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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Tristan
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Tristan
– Werkseintrag –

Tristan

· Epik

Die klassische deutsche Fassung der Liebesgeschichte von Tristan und Isolde: ein um 1210 entstandener Versroman über einen Trank, der zwei Menschen unwiderruflich aneinander bindet – und ihre Welt aus den Fugen geraten lässt.

Überblick

Der um 1210 entstandene mittelhochdeutsche Versroman Tristan gilt als das wichtigste Werk Gottfrieds von Straßburg. Er ist zugleich die klassische Gestalt des Tristan-und-Isolde-Stoffes. Gottfried bearbeitet eine ältere französische Fassung des Bretonen Thomas. Er prägt sie zu einer kunstvoll durchdachten Liebesdichtung um. Das Werk ist Fragment geblieben. Fast 20.000 Verse sind erhalten, geplant waren wohl etwa 30.000. Trotz dieses Bruchs gilt der Text als eines der Hauptwerke der mittelhochdeutschen Literatur.

Inhalt (ohne Spoiler)

Erzählt wird die Geschichte des jungen Tristan. Nach dem frühen Tod seiner Eltern gelangt er an den Hof seines Onkels König Marke von Cornwall. Tristan wächst zu einem klugen, gebildeten und kampfstarken jungen Mann heran. Am Hof zeichnet er sich durch Mut und Geschick aus. Im Auftrag seines Onkels reist er nach Irland. Dort soll er für Marke um die Hand der schönen Königstochter Isolde werben.

Was als ehrenvolle Brautwerbung beginnt, gerät auf der gemeinsamen Rückreise nach Cornwall aus den Fugen. Tristan und Isolde geraten unversehens in eine Liebe, die stärker ist als alle höfischen Ordnungen. Von da an erzählt der Roman, wie die beiden ihre Zuneigung am Hof des Königs zu verbergen suchen. Er zeigt, wie sich Verdacht und Zweifel ausbreiten. Und er zeigt, wie sich Tristan zwischen Pflicht, Treue und einem Gefühl bewegt, das er nicht mehr abstellen kann. Gottfried wendet sich dabei ausdrücklich an die „edlen Herzen", die wissen, dass wahre Liebe Freude und Leid zugleich bedeutet.

Die Handlung im Detail

Tristan ist der Sohn Riwalins von Parmenien und Blanscheflurs, einer Schwester König Markes von Cornwall. Nach dem frühen Tod der Eltern wird er von Rual li Foitenant, dem treuen Marschall seines Vaters, erzogen. Über mehrere Abenteuer findet er schließlich an den Hof seines Onkels Marke.

Aus Irland kommt der Gesandte Morold, der Tribut von Cornwall fordert. Tristan stellt sich ihm im Zweikampf, besiegt und tötet ihn, wird dabei aber von Morolds vergiftetem Schwert tödlich verwundet. Nur die Königin Isolde von Irland, die das Schwert ihres Bruders selbst mit Gift bestrichen hatte, kennt das Heilmittel. Tristan reist deshalb verkleidet nach Irland: Aus Furcht vor Rache gibt er sich als Spielmann „Tantris" aus. Er wird geheilt und übernimmt zum Dank die Erziehung der jungen Königstochter Isolde, der er Musik, Sprachen und Sittenlehre beibringt.

Zurück in Cornwall beschließt Marke zu heiraten. Tristan empfiehlt die junge Isolde und reist als Brautwerber erneut nach Irland. Dort erlegt er einen Drachen, auf dessen Tötung der König die Hand seiner Tochter ausgesetzt hat. Isolde erkennt in ihm den vermeintlichen Spielmann Tantris wieder, und auch seine wahre Identität als Töter Morolds kommt ans Licht. Trotzdem lässt man ihn am Leben und gibt ihm Isolde als Braut für König Marke mit.

Auf der Überfahrt geschieht das Entscheidende. Die Hofdame Brangaene hat von der Königin heimlich einen Minnetrank erhalten, den Isolde und Marke in der Hochzeitsnacht trinken sollen, damit beide für immer in Liebe verbunden seien. In Brangaenes Abwesenheit löschen Tristan und Isolde ahnungslos mit diesem Trank ihren Durst. Von diesem Augenblick an sind sie unwiderruflich aneinander gebunden und geben sich schon auf dem Schiff ihrer Liebe hin. Damit Isolde nicht als entjungferte Braut in die Ehe geht, ersinnen sie eine List: In der Hochzeitsnacht schläft die jungfräuliche Brangaene anstelle Isoldes bei Marke, ohne dass der König den Tausch bemerkt.

Von nun an betrügen Tristan und Isolde den Ehemann mit allen Mitteln und oft mit Unterstützung der klugen Brangaene. Am Hof entstehen Gerüchte, und Marke gerät in quälende Zweifel an der Treue seiner Frau und seines Neffen. Eine Reihe von Liebesabenteuern wechselt mit ebenso vielen Täuschungsmanövern. Eingebettet ist die berühmte Episode der Minnegrotte, in die sich die Liebenden zurückziehen und deren Beschaffenheit der Erzähler ausführlich allegorisch deutet.

Schließlich werden die beiden von Marke in flagranti ertappt. Tristan zieht in die Normandie. Dort begegnet er einer anderen Frau, Isolde Weißhand, die sich in ihn verliebt. Allein der Name weckt in ihm die Erinnerung an „seine" Isolde, und er gerät in einen tiefen inneren Zwiespalt zwischen den beiden Frauen. Mitten in der Schilderung dieses inneren Konflikts bricht Gottfrieds Erzählung ab; das Werk bleibt Fragment. An Fortsetzungen versuchten sich später Ulrich von Türheim und Heinrich von Freiberg, beide jedoch nach anderen Quellen als Gottfried.

Stil

Gottfried gestaltet seinen Roman in mittelhochdeutschen Reimpaarversen. In der äußeren Handlung schließt er sich eng an seine Vorlage an, den Tristan des Thomas von Britanje. Eigenständig ist er in der Deutung. Den überlieferten Stoff übernimmt er genau, „färbt" ihn aber durch eigene Ausdeutung neu ein. Im Literaturexkurs vergleicht er den guten Dichter mit einem Färber, der einen vorgegebenen Stoff durch die Klarheit seiner Sprache durchscheinen lässt. Sein Ideal ist die kristallklare Rede. An Hartmann von Aue lobt er sie. Einen ungenannten Dichter tadelt er dagegen für Dunkelheit und Taschenspielertricks; die Forschung identifiziert ihn meist mit Wolfram von Eschenbach.

Auffällig ist die ungewöhnlich hohe Zahl von Exkursen. Neben rund vierzig kleineren stehen vier große Reflexionsstücke: der Literaturexkurs, der „rede von minnen"-Exkurs über wahre und falsche Liebe, die allegorische Deutung der Minnegrotte und der huote-Exkurs über Bewachung und Eifersucht. In ihnen tritt der Erzähler deutlich hervor. Er kommentiert, urteilt und entwickelt eine eigene Lehre der Liebe. Diese Liebe ist für Gottfried untrennbar mit Leid verbunden: „Wem nie von der Liebe Leid zugefügt wurde, dem wurde auch nie Liebes von der Liebe zuteil." Angesprochen ist ein besonderes Publikum, die „edlen Herzen", die diese Verbindung von Freude und Leid zu verstehen vermögen. Schon der Prolog stellt mit seiner kunstvollen Sentenz über das Gedenken der Guten den Ton: gedanklich dicht, rhetorisch durchgearbeitet, von einer Klarheit, die selbst Programm ist.

Rezeption

Gottfrieds Tristan wurde rasch als so bedeutend empfunden, dass bald nach seiner Entstehung zwei Dichter sich an einer Fortsetzung versuchten: Ulrich von Türheim und Heinrich von Freiberg. Beide griffen allerdings auf andere Quellen zurück als Gottfried selbst. Konrad von Würzburg spielt in seinem Herzmäre auf zahlreiche Motive des Tristan an und ahmt Gottfrieds Stil bewusst nach. Damit setzt schon im 13. Jahrhundert eine Wirkung ein, die den Text zur klassischen Form des Tristan-Stoffes im deutschen Sprachraum macht. In dieser Linie steht weit später auch Richard Wagners Musikdrama Tristan und Isolde. Es greift den Stoff im 19. Jahrhundert neu auf und verschafft ihm eine weltweite Bühnenwirkung.

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