1387
Canterbury-Erzählungen
Überblick↑
Zu den bekanntesten Werken der mittelenglischen Literatur gehören die Canterbury-Erzählungen von Geoffrey Chaucer. Ab etwa 1387 schrieb er eine Sammlung von Geschichten und bettete sie in eine gemeinsame Rahmenhandlung ein. Eine bunt gemischte Gruppe von Pilgern zieht von einem Londoner Vorort nach Canterbury. Die Reise vertreiben sie sich mit dem Erzählen von Geschichten. Verfasst sind die Texte in der englischen Volkssprache jener Zeit, nicht im damals für Literatur üblichen Französisch oder Latein. Gerade dieser Gebrauch der Volkssprache gilt als ein wichtiger Beitrag des Werks zur englischen Literatur. Bis heute wird es in englischsprachigen Ländern zum Teil im Schulunterricht und in der Anglistik gelesen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Eine Gruppe von rund dreißig Pilgern bricht von Southwark, einem damaligen Vorort von London, zur Wallfahrt nach Canterbury auf. Dort wollen sie das Grabmal des Thomas Becket in der Kathedrale besuchen. Im Gasthaus Tabard Inn macht der Wirt Harry den Reisenden einen Vorschlag: Jeder solle auf dem Hin- und dem Rückweg je zwei Geschichten erzählen. Dem besten Erzähler verspricht er als Preis eine Gratismahlzeit.
Damit ist der Rahmen gespannt, in dem sich eine ganze Reihe sehr unterschiedlicher Geschichten entfaltet. Ein einleitender Prolog stellt die einzelnen Pilger vor, vom Ritter über die Frau aus Bath bis zum Müller, zum Pfarrer und zum Ablasskrämer. Jede Figur erzählt eine Geschichte, die zu ihr und ihrem Stand passt. Die Themen reichen von der höfischen Liebe über Verrat bis zur Habsucht, die Tonlagen von heiter bis ernst. Auch die Erzählformen wechseln: höfische Romanzen stehen neben kurzen rhythmischen Versgeschichten, Predigten und Fabeln. So entsteht ein vielstimmiges Bild der mittelalterlichen Gesellschaft, in dem Adel, Geistlichkeit und einfaches Volk zu Wort kommen.
Die Handlung im Detail↑
Den Rahmen bildet die Pilgerfahrt von Southwark nach Canterbury, wo das Grabmal des Thomas Becket das Ziel ist. Der allgemeine Prolog führt die Pilgergruppe und ihr Vorhaben ein und zeichnet die einzelnen Reisenden mit genauem Blick. Der Wirt Harry des Tabard Inn schlägt das Erzählspiel vor: je zwei Geschichten pro Pilger auf dem Hinweg und zwei auf dem Rückweg, mit einer kostenlosen Mahlzeit als Preis für den Besten.
Die Sammlung ist überliefert in einer Reihe von Bruchstücken, die nach der sogenannten Ellesmere-Ordnung gegliedert werden. Sie beginnt mit der höfischen Erzählung des Ritters und führt anschließend zu den derberen, komischen Geschichten des Müllers, des Landvogts und des Kochs. Es folgen die Erzählung des Rechtsanwalts sowie der berühmte Auftritt der Frau aus Bath, an den sich die Geschichten des Ordensbruders und des Kirchenbüttels anschließen. Weiter reihen sich die Erzählungen des Scholaren, des Kaufmanns, des Knappen und des Gutsbesitzers. Es kommen der Arzt und der Ablasskrämer zu Wort, der Schiffsherr, die Priorin und der Mönch, ferner der Nonnenpriester, die zweite Nonne, der Dienstmann eines Stiftsherrn und der Verwalter. Den Abschluss bildet die ausgedehnte Erzählung des Pfarrers, an die sich Chaucers Widerruf anschließt. Manche dieser Geschichten gelten nicht als Chaucers eigene Erfindung, sondern gehen auf ältere Stoffe zurück.
Die einzelnen Erzählungen sind durch verbindende Prologe und Epiloge miteinander verknüpft, in denen die Pilger aufeinander reagieren, einander necken und widersprechen. Einige Geschichten sind humorvoll, andere ernst, alle aber zielen genau auf die menschliche Natur. Ein durchgehendes Thema ist der Missbrauch der Religion. Ebenso wichtig ist der Blick auf die dreigeteilte Ständeordnung von Adel, Geistlichkeit und Bauern.
Das Werk blieb unvollendet. Ursprünglich waren wohl 120 Erzählungen geplant, vier für jeden Teilnehmer. Bei Chaucers Tod waren erst rund 24 fertig. Das geplante Wiedersehen in London und die Entscheidung über den besten Erzähler werden daher nie erreicht.
Stil↑
Geschrieben sind die Erzählungen im Mittelenglischen, der Volkssprache des 14. Jahrhunderts. Chaucer wählte nicht das sonst für Literatur übliche Französisch oder Latein. Das gilt als ein wichtiger Beitrag des Werks zur englischen Literatur. Zwei der Geschichten sind in Prosa abgefasst, die übrigen in Versen.
Das Werk lebt von seiner Vielfalt. Innerhalb des einen großen Rahmens versammelt Chaucer ganz verschiedene Erzählformen: höfische Romanzen, kurze rhythmische Versgeschichten, Predigten und Fabeln. Jede Geschichte ist auf die Figur zugeschnitten, die sie erzählt. So ändern sich Ton und Haltung von Pilger zu Pilger. Trotz aller Unterschiede eint die Erzählungen die genaue, oft ironische Beobachtung der menschlichen Natur. Diese Bauweise einer Rahmenhandlung hält viele einzelne Geschichten zusammen. Sie findet sich auch in anderen Werken jener Zeit, etwa in Boccaccios Decamerone. Dieses gilt als eine der Hauptquellen Chaucers.
Rezeption↑
Als eines der bedeutendsten Werke der mittelenglischen Periode haben die Canterbury-Erzählungen bis heute ihren festen Platz behalten. In englischsprachigen Ländern werden sie zum Teil noch immer im Schulunterricht gelesen. Auch im deutschsprachigen Raum gehören sie teilweise zum Stoff der Anglistik.
Eine besondere Rolle spielt das Werk in der Druck- und Kunstgeschichte. Der Graphiker und Wegbereiter des Jugendstils William Morris brachte in seiner 1891 gegründeten Kelmscott Press eine reich gestaltete Ausgabe heraus. Sie steht für die Rückkehr zu handwerklich gefertigten, prachtvoll illustrierten Büchern nach der Massenproduktion des 19. Jahrhunderts. Ins Deutsche wurde der Text unter anderem von Adolf von Düring übertragen. Im Jahr 1972 verfilmte Pier Paolo Pasolini den Stoff unter dem Titel Pasolinis tolldreiste Geschichten.
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