entfaltet sich vielmehr als Folge von Gedichten unterschiedlicher Gattungen und Stimmungen.
Das eröffnende Gedicht Der Gouverneur führt den Leser sofort in Liliencrons neuartige Schreibweise ein. Hier stehen gewagte Reime nebeneinander: "Tamerlan" reimt sich auf die Wortneuschöpfung "Beulenbahn", die "Hundeblume" auf das altertümliche "Wehtume", "Sterne" auf das Fremdwort "Subalterne". Umgangssprache ("keck"), lautmalerische Einschübe ("Bumm und Tusch") und stehende Redewendungen ("Grün vor Schreck", "Cherchez la femme", "nach der Schnur") werden ungeniert in den Vers eingebaut. Schon mit diesem ersten Stück wendet sich der Band hörbar ab vom geglätteten Liedton eines Emanuel Geibel.
Es folgen Liebesgedichte wie Einen Sommer lang, in denen das kurze Glück eines Sommers festgehalten wird, und Naturgedichte, die einzelne Eindrücke – ein Schmetterlingsflug, ein Blick über Felder, eine Dorfkirche im Sommer – zu kleinen Augenblicksbildern verdichten. Daneben stehen die Großstadtgedichte: In einer großen Stadt und Am Broadway bringen ein damals neues Thema in die deutsche Lyrik. Auch Balladen und Soldatenstücke gehören zum Band, getragen von der eigenen Erfahrung des Offiziers Liliencron.
Ein wiederkehrender Zug ist die Flucht in den Augenblick. Statt großer Gedanken oder ideeller Höhen sucht der Sprecher den einzelnen, scharf wahrgenommenen Moment. Häufig wird er im Bild des Schmetterlings oder als Ausblick in die Natur eingefangen. Ironie und ein leichter, gelegentlich auch trauriger Ton durchziehen viele Stücke, ohne dass der Band ins Sentimentale oder ins Programmatische kippt. Das Prosagedicht Auf dem Kirchhofe, das später Johannes Brahms vertonte (op. 105 Nr. 4), gehört ebenso zum Bestand wie die Kleine Ballade, die noch Tucholsky beeindruckte.
So entsteht über die ganze Sammlung hinweg kein Erzählbogen, sondern ein Bündel von Stimmungen: Liebe und Abschied, Marsch und Manöver, Stadtlärm und Landstille, eine kurze Begegnung, ein Vogelschrei. Der Leser geht aus dem Band weniger mit einer Geschichte als mit einer Reihe scharf gesehener Bilder hervor.
Stil↑
Liliencrons Sprache wirkt frisch und unmittelbar. Statt feierlich gehobener Lyrik wählt er einen prosanahen, oft umgangssprachlichen Tonfall. Fremdwörter, Fachausdrücke und derbe Redewendungen stehen neben klassischen Strophenformen wie Stanze und Vierzeiler. Gerade dieses Spiel mit traditioneller Form und modernem Klang macht den Band für die Lyrik der Moderne wegweisend.
Auffällig ist die Lust am gewagten, manchmal schroffen Reim und an lautmalerischen Einschüben. Anaphern (gleiche Wortanfänge) und Alliterationen (gleiche Anlaute) häufen sich. Wahrnehmungen werden assoziativ aneinandergereiht. Die Wirklichkeit erscheint nicht ideal überhöht, sondern aus einer bestimmten Perspektive und in starken Sinneseindrücken. Daher rechnet man die Gedichte heute dem Impressionismus zu. Schon hier benutzt Liliencron auch die Technik der Montage: das Zusammenstellen unterschiedlichster Bild- und Sprachfetzen. Sie sollte später für die moderne Lyrik so wichtig werden.
Die Themen reichen von Liebes- und Naturlyrik über die Großstadt bis zum Soldatischen. Ein ironischer Ton hält die Gedichte fern von der naturalistischen Anklageliteratur ebenso wie vom romantisierenden Idealismus der Zeit.
Rezeption↑
Schon der Erstling enthielt Gedichte, die als Schlüsselstücke der deutschen Lyrik gelten: die Großstadtgedichte In einer großen Stadt und Am Broadway, das Liebesgedicht Einen Sommer lang und Dorfkirche im Sommer. Otto Julius Bierbaum, ein Zeitgenosse, feierte Liliencron überschwänglich als "diesen Ersten unserer realistischen Lyriker" und als "Größesten unter allen deutschen Lyrikern unserer Zeit". Er solle der jüngeren Generation als Maßstab dienen.
Stefan George besaß ein eigenes Exemplar der Adjutantenritte mit zahlreichen Unterstreichungen, wie Thomas Karlauf nachgewiesen hat. Claude David schränkte zwar ein, Liliencron habe George nur "einen letzten Nachhall der Tradition" bieten können, "eine liebenswürdige, anmutige Poesie, einen leichten Pessimismus ohne Tragik". Dennoch reichen wesentliche Anregungen für Georges frühe Dichtung auf Liliencron zurück: der Gebrauch von Fremdwörtern und Fachausdrücken als Prunkworte und die Vorliebe für strenge Metrik gegenüber der naturalistischen Langzeile. Auch in Georges frühen Bänden Fibel und Von einer Reise hört man den älteren Dichter noch heraus.
Rainer Maria Rilke übernahm den ausgiebigen Gebrauch von Anaphern und Alliterationen sowie die assoziative Reihung von Eindrücken. 1898 widmete er Liliencron ein eigenes Gedicht. Gottfried Benn bekannte später ironisch-distanziert: "Damals war Liliencron mein Gott, ich schrieb ihm eine Ansichtskarte." Hugh Ridley konnte zeigen, dass Benn in dem frühen Gedicht Durchs Erlenholz kam sie entlang gestrichen Liliencrons Waldschnepfenjagd zum Vorbild nahm. Anders als George und Rilke griff er auch dessen Montagetechnik auf. Kurt Tucholsky schließlich verarbeitete in den Gedichten Memento und Wetterhäuschen aus dem Band Fromme Gesänge den Tonfall der Kleinen Ballade aus den Adjutantenritten. In einem Brief urteilte er anerkennend: "Mit dessen Augen sieht man die Welt. Aber da hats auch gebrannt, dass die Funken stoben."
Den ganz großen Lyrikbänden der deutschen Literatur wird der Band gewöhnlich nicht zugerechnet: Goethes West-östlichem Divan, Heines Buch der Lieder, Georges Das Jahr der Seele, Rilkes Duineser Elegien, später Brechts Hauspostille oder Celans Mohn und Gedächtnis. Wegen seiner Wirkungsgeschichte gilt er aber als bedeutende Wegmarke in der deutschen Lyrik. Einige Gedichte wurden vertont. Auf dem Kirchhofe ist als op. 105 Nr. 4 von Johannes Brahms bis heute bekannt.
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