Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Geoffrey Chaucer
Eingang · Autoren · Geoffrey Chaucer
Porträt Geoffrey Chaucer
Geoffrey Chaucer
1343 – 1400
– Autorenporträt –

Geoffrey Chaucer

1343 – 1400 · 57 Jahre

Vater der englischen Literatur – erhob als einer der ersten das Mittelenglische zur Literatursprache und schuf mit den Canterbury Tales ein Hauptwerk des europäischen Mittelalters.

Kurzbiografie↑

Geoffrey Chaucer (um 1343–1400) gilt als Vater der englischen Literatur. Gebildete Engländer schrieben damals Latein, Französisch oder Anglonormannisch. Chaucer entschied sich für die Volkssprache und erhob das Mittelenglische damit zur Literatursprache. Sein berühmtestes Werk sind die Canterbury Tales. Diese Sammlung von Erzählungen tragen sich Pilger auf dem Weg zum Grab des Heiligen Thomas Becket gegenseitig vor. Chaucer lebte als Höfling, Diplomat, Zollinspektor und Beamter im Dienst dreier englischer Könige. Seine Dichtungen schrieb er neben einem arbeitsreichen Berufsleben.


Biografie↑

Chaucer wurde um 1342 oder 1343 wahrscheinlich in London geboren. Er entstammte einer wohlhabenden Londoner Weinhändlerfamilie. Sein Familienname geht auf das französische chausseur, „Schuhmacher“, zurück. Erstmals urkundlich erwähnt wird er 1357 im Haushaltsbuch der Gräfin von Ulster, Elizabeth de Burgh. Diese war die Frau des Prinzen Lionel von Antwerpen, eines Sohnes König Eduards III.

1359 nahm Chaucer als Soldat an der Invasion Frankreichs teil. 1360 geriet er bei Reims kurzzeitig in französische Gefangenschaft und wurde für 16 Pfund freigekauft. In der Folge stand er als Kurier in den Diensten Lionels. Bis 1366 verliert sich seine Spur. Aus diesem Jahr ist ein Schutzbrief Karls II. von Navarra überliefert, der ihm freies Geleit bis zur kastilischen Grenze gewährte. In den folgenden Jahren führte er wiederholt diplomatische Missionen im Auftrag des englischen Königs aus.

1366 heiratete er Philippa Roet, eine Hofdame der Königsgemahlin Philippa von Hennegau. Ihre Schwester Catherine Swynford war ab 1372 die Mätresse und später die dritte Frau von John of Gaunt, Herzog von Lancaster und vierter Sohn des Königs. So gelangte Chaucer in den Genuss der Patronage des Herzogs. Aus der Ehe gingen mindestens zwei Söhne, Thomas und Lewis, und vermutlich zwei Töchter hervor. Nur Thomas Chaucer ist näher bekannt: Er wurde einer der wohlhabendsten und einflussreichsten Männer Englands.

Ab 1367 gehörte Chaucer dem königlichen Haushalt an, mal als Kammerdiener, mal als Knappe. Vermutlich studierte er an den Inns of Court, der Londoner Rechtsschule. Zwischen 1366 und 1370 reiste er viermal in königlichem Auftrag nach Frankreich, Flandern und wahrscheinlich Italien. Es wird vermutet, dass er 1368 in Mailand bei der Hochzeit Lionels mit Violante Visconti anwesend war. Dort soll er Petrarca und Jean Froissart begegnet sein, zwei seiner literarischen Vorbilder. 1372/73 bereiste er Genua und Florenz. Spätestens auf dieser Reise lernte er Italienisch und kam vermutlich erstmals mit den Dichtungen Boccaccios und Dantes in Berührung.

1374 wurde er zum Zollinspektor für den Woll-, Fell- und Lederexport berufen. Das war ein zentrales Amt, denn Wolle war Englands wichtigster Exportartikel und finanzierte den Königshof zu beträchtlichen Teilen. Von John of Gaunt erhielt er fortan eine jährliche Apanage von 10 Pfund, wohl als Belohnung für das Buch der Herzogin. König Edward III. bewilligte ihm zudem auf Lebenszeit eine Gallone Wein täglich. 1377 reiste er erneut nach Frankreich. 1378 reiste er nach Mailand, um mit dem Despoten Bernabò Visconti geheime militärische Beratungen zu führen.

Aus dem Jahr 1380 ist ein Gerichtsdokument überliefert. Darin wird Chaucer vom Vorwurf losgesprochen, an einer Bäckertochter raptus verübt zu haben. Lange stritt die Forschung, ob dieser Begriff als „Vergewaltigung“ oder „Entführung“ zu übersetzen sei. Ein 2022 publizierter Archivfund der Anglisten Sebastian Sobecki und Euan Roger schloss die Deutung als Vergewaltigung aus.

Nach 1382 delegierte Chaucer die Arbeit im Zollhaus zunehmend an Stellvertreter. 1385 siedelte er nach Kent um. Bereits ein Jahr später vertrat er diese Grafschaft im House of Commons, dem englischen Unterhaus. 1386 jedoch setzte sich die parlamentarische Opposition gegen König Richard II. und John of Gaunt durch, und Chaucer verlor all seine Ämter. 1387 starb seine Frau. Trotz früher kommoder Einkünfte häufte er nun Schulden an.

1390 ernannte ihn Richard II. zum clerk of the works, also zum Aufseher über die königlichen Bauvorhaben. Im September desselben Jahres wurde er in dieser Funktion von Briganten ausgeraubt. Einige Forscher vermuten, er habe den Überfall inszeniert, um mit dem vermeintlich geraubten Geld seine Schulden zu begleichen. Nach nur einem Jahr verlor er das Amt wieder. Stattdessen wurde er zum Forstaufseher über die königlichen Wälder in North Petherton in Somerset bestellt. In diesen Jahren entstand der Großteil der Canterbury Tales.

Als Heinrich IV., der Sohn seines verstorbenen Gönners John of Gaunt, 1399 den Thron bestieg, wurde Chaucers Jahresgehalt beträchtlich erhöht. Das ihm zugeschriebene Gedicht The Complaint of Chaucer to his Purse (Chaucers Klage an seinen Geldbeutel) deutet allerdings darauf hin, dass das Geld nicht ausgezahlt wurde. Er ließ sich wieder in London nieder, starb aber bereits ein Jahr später, vermutlich am 25. Oktober 1400. Dieses Datum trägt sein heutiges Grabmal, das jedoch erst im 16. Jahrhundert errichtet wurde. Beigesetzt wurde er in der Westminster Abbey. Beginnend mit Edmund Spenser wurden ab 1599 traditionell die besten englischen Dichter in der Poets' Corner rund um sein Grab bestattet.


Literarische Merkmale↑

Sein Werk ist stark von antiken, französischen und italienischen Vorbildern geprägt. Es enthält aber auch metrische, stilistische und inhaltliche Neuerungen, die die Eigenständigkeit der frühen englischen Literatur begründeten. Üblicherweise wird es in drei Schaffensphasen eingeteilt: eine „französische“ Frühphase, eine „italienische“ Phase ab 1370 und eine „englische“ Phase, in der nach 1390 die Canterbury Tales entstanden.

Besonders folgenreich war Chaucers Arbeit an der englischen Verskunst. Er übernahm aus den romanischen Sprachen den Endreim und passte französische und italienische Gedichtformen den Eigenheiten des Englischen an. Statt der achtsilbigen französischen oder elfsilbigen italienischen Zeile bediente er sich meist zehnsilbiger jambischer Fünfheber, des heroic verse. Damit führte er den in der Folge meistverwendeten Vers in die englische Dichtung ein. Aus der italienischen ottava rima entwickelte er durch Auslassung der siebten Zeile eine Gedichtform, die später rhyme royal genannt wurde und in der englischen Literatur viele Nachahmer fand. Das in Paarreimen gekoppelte heroic couplet bildet die metrische Grundlage für die meisten der Canterbury Tales und für einen großen Teil der späteren englischen Versdichtung.

In der „französischen“ Phase entstand mit The Romaunt of the Rose eine teilweise erhaltene Übertragung des Roman de la Rose. Dazu kamen die Marien-Lobpreisung ABC und mit The Book of the Duchess Chaucers erstes eigenes Gedicht, ein Traumgedicht in der allegorischen Sprache der höfischen Dichtung auf die früh verstorbene Blanche of Lancaster.

Die „italienische“ Phase bringt vielschichtigere Werke hervor. The House of Fame ist ein scheinbar ziellos mäanderndes Traumgedicht voller Exkurse über Kunst, Wahrheit, Lüge und Naturphilosophie. Es folgen die Boëthius-Übertragung Boece und das Fragment Anelida and Arcyte. In The Parliament of Fowls, einem der ersten Belege für den Valentinstag als Fest der Liebe, verhandeln die Vögel unter dem Vorsitz der Göttin Natura über die Partnerwahl. Vor allem aber entstand Troilus and Criseyde, ein Versepos in rhyme royal. Es verklärt die Liebe nicht allegorisch, sondern beleuchtet sie in psychologischer Komplexität auf ausgesprochen moderne Weise. In The Legend of Good Women gedenkt Chaucer der verlassenen Frauen der Mythologie. Der Prolog ist die wohl erste epische Dichtung der englischen Literatur, die durchgehend in heroic couplets verfasst ist.

Die Canterbury Tales schließlich übernehmen von Boccaccios Decamerone das Organisationsprinzip der Rahmenhandlung. Die Geschichten selbst sind Chaucers eigene Schöpfung. Im berühmten Prolog charakterisiert er jeden Pilger in kurzen, sehr realistisch geratenen Porträts. So entsteht ein verkleinertes Abbild der englischen Gesellschaft, vom Ritter über die Nonne bis hin zum Bauern. Chaucer verleiht jedem seiner Pilger eine eigene Sprache und eine passende Geschichte. Fromme Heiligenlegenden, höfische Dichtung und derbe Schwänke stehen elegant nebeneinander. Daneben zeigt der Treatise on the Astrolabe, vermutlich für seinen Sohn verfasst, dass Chaucer auch technisch und wissenschaftlich versiert war.


Rezeption↑

Chaucer gilt als „Vater der englischen Literatur“ und als Begründer der modernen englischen Literatursprache. Nach dem Abbruch der altenglischen Schrifttradition mit der normannischen Invasion 1066 war das Englische jahrhundertelang gegenüber dem Französischen und Anglonormannischen zurückgedrängt. Chaucer war einer der ersten, die es im 14. Jahrhundert wieder als Literatursprache gebrauchten und ihm damit literarisches Prestige zurückgaben.

Seine metrischen Neuerungen wirkten weit über seine Zeit hinaus. Der von ihm in die englische Dichtung eingeführte zehnsilbige jambische Fünfheber wurde zum meistverwendeten Vers der englischen Lyrik und Epik. Das heroic couplet wurde zur metrischen Grundlage zahlloser späterer Versdichtungen, und das von ihm geprägte rhyme royal fand viele Nachahmer. Die Canterbury Tales werden in jüngerer Zeit vor allem als Ständesatire fruchtbar gedeutet.

Die symbolische Stellung Chaucers im englischen Literaturkanon zeigt sich an seinem Grab in der Westminster Abbey. Beginnend mit Edmund Spenser wurden ab 1599 traditionell die besten englischen Dichter in der Poets' Corner rund um sein Grab bestattet. Seit 1959 ist er Namensgeber für Chaucer Island in der Antarktis.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (7 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten