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Werkseintrag · Trutz, Blanke Hans
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Cover Trutz, Blanke Hans
Trutz, Blanke Hans
1883
– Werkseintrag –

Trutz, Blanke Hans

1883 · Ballade

Eine reiche Stadt trotzt in Hochmut der Nordsee – und der „Blanke Hans" wartet nur auf seine Stunde.

Überblick

Die Ballade Trutz, blanke Hans von Detlev von Liliencron entstand 1882/83 und zählt neben Pidder Lüng zu den bekanntesten Gedichten des Dichters. Sie greift die alte Sage von der untergegangenen Stadt Rungholt auf. Der Titel spielt auf den „Blanken Hans" an, wie die Friesen die Nordsee nennen. Das Werk verbindet eine düstere Warnung vor menschlichem Hochmut mit der gewaltigen Naturkraft des Meeres.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht die reiche Stadt Rungholt, deren Bewohner in Übermut und Gottlosigkeit leben. Sie häufen Korn und Güter und glauben, der See sicher trotzen zu können. Die Nordsee aber, von den Friesen „Blanker Hans" genannt, ist kein zahmer Nachbar, sondern eine lauernde Gewalt. Die Ballade stellt den prahlerischen Stolz der Menschen dem Atemholen des Meeres gegenüber und steuert auf eine Auseinandersetzung zwischen menschlicher Hybris und entfesselter Natur zu.

Die Handlung im Detail

Geschildert wird die Sage von Rungholt, einer einst blühenden und wohlhabenden Stadt an der Küste. Ihre Bewohner sind reich geworden, doch mit dem Reichtum sind Hochmut und Gottlosigkeit gewachsen. Sie speichern so viel Korn, dass „kein Korn mehr faßt selbst der größeste Speicher", und meinen, sie könnten dem Meer ungestraft trotzen. Genau dieser Übermut gibt der Ballade ihren Titel: Die Menschen rufen dem „Blanken Hans", also der Nordsee, ihr „Trutz" entgegen.

Das Meer wird als lauerndes Untier gezeichnet, das nur auf seine Stunde wartet. „Dann holt das Untier tief Atem ein", heißt es, ehe es zuschlägt. Die Sturmflut bricht herein und vernichtet die Stadt samt ihren stolzen Bewohnern. Rungholt versinkt in den Fluten, der „Blanke Hans" behält die Oberhand. Am Ende bleibt die Erinnerung an eine Stadt, die vor langer Zeit unterging – im Gedicht „vor fünfhundert Jahren". Die Ballade deutet das Geschehen als Strafe für menschliche Vermessenheit: Wer der Natur und Gott in Hochmut trotzt, wird von der überlegenen Gewalt des Meeres verschlungen.

Der historische Hintergrund liegt in der Zweiten Marcellusflut von Mitte Januar 1362, in der der wirkliche Ort Rungholt unterging. Er lag in der Nähe der heutigen Hallig Südfall vor Pellworm. Dort war Liliencron 1882/1883 als Hardesvogt tätig. Aus seinen Tagebucheinträgen geht hervor, dass er bei der Überfahrt mit einer Fähre von Husum nach Pellworm von der Rungholt-Sage hörte. Über Rungholt selbst fuhr er dabei nicht, sondern über eine entfernt davon gelegene Sandbank namens Rungholtsand.

Als Hans Stern 1964 Liliencrons Ausgewählte Werke herausgab, änderte er einzelne Stellen. So machte er aus „Die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren" ein „vor sechshundert Jahren" und veränderte damit auch den Sprechrhythmus. Ebenso ersetzte er in „Dann holt das Untier tief Atem ein" das „tief" durch „tiefer" und strich an anderer Stelle ein „selbst".

Stil

Geprägt ist das Gedicht von der Form der Ballade, die Erzählung und dramatische Zuspitzung verbindet. Die Nordsee erscheint nicht als bloße Kulisse, sondern als bedrohliches, atmendes Wesen – ein „Untier", das Atem holt, ehe es zuschlägt. Dieses Bild gibt der Naturgewalt etwas Lebendiges und Unheimliches. Der knappe, eindringliche Ton und der kräftige Sprechrhythmus tragen die Spannung zwischen menschlichem Trotz und dem Heranrollen der Flut. Dass spätere Eingriffe in einzelne Wörter wie „tief" oder „selbst" zugleich den Klang der Verse veränderten, zeigt, wie eng bei diesem Text Wortwahl und Rhythmus zusammenhängen.

Rezeption

Bis in die Gegenwart hat die Ballade Musiker und Künstler angeregt. Achim Reichel vertonte sie auf seinem Album Regenballade. Der Puppenspieler und Rezitator Gerd J. Pohl und der Musiker Konstantin Gockel rückten den Text ab 1999 in ihrem Programm Die Flamme zischt in den Mittelpunkt. Das Musikprojekt Junge Dichter und Denker unterlegte das Gedicht 2006 mit Beats und rappte den Text auf dem Album Die 1ste. Die Gruppe Santiano verarbeitete einige, teils leicht abgewandelte Verse 2015 in ihrem Lied Rungholt auf dem Album Von Liebe, Tod und Freiheit. Die friesische Pagan-Metal-Band Vike Tare veröffentlichte eine kaum veränderte Fassung auf ihrem Album Feed the Flames. Diese vielfältigen Bearbeitungen zeigen, wie lebendig der Stoff von der versunkenen Stadt geblieben ist.

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