1825
Tristan
Überblick↑
Das Gedicht Tristan von August von Platen-Hallermünde entstand 1825 und gilt als ein Lied der Spätromantik. Es lehnt sich an die mittelalterliche Erzählung von Tristan und Isolde an und kreist um eine Liebe, die alle Grenzen überschreitet, sowie um die Sehnsucht nach dem Liebestod. Platen fasst dieses Thema in eine streng gebaute, dreistrophige Form. So verbindet sich ein altes Stoffmotiv mit einer kunstvollen, durchgeformten Sprache.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt des Liedes steht die Gestalt Tristans und ein Gefühl, das sich nicht mehr eindämmen lässt: Wer einmal von der Schönheit ergriffen wurde, so der Grundgedanke, ist der gewöhnlichen Welt entzogen. Das Gedicht spricht von einem Menschen, den der „Pfeil des Schönen“ getroffen hat und der daran nicht heilen kann.
Anklänge an die antike Mythologie durchziehen die Verse. Zu ahnen sind die Figuren des sich selbst betrachtenden Narziss und der verstummenden Echo, die ihr Sehnen nicht stillen kann. Über allem liegt eine Stimmung aus Harmonie und Melancholie, ein leises Kreisen um Liebe, Schönheit und Vergänglichkeit, das sich langsam auf einen Punkt zubewegt.
Die Handlung im Detail↑
Das Lied entfaltet keine erzählte Geschichte im gewöhnlichen Sinn, sondern einen inneren Vorgang. Eine Stimme spricht über Tristan und über das Schicksal dessen, der von der Schönheit berührt worden ist. Wer den „Pfeil des Schönen“ empfangen hat, gehört der Welt der Vernunft, der Ordnung und des gewöhnlichen Lebens nicht mehr an. Die Liebe wird hier zur Kraft, die das Individuum aus allen Bindungen löst und in eine Sehnsucht nach dem Tod hineinzieht.
Deutlich klingt der antike Mythos von Narziss und Echo an, einer der bevorzugten Stoffe Platens. Tristan erscheint als eine Art Narziss, der nur sich selbst zu lieben vermag und daran zugrunde geht, während Echo dahinsiechen muss, weil ihre Liebe unerwidert bleibt. In einem einzigen Wort lässt Platen das „Versiegen“ einer Quelle und das „Hinsiechen“ des Lebens ineinanderfließen: im „Versiechen“. Damit wird das Ende, der Liebestod, sprachlich vorweggenommen.
Wer in dem Gedicht spricht, bleibt bewusst offen. Man kann in der Stimme Tristan selbst hören, den Dichter Platen oder ein allgemeines lyrisches Ich. Jürgen Link nimmt an, dass hier nicht Tristan selbst redet, sondern eine andere Figur über ihn, weil Tristan sich sonst mit einem „Ich“ hätte einbringen müssen. Zugleich spricht dagegen, dass im geplanten Drama wohl Tristan diesen Monolog halten sollte. Link ordnet die Stimme sowohl einer erdachten Figur als auch dem wirklichen Platen zu und liest darin den Ausdruck eines „realen und seelischen Gefängnisses“, in dem sich der Dichter befand.
Peter Wapnewski deutet die „Schönheit des Mannes“ als Anspielung auf Platens Homosexualität, die damals streng tabuisiert war. Der Dichter stand dadurch an einem seelischen Wendepunkt. So verschränken sich in dem Gedicht der überlieferte Stoff, der antike Mythos und die eigene Lebenslage Platens zu einem einzigen Bild der aussichtslosen, todgeweihten Sehnsucht.
Stil↑
Kunstvoll gebaut ist das Lied wie ein Triptychon: Die erste und die dritte Strophe umschließen die zweite, was zum Thema der Liebe und der Umarmung passt. Möglicherweise wollte Platen diese Ordnung nicht zerstören und veröffentlichte deshalb eine ursprünglich vorgesehene vierte Strophe nicht. In der endgültigen Fassung stehen drei Strophen.
Auch das Reimschema ist streng symmetrisch angelegt. Innerhalb jeder Strophe wird die Form der Umarmung durch Kreuzreime festgehalten: Die ersten, dritten und fünften Zeilen umfassen die zweiten und vierten, und diese wiederum die dritte. Eine weitere Umarmung entsteht dadurch, dass der erste und der letzte Vers jeder Strophe gleich lauten. Schließlich greift die vorletzte Zeile der dritten Strophe noch einmal den Eingangsvers auf.
Ebenso streng hält Platen das Metrum durch: einen fünffüßigen Trochäus mit weiblicher Kadenz. Durch diese durchgängige Regelmäßigkeit der Form schafft er eine Stimmung von Harmonie und Melancholie, in der Klang und Inhalt sich decken.
Rezeption↑
Als ein kennzeichnendes Beispiel der spätromantischen Dichtung lässt sich das Lied lesen, mit ihrer Sehnsucht nach Tod und Entgrenzung, die sich in Tristans Verlangen nach dem Liebestod ausspricht. Thomas Mann sah in dem Gedicht die „Ur- und Grundformel“ einer „Seelenwelt“, „in welcher der Lebensbefehl, die Gesetze des Lebens, Vernunft und Sittlichkeit nichts gelten, eine Welt trunken hoffnungsloser Libertinage, die zugleich eine Welt der stolzesten Form und der Todesstrenge" sei.
Nicht ohne Widerspruch blieb Platens Kunst der strengen Form. So richtete sich die Kritik Heinrich Heines gegen Platens Werk. In der Forschung wurde das Lied vor allem von Jürgen Link und Peter Wapnewski eingehend gedeutet, wobei die Frage nach der sprechenden Stimme und der Bezug zur antiken Mythologie im Vordergrund standen.
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