1948
The Lottery
Überblick↑
Die Kurzgeschichte The Lottery von Shirley Jackson erschien 1948 im Kulturmagazin The New Yorker. Sie erzählt von einem Dorf im ländlichen Amerika, in dem jedes Jahr eine Lotterie abgehalten wird. Der „Gewinner“ dieser Ziehung wird gesteinigt. Ein Jahr später nahm Jackson den Text in den Sammelband The Lottery. Adventures of the Demon Lover auf. Auf Deutsch erschien die Geschichte erstmals 1961 unter dem Titel Die Lotterie in der Übersetzung von Peter Naujack; der Sammelband folgte 1989 als Die Teufelsbraut · 25 dämonische Geschichten, übersetzt von Anna Leube und Anette Grube. Die Kritik lobte den Text, das Publikum reagierte zunächst außerordentlich heftig. Bis heute zählt die Erzählung zu den bekanntesten Werken der Autorin.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
An einem Sommertag, dem 27. Juni, versammeln sich die Bewohner eines namenlosen amerikanischen Dorfes auf dem Platz. Der Ort erscheint zunächst wie das Musterbild einer beschaulichen ländlichen Gemeinschaft. Anlass des Treffens ist eine Lotterie, die hier jedes Jahr stattfindet und über die zunächst nichts Näheres gesagt wird.
Einige Dorfbewohner werden mit Namen vorgestellt, während die Vorbereitungen geschildert werden. Nach und nach erfährt der Leser Einzelheiten über den Ablauf und die Geschichte dieser Lotterie. Dann beginnt die Ziehung: Nach genau festgelegten Regeln werden Mitglieder der einzelnen Dorffamilien aufgerufen, um Lose zu ziehen. Anschließend werden die Zettel überprüft. Dass der Ausgang dieses Brauchs ein anderer sein könnte, als ein Außenstehender erwartet, deutet sich nur in einzelnen Hinweisen an.
Die Handlung im Detail↑
Am 27. Juni kommen die Einwohner eines namenlosen amerikanischen Dorfes zusammen, um die alljährliche Lotterie abzuhalten. Der Erzähler zeichnet den Ort zunächst wie ein Sinnbild friedlicher Dorfgemeinschaft. Einzelne Bewohner werden mit Namen genannt, die Vorbereitungen werden genau beschrieben, und dabei fallen einige Bemerkungen über den Ablauf und die Vorgeschichte des Brauchs.
Dann werden die Familien nach festen Regeln aufgerufen, und aus jeder zieht ein Mitglied ein Los. Danach prüft man die Zettel. Es zeigt sich, dass Bill Hutchinson ein besonderes Los gezogen hat. Seine Frau Tessie reagiert panisch. Nun folgt eine zweite Ziehung, bei der alle Angehörigen der Familie Hutchinson noch einmal ein Los nehmen müssen. Diesmal trägt Tessies Zettel einen schwarzen Punkt. Am Ende der Geschichte wird sie von sämtlichen Dorfbewohnern zu Tode gesteinigt.
Die Gemeinschaft glaubt, ihr eigenes Wohlergehen hänge von diesem Ritual ab. Der Brauch besteht seit der Gründung des Dorfes, doch seine Entstehung und sein Sinn sind im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten. Weil die Handlung streng chronologisch erzählt und immer wieder verzögert wird, begreift der Leser erst am Schluss mit einem Schlag, welches Schicksal die ausgeloste Person erwartet.
Stil↑
Klar und einfach gebaut, verzichtet der Text auf Erklärungen und Deutungen. Das Dorf bleibt namenlos und erscheint beinahe wie ein Sinnbild: ein Bild jeder ländlichen Gemeinschaft, nicht ein bestimmter Ort. Der Erzähler berichtet streng der Zeitfolge nach und hält den Gang der Handlung immer wieder auf, indem er Nebensächliches ausbreitet und die Vorbereitungen in Ruhe schildert.
Gerade diese sachliche Genauigkeit erzeugt die Wirkung. Einzelne Hinweise lassen ahnen, dass die Lotterie anders ausgeht als erwartet, doch die Erkenntnis trifft den Leser erst am Schluss, und zwar schockartig. Weil der Text so wenig erläutert, bleibt das Ende offen und lässt verschiedene Lesarten zu.
Rezeption↑
Kurz nach dem Erscheinen in der Ausgabe vom 26. Juni 1948 erreichten die Redaktion des New Yorker und die Autorin selbst viele zornige Briefe. Die Geschichte sei abstoßend und wäre besser nie geschrieben worden, hieß es darin. Zahlreiche Leser kündigten ihre Abonnements. In der Südafrikanischen Union wurde der Titel verboten. Am 22. Juli desselben Jahres sah sich Jackson gezwungen, ihre Geschichte im San Francisco Chronicle zu rechtfertigen. Ihre Biographin Judy Oppenheimer beschrieb den Wirbel als den größten Ausbruch von Wut, Furcht und Faszination, den eine Veröffentlichung der Zeitschrift ausgelöst hatte.
Auch später blieb der Text umstritten. In der Januarausgabe 1984 führte die Zeitschrift Playboy eine Liste der dreißig am häufigsten aus amerikanischen Schulen und Bibliotheken verbannten Werke; dort stand die Erzählung auf Platz 17.
Die Literaturwissenschaft beschäftigte sich lange Zeit eher zurückhaltend mit dem Text, vermutlich weil er klar geschrieben und im Kern leicht verständlich ist. Weil das Ende offenbleibt und der Text selbst kaum erklärt, sind unterschiedliche Deutungen möglich, etwa psychoanalytische oder mythologische. Ausführlichere Interpretationen kreisen um das Böse in der menschlichen Natur, um die Gewalt einer Gruppe gegen den Einzelnen sowie um Mythologie und Brauchtum. Meist fällt dabei das Wort Sündenbock. Allerdings deutet die Erzählung das alte jüdische Ritual um: Dort wurden Ziegenböcke ausgewählt. Hier trifft es einen unschuldigen Menschen, der in einem im Grunde sinnlosen Akt geopfert wird.
Die Geschichte fand auch außerhalb der Literatur ihr Publikum. Es entstanden ein Radiohörspiel (1951), ein Ballett (1953), ein Kurzfilm (1969), ein Fernsehfilm (1996) in der Regie von Daniel Sackheim und eine Oper.
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