1380
Troilus und Criseyde
Überblick↑
Das Versepos Troilus and Criseyde stammt von Geoffrey Chaucer. Es erzählt die tragische Liebesgeschichte zwischen dem trojanischen Königssohn Troilus und der jungen Witwe Criseyde. Die Handlung spielt vor dem Hintergrund des Trojanischen Krieges. Chaucer schrieb das Werk in Mittelenglisch und vollendete es vermutlich Mitte der 1380er Jahre. Verfasst ist es in der sogenannten Königsstrophe, einer kunstvollen siebenzeiligen Strophenform.
Viele Kenner von Chaucers Werk sehen darin seine herausragendste Dichtung. Als abgeschlossenes Werk ist Troilus and Criseyde runder und vollständiger als die berühmteren, aber letztlich unvollendeten Canterbury Tales. Aus dem Epos stammt oft die bekannte Wendung „all good things must come to an end": Alle guten Dinge müssen einmal enden.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Bei einem Fest zu Ehren der Göttin Pallas Athene erblickt der trojanische Königssohn Troilus die junge Witwe Criseyde. Er verliebt sich auf der Stelle. Zunächst weist sie ihn ab. Troilus hält sein Gefühl geheim und versucht, sich seiner Auserwählten würdig zu erweisen. Im Kampf gegen die Griechen zeigt er sich tapfer. Im Lauf der Zeit wird er zu einem echten Ritter.
Criseydes Onkel Pandarus will seinem Freund helfen. Er redet auf seine Nichte ein, nicht allzu hart gegen Troilus zu sein. Nach und nach erwacht in Criseydes Herzen die Liebe. Pandarus arrangiert heimliche Begegnungen der beiden.
Doch über der jungen Liebe ziehen dunkle Wolken auf. Criseydes Vater Calchas, ein Priester, ahnt den Untergang Trojas voraus. Bald sehen sich die Liebenden vor eine Bewährungsprobe gestellt, die ihr Glück bedroht. Schon im Vorwort deutet der Erzähler an, dass die Geschichte kein gutes Ende nimmt.
Die Handlung im Detail↑
Bei einem Fest zu Ehren der Pallas Athene begegnet der Königssohn Troilus der jungen Witwe Criseyde und verliebt sich in sie. Criseyde weist ihn anfangs zurück. Troilus bewahrt sein Gefühl als Geheimnis und kämpft mutig gegen die Griechen, um seiner Geliebten würdig zu sein. Unter den ständigen Prüfungen wird aus ihm ein wahrer Ritter, der er bis zum Schluss bleibt.
Criseydes Onkel Pandarus will dem Freund helfen und überredet seine Nichte, nicht zu grausam gegen Troilus zu sein. Allmählich ergreift die Liebe Criseydes Herz. Pandarus, tatkräftig und einfallsreich, fädelt die Treffen der Liebenden ein und bringt sie zusammen.
Unterdessen flieht Calchas, der Vater Criseydes und Priester im Tempel des Apollon, aus der dem Untergang geweihten Stadt. Er überlässt seine Tochter ihrem Schicksal. Bald beschließen die Trojaner, Criseyde gegen den in griechische Gefangenschaft geratenen Antenor auszutauschen. Als Troilus von der bevorstehenden Trennung erfährt, denkt er über Vorbestimmung und freien Willen nach und fügt sich dem unabwendbaren Lauf der Dinge.
Im Lager der Griechen gibt Criseyde schließlich den Werbungen des Kriegers Diomedes nach. Troilus erfährt von ihrer Untreue und findet den Tod im Kampf. Criseyde aber schwört, ihrem neuen Geliebten treu zu sein.
Am Ende wendet sich der Dichter an seine Leser. Troilus hatte eine irdische Frau geliebt, ein schönes „Geschenk der Natur oder der Fortuna", und damit etwas Vergängliches und Unbeständiges vergöttert. So entsteht der Gegensatz zwischen irdischer und himmlischer Liebe. Der Erzähler ruft dazu auf, sich von der kurzlebigen, vergänglichen Welt abzuwenden, und beschließt das Werk mit einem Gebet an die Dreifaltigkeit.
Stil↑
Geschrieben ist das Epos in der Königsstrophe, einer siebenzeiligen Strophenform mit kunstvollem Reimschema. Als Vorlage diente Chaucer das Versepos Filostrato des italienischen Dichters Boccaccio. Dessen Namen nennt er im ganzen Werk nie. Stattdessen schreibt er die Geschichte einem gewissen Lollius zu. Diesen hielt man damals für einen antiken Autor über den Fall Trojas. Ein Dichter dieses Namens ist jedoch nicht bekannt.
Boccaccio schüttete in seiner Dichtung eigene Gefühle nach einer Trennung aus. Chaucer dämpfte das Persönliche und schuf ein eher philosophisches Werk. Der Literaturwissenschaftler C. S. Lewis prägte dafür ein Bild: Chaucer habe den von der Renaissance geprägten Filostrato gleichsam ins Mittelalter zurückversetzt. Den Stoff behandelt er im Geist der höfischen Dichtung. Zu Beginn wendet sich der Dichter nach den Regeln der Troubadourpoesie an Amor, den Gott der Liebe, und nennt sich dessen treuen Diener.
Zugleich spielt Chaucer mit den Mustern der höfischen Liebe und zeigt sie auch in einem leicht spöttischen Licht. Die übliche Konstellation kehrt er um. Sonst steht die verheiratete Dame gesellschaftlich über dem Liebenden. Hier aber ist Criseyde als junge Witwe niedriger gestellt als der Königssohn. Eine Schlüsselrolle spielt der Vermittler Pandarus, der Onkel der Heldin. Er ist zugleich bester Freund, Vertrauter und gewandter Kuppler – eine Figur, wie sie das derbe Erzählgenre des Fabliau kennt. Doch anders als dort gehört Pandarus den oberen Schichten an und handelt vollkommen selbstlos.
Im vierten Buch denkt Troilus über Schicksal und freien Willen nach. Hierfür griff Chaucer auf Gedanken aus der Trostschrift der Philosophie des Boethius zurück, und zwar gerade auf jenen Teil, der den freien Willen verneint. Criseyde zeichnet Chaucer mit so viel Sympathie, dass ihre Untreue trotz der Vorwarnung im Prolog den Leser fast überrascht. Schrittweise führt der Dichter sie von anfänglicher Kühle über höfliches Interesse zu einem starken und aufrichtigen Gefühl.
Rezeption↑
Unter den Kennern von Chaucers Schaffen gilt Troilus and Criseyde vielfach als sein bedeutendstes Werk. Gerade weil es vollendet ist, erscheint es manchen als geschlosseneres Werk als die berühmteren, doch unvollendet gebliebenen Canterbury Tales. Häufig wird das Epos als Quelle der geflügelten englischen Wendung „all good things must come to an end" angeführt.
Besonders nachhaltig wirkte die Figur des Pandarus. Sie war so eindrücklich gezeichnet, dass aus ihrem Namen in England bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts das Wort „pandar" beziehungsweise „pander" für einen Kuppler wurde.
Der Stoff der trojanischen Liebenden wurde später mehrfach aufgegriffen. William Shakespeare schuf das Drama Troilus und Cressida. Der englische Komponist William Walton schrieb eine gleichnamige Oper. Marina Borodizkaja übertrug das Epos ins Russische. Diese Übersetzung erschien 1997.
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