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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · The Legend of Good Women
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Cover The Legend of Good Women
The Legend of Good Women
1387
– Werkseintrag –

The Legend of Good Women

1387 · Epik

Zur Strafe für seine angeblich frauenfeindlichen Verse muss Chaucer im Traum ein Buch über treue Frauen der Antike schreiben – von Kleopatra bis Dido.

Überblick↑

Das Werk The Legend of Good Women ist ein Versgedicht, das Geoffrey Chaucer im 14. Jahrhundert verfasste. Es hat die Form einer Traumvision: Der Dichter erzählt, was ihm im Traum widerfährt. Nach The Canterbury Tales und Troilus and Criseyde ist es das drittlängste seiner Werke. Vermutlich ist es das erste bedeutende englische Gedicht, das den fünfhebigen Jambus und zehnsilbige Reimpaare benutzt – eine Versform, die Chaucer später in den Canterbury Tales durchgehend verwendete. Dieses sogenannte heroische Reimpaar wurde in der Folge zu einem wichtigen Bestandteil der englischen Literatur. Die Entstehungszeit liegt etwa zwischen 1386 und 1388.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Vorspann des Gedichts wird der Dichter vom Gott der Liebe und dessen Königin Alceste getadelt. Sie werfen ihm vor, dass er in früheren Werken – etwa in Troilus and Criseyde – die Frauen in schlechtem Licht gezeigt habe. In jener Dichtung erscheint die Figur Criseyde als unbeständig in der Liebe. Zur Wiedergutmachung verlangt Königin Alceste von Chaucer ein Gedicht, das die Tugenden der Frauen und ihre guten Taten preist.

Diesem Auftrag kommt der Dichter nach. Er erzählt eine Reihe von Geschichten über tugendhafte Frauen aus der Antike. Zu ihnen gehören Kleopatra, Thisbe, Medea, Phyllis, Hypsipyle, Ariadne, Lucretia, Philomela, Hypermnestra und Dido. Seine Stoffe schöpft Chaucer aus klassischen Quellen, darunter Vergils Äneis sowie Ovids Metamorphosen und Heroides. Jede dieser Frauen steht für Liebe und Treue – oft gegenüber Männern, die ihre Hingabe nicht erwidern. Das Werk ist, wie viele Dichtungen Chaucers, unvollendet geblieben.

Die Handlung im Detail↑

Der Vorspann schildert, wie der Dichter vom Gott der Liebe und seiner Königin Alceste zurechtgewiesen wird. Sein Vergehen: In früheren Werken habe er die Frauen herabgesetzt. Königin Alceste fordert von ihm zur Buße ein Gedicht, das den Wert und die guten Taten der Frauen rühmt. Der Dichter erzählt daraufhin in neun Abschnitten zehn Geschichten tugendhafter Frauen.

In der Geschichte der Kleopatra verlässt Marcus Antonius seine Frau, die Schwester des Octavian, um eine andere zu suchen. Er findet Kleopatra, verliebt sich, heiratet sie und feiert ein großes Fest. Bald darauf erfährt er, dass Octavian noch immer zornig ist und heransegelt. In der Schlacht wird Marcus Antonius besiegt. Um seinen Ruf zu retten, ersticht er sich selbst. Kleopatra betrauert seinen Tod tief. Sie hatte geschworen, dass ihr widerfahren solle, was ihm widerfährt. So füllt sie eine Grube neben seinem Grabmal mit giftigen Schlangen und legt sich zur letzten Ruhe neben ihn.

In der Geschichte der Thisbe lieben sich Thisbe und Pyramus von Herzen, dürfen aber nicht zusammen sein. Sie sprechen durch einen Spalt in der Mauer, die ihre Häuser trennt, und verabreden sich für den Abend an einem Baum. Thisbe kommt zuerst und wartet. Da erscheint ein Löwe mit blutverschmiertem Maul. Thisbe flieht und verliert dabei ihren Schleier. Pyramus findet den Schleier, befürchtet das Schlimmste und ersticht sich mit seinem Schwert. Als Thisbe zurückkehrt und ihren toten Geliebten findet, tötet sie sich mit demselben Schwert.

Die Geschichte der Dido erzählt, wie Venus dem Aeneas aufträgt, Dido aufzusuchen und ihr Herz zu gewinnen. Auf der Jagd zieht ein Unwetter herauf, und beide suchen Schutz in einer Höhle. Dort gesteht Aeneas seine Liebe. Dido weigert sich zunächst, ihre Gefühle einzugestehen, gibt aber schließlich zu, dass sie ihn von Herzen liebt. Doch Aeneas verliert nach einiger Zeit das Interesse und plant heimlich, sie zu verlassen. Dido versucht ihn aufzuhalten, vergeblich. Sie lässt von ihrer Schwester eine Begräbnisstätte vorbereiten und ersticht sich mit dem Schwert des Aeneas.

In den verbundenen Geschichten von Hypsipyle und Medea wird Jason als treuloser Liebhaber bloßgestellt. Sein Onkel, König Pelias, fürchtet Jasons Beliebtheit und schickt ihn unter dem Vorwand einer Schatzsuche in die Gefahr. Jung und mutig nimmt Jason an. Mit einer Mannschaft – zu der auch Herkules gehört – segelt er zu einer Insel und trifft Königin Hypsipyle. Während er auf günstigen Wind wartet, umwirbt er sie. Er heiratet sie, bekommt Kinder mit ihr, nimmt ihren ganzen Besitz, sticht in See und lässt sie zurück. Hypsipyle bleibt ihm treu und stirbt einsam und traurig. In Colchis sucht Jason erneut eine Frau. Der König setzt ihn neben seine Tochter Medea, die sich in ihn verliebt. Sie warnt ihn vor den Gefahren der Suche nach dem Goldenen Vlies und bietet ihm Hilfe an – unter der Bedingung, dass er ihr treuer Gatte werde. Jason gelingt die Tat, er bringt Medea über das Meer in seine Heimat. Doch er handelt an ihr wie an Hypsipyle: Er heiratet sie, nimmt ihre Schätze, bekommt Kinder mit ihr und verlässt sie dann.

In der Geschichte der Lucretia sucht Sextus Tarquinius während der Belagerung Roms das Haus seines Freundes Collatinus auf, wo dessen Frau Lucretia weilt. Von ihrer Schönheit entflammt, dringt er heimlich in ihr Gemach und zwingt sie mit dem Schwert an ihrem Herzen, ihm zu Willen zu sein; er droht, sie zu töten und einen Stallburschen neben sie zu legen, um ihren Namen zu beschmutzen. Um ihren guten Ruf nicht zu verlieren, gibt sie nach. Danach ruft Lucretia ihren Mann, ihre Eltern und ihre Frauen herbei, schildert die Tat und nimmt sich mit einem Messer das Leben.

Das Gedicht ist unvollendet geblieben. In seiner Schlussabbitte aus den Canterbury Tales spricht Chaucer von „fünfundzwanzig Damen“, an anderer Stelle ist von fünfzehn oder neunzehn die Rede. Im Vorspann werden weitere Frauen genannt – darunter Esther, Penelope, Lavinia, Polyxena und Laodamia –, deren Geschichten nicht ausgeführt sind. Auch die neunzehn Hofdamen der Königin Alceste deuten auf einen geplanten, aber nie vollendeten Bau hin.

Stil↑

Geprägt ist das Werk durch seine Versform. Chaucer benutzt hier den fünfhebigen Jambus in zehnsilbigen Reimpaaren – das heroische Reimpaar, das die englische Dichtung der folgenden Jahrhunderte stark mitprägen sollte. Der Aufbau aus einem Vorspann und mehreren getrennten Einzelgeschichten ähnelt der späteren „Erzählung des Mönchs“ aus den Canterbury Tales.

Auffällig ist der schwankende Ton. Tragik und Komik liegen unvermittelt nebeneinander, was nicht immer harmonisch wirkt. Die einzelnen Legenden gleichen einander stark und entbehren der feinen Figurenzeichnung, die für die Canterbury Tales so wichtig ist. Mehrfach lässt der Dichter durchblicken, dass ihn die Aufgabe ermüdet. Dabei greift er auf ein bei ihm häufiges rhetorisches Mittel zurück: Er bringt einen Gegenstand nur zur Sprache, um zu sagen, dass er ihn nicht weiter behandeln werde.

In der Forschung wird über die Absicht des Werks gestritten. Einige vermuten, es sei bewusst schwach geschrieben und in Wahrheit eine Spottschrift. Andere sehen darin einen Spott über die Sitte, antike Stoffe umzubiegen, um ihnen eine zeitgenössische moralische Bedeutung zu geben. Demnach wäre das Gedicht nicht nur ein früher Gebrauch des heroischen Reimpaars, sondern auch eine der ersten heldenparodistischen Dichtungen in englischer Sprache. Eine allgemein anerkannte Deutung ist dies jedoch nicht.

Rezeption↑

Bei seinem ersten Erscheinen war das Gedicht beliebt, gilt aber nicht als eines der besten Werke Chaucers. Einen frühen Bewunderer schuf der Dichter selbst: In den Canterbury Tales lobt die Figur des Rechtsgelehrten Chaucer und sein Gedicht, das sie „Seintes Legende of Cupide“ nennt.

Um die Entstehung rankt sich eine Überlieferung. John Lydgate behauptete in The Fall of Princes, der Auftrag der Königin Alceste gehe auf eine tatsächliche Bitte zurück: Anne von Böhmen, die 1382 nach England kam, um Richard II. zu heiraten, habe das Gedicht gewünscht. Wäre dies zutreffend, so machte es Chaucer zu einem frühen Hofdichter. Mitunter wird auch Joan of Kent, die Mutter des Königs, als Vorbild für Alceste genannt. Der vermutete königliche Auftrag dient zugleich als eine Erklärung dafür, dass das Werk unvollendet blieb – Chaucer könnte die Lust an der Aufgabe verloren haben.

Ein Jahrhunderte später lebender Dichter griff den Stoff wieder auf: Tennyson nahm das Gedicht zum Vorbild für sein eigenes Werk A Dream of Fair Women.

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