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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Shirley Jackson
Shirley Jackson
1916 – 1965
– Autorenporträt –

Shirley Jackson

1916 – 1965 · 48 Jahre

Amerikanische Erzählerin des Unheimlichen, deren Kurzgeschichte „The Lottery“ und deren Roman „Spuk in Hill House“ zu Klassikern des literarischen Grauens wurden.

Kurzbiografie↑

Zu den bekanntesten amerikanischen Erzählerinnen des Unheimlichen zählt Shirley Jackson, geboren am 14. Dezember 1916 in San Francisco und gestorben am 8. August 1965 in North Bennington im US-Bundesstaat Vermont. Berühmt wurde sie vor allem durch ihre Horrorromane und -geschichten, unter ihnen der mehrfach verfilmte Roman Spuk in Hill House und die Kurzgeschichte The Lottery. Neben diesen düsteren Stoffen schrieb sie auch heitere, autobiografisch gefärbte Bücher über das Leben ihrer eigenen Familie. In beiden Bereichen verband sie einen knappen, straffen Stil mit einem scharfen Blick auf die Abgründe des ganz gewöhnlichen Alltags.


Biografie↑

Nach dem Schulbesuch studierte Shirley Jackson an der Syracuse University und schloss dieses Studium 1940 mit einem Bachelor of Arts ab. Im selben Jahr heiratete sie Stanley Edgar Hyman, einen Literaturkritiker und Dozenten am Bennington College. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. In einem Interview betonte sie, dass trotz ihrer schriftstellerischen Laufbahn stets die Familie, die Erziehung der Kinder und der Haushalt im Vordergrund stünden; das Schreiben mache nur die Hälfte ihres Lebens aus.

Ihr literarisches Debüt gab sie 1943 mit der Kurzgeschichte After You, My Dear Alphonse in der Zeitschrift The New Yorker. In den folgenden Jahren erschienen dort regelmäßig weitere Kurzgeschichten, ebenso in den Frauenzeitschriften McCall’s, The Ladies’ Home Journal und Redbook sowie in The Saturday Evening Post und Harper’s Bazaar. Ihr erstes Buch The Road Through the Wall kam 1948 heraus und handelte von ihrer Kindheit an der Westküste der Vereinigten Staaten.

In ihrem weiteren Werk bewegte sich Jackson zwischen sehr unterschiedlichen Genres. Zwei autobiografische Romane erzählen vom Leben ihrer Familie in North Bennington: Life Among the Savages von 1953 und Raising Demons von 1957. Daneben schrieb sie unheimliche Geschichten, deren Wahrnehmung des Bedrohlichen laut Wikipedia aus ihren Studien der Sozialanthropologie und der Magie herrührte. Zu diesen Werken gehören Hangsaman (1951), The Bird’s Nest (1954), The Sundial (1958) und The Haunting of Hill House (1959), auf Deutsch Spuk in Hill House.

Am bekanntesten wurde die Kurzgeschichte The Lottery, die 1948 erstmals in The New Yorker erschien. Sie schildert mit wachsender Spannung eine jährliche Lotterie in einem Dorf, bei der ein Einwohner als rituelles Jahresopfer ausgelost wird. Die Geschichte griff das Thema der Unmenschlichkeit des Menschen gegen den Menschen auf und fügte ihm das Element des Zufalls hinzu. Das Magazin erhielt daraufhin hunderte von Leserbriefen, in denen fast durchweg nach der Bedeutung der Geschichte gefragt wurde. Jackson selbst bekam mehr als dreihundert solcher Briefe; nur dreizehn davon waren freundlich gehalten, die meisten von Freunden. Viele Leser hielten das Ritual für real und fragten, an welchen Orten dieser Brauch noch bestehe.

Ihr letztes Buch We Have Always Lived in the Castle (deutsch Wir haben immer schon im Schloss gelebt) erschien 1962 und wurde als Bühnenstück für den Broadway bearbeitet. Shirley Jackson starb 1965 in North Bennington. Im Jahr darauf, 1966, erhielt sie posthum für die Kurzgeschichte The Possibility of Evil den Edgar Allan Poe Award für die beste Kurzgeschichte.


Literarische Merkmale↑

Bemerkenswert an Shirley Jacksons Schreiben ist, dass sie in ganz unterschiedlichen Tonlagen zu Hause war. Auf der einen Seite konnte sie die Leichtigkeit und die Wirren des normalen häuslichen Lebens mit unbekümmerter Heiterkeit schildern. Auf der anderen Seite schrieb sie Gruselgeschichten, in denen abnormes Verhalten als etwas ganz Normales erscheint. In beiden Bereichen fällt eine auffällige Straffheit und Sparsamkeit des Stils auf.

Ihre unheimlichen Geschichten vermitteln den Eindruck, Jackson sei im Grunde eine Moralistin gewesen. Sie zeigte, dass grauenhaftes und niederes Verhalten oft nur knapp unter der Oberfläche derjenigen liegt, die sich selbst für normal und anständig halten. Und sie zeigte, wie eine Gesellschaft mit unerbittlicher Härte gegen einzelne Menschen vorgehen kann, die sie als sonderbar empfindet. Der harmlose Sonderling, so sagte sie in einem Interview, könne verfemt und vernichtet werden – mit derselben Schärfe, die man sonst offenkundigen Feinden der Gesellschaft vorbehalte.

Häufig verzichtete sie darauf, alles auszubuchstabieren, und überließ die Deutung der Vorstellungskraft der Leser. Nach dem Rezensenten Eliot Fremont-Smith von der Times war sie eine Meisterin darin, Stimmungen ineinander zu verweben, eine ironische Erforscherin der dunklen, widersprüchlichen inneren Tyranneien von Geist und Seele. Besonders mit der Kurzgeschichtensammlung The Lottery and Other Stories gilt Jackson als wichtige Vertreterin der sogenannten Slipstream-Literatur.


Rezeption↑

Große Wirkung entfaltete vor allem The Lottery: Die Geschichte löste bei ihrer Veröffentlichung eine Flut von Leserbriefen aus, in denen immer wieder nach ihrer Bedeutung gefragt wurde. Ihre Gruselgeschichten gelten als herrlich ausgetüftelte, kühle Klassiker und zugleich als makabre Kommentare zur menschlichen Zurechnungsfähigkeit. Nach Eliot Fremont-Smith, einem Rezensenten der Times, stellte Shirley Jackson „einen wichtigen literarischen Einfluss“ dar.

Ihr Werk fand auch außerhalb der Literatur ein breites Publikum. The Haunting of Hill House wurde mehrfach verfilmt: 1963 durch Robert Wise unter dem Titel Bis das Blut gefriert mit Julie Harris und Claire Bloom sowie 1999 durch Jan de Bont unter dem Titel Das Geisterschloss mit Lili Taylor und Liam Neeson. 2018 veröffentlichte der Streaminganbieter Netflix eine zehnteilige Serie, die auf dem Roman beruht. Im selben Jahr kam eine Verfilmung von We Have Always Lived in the Castle unter der Regie von Stacie Passon heraus.

Im deutschen Sprachraum verlief die Aufnahme in zwei Wellen. Die Familiengeschichte Life Among the Savages erschien bereits 1954 im Heinrich Droste Verlag unter dem Titel Nicht von schlechten Eltern. Die fiktionalen Werke wurden erst Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre ins Deutsche übertragen und beim Diogenes Verlag veröffentlicht, darunter Wir haben schon immer im Schloß gelebt (1988), die Sammlung Die Teufelsbraut (1989), der Roman Der Gehängte (1992) und Spuk in Hill House (1993).

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