Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Trilce
Eingang · Werke · Trilce
Cover Trilce
Trilce
1922
– Werkseintrag –

Trilce

1922 · Lyrik

77 titellose Gedichte, in denen ein peruanischer Dichter die spanische Sprache neu erfindet, um Trauer, Kindheit und Gefängniserfahrung in Worte zu fassen, die es vorher nicht gab.

Überblick

Der Gedichtband Trilce erschien 1922 in Lima und gilt als eines der bekanntesten Werke des peruanischen Dichters César Vallejo. Wegen seiner kühnen Wortschöpfungen und seines gewagten Satzbaus zählt er zu den bedeutenden Werken der modernen Lyrik und wird als ein Höhepunkt der poetischen Avantgarde in spanischer Sprache angesehen. Der Band besteht aus 77 titellosen Gedichten und bricht mit fast allem, was die Dichtung bis dahin an Regeln kannte. Aus einer Zeit tiefer persönlicher Krisen entstanden, verbindet er sprachliches Experiment mit dem Ausdruck von Schmerz, Einsamkeit und der Erinnerung an Kindheit und Elternhaus.

Inhalt (ohne Spoiler)

Das Buch versammelt 77 Gedichte, die keine Titel tragen und lediglich mit römischen Ziffern durchnummeriert sind. Jedes Gedicht steht für sich und bildet eine eigene, in sich geschlossene Einheit. Damit unterscheidet sich der Band deutlich von Vallejos vorangegangenem Werk Los heraldos negros, dessen Gedichte noch eigene Überschriften trugen und thematisch zu Gruppen zusammengefasst waren.

Was den Leser erwartet, ist keine Erzählung, sondern eine dichte Folge sprachlicher Bilder. Vallejo löst sich von Versmaß und Reim, vom gewohnten Satzbau und von der scheinbaren Logik der Sprache. Er greift auf alte Wörter zurück und erfindet zugleich neue. Wissenschaftliche Begriffe stehen neben Ausdrücken des Alltags. Unter dieser oft rätselhaften Oberfläche liegt eine sehr menschliche Empfindung: die Erinnerung an die Mutter und das Zuhause, das Gefühl von Armut, Gefangenschaft und Verlassenheit, aber auch eine tiefe Verbundenheit mit den Leidenden.

Die Handlung im Detail

Die Gedichte des Bandes entstanden in einer besonders schweren Zeit für den Dichter. Vallejo begann 1918 mit der Arbeit, schrieb den Großteil 1919 und fügte die letzten beiden Gedichte 1922 hinzu. In diese Jahre fielen mehrere einschneidende Erfahrungen: der Tod seiner Mutter im August 1918, eine gescheiterte Liebe, die 1919 von einem Skandal begleitet war, und der Tod seines Freundes, des Schriftstellers Abraham Valdelomar, im November 1919. Hinzu kamen das Gefühl, in Lima nicht angenommen zu werden, der Verlust seiner Stelle als Lehrer und schließlich eine Haft von 112 Tagen im Gefängnis von Trujillo zwischen 1920 und 1921, wo er zu Unrecht als Aufwiegler und Brandstifter beschuldigt wurde. Aus diesem tiefen Gefühl der Ausgrenzung speist sich die Stimmung des Buches.

Anders als eine Geschichte lässt sich der Band nicht nacherzählen. Die 77 Gedichte sind einzeln zu lesen, jedes als eigenständiges Ganzes. Jorge Basadre beschrieb, was sich unter der schwer zugänglichen sprachlichen Oberfläche verberge: eine lebendige menschliche Empfindung, aufgewühlte Erinnerungen und Bilder aus dem Unterbewussten, die Spuren großer Fehlschläge, Erfahrungen von Armut, Gefängnis und Einsamkeit. Es sei ein Leben ohne Sinn, in dem Schmerz und Angst überwiegen und die Menschen in eine traurige Verlassenheit stürzen. Dagegen stünden die süße Erinnerung an Kindheit und Elternhaus, die die Zeit geraubt hat, und eine grundlegende Solidarität mit denen, die leiden und unterdrückt werden. Viele Gedichte, so Basadre, seien selbst erlebt, dienten aber vor allem als Anlass, in die tiefsten Schichten des eigenen Wesens hinabzusteigen.

Auch der Titel hat eine eigene Geschichte. Nach dem Biografen Juan Espejo Asturrizaga wollte Vallejo das Buch zunächst Cráneos de bronce (Schädel aus Bronze) nennen und es mit dem Decknamen „César Perú" unterzeichnen. Freunde brachten ihn unter Spott und Kritik dazu, das zu ändern. Da die ersten drei Seiten aber schon gedruckt waren, verlangte der Drucker für den Austausch der Blätter dreißig Soles mehr, was den mittellosen Dichter bedrückte. Über die Bedeutung des Wortes „Trilce" gibt es mehrere Deutungen. Es könnte von „tres", der spanischen Zahl drei, abgeleitet sein. Vallejo selbst erklärte 1931 in einem Interview mit dem spanischen Journalisten César González Ruano, das Wort bedeute gar nichts: Er habe keinen würdigen Titel gefunden und ihn kurzerhand erfunden, allein seines schönen Klangs wegen. Seine Frau Georgette Vallejo bestätigte diese musikalische Deutung. Andere Forscher sahen darin eine Verschmelzung der Wörter „triste" (traurig) und „dulce" (süß). Eine weitere Vermutung nennt es den Namen einer Blume aus Santiago de Chuco, dem Geburtsort des Dichters. Eine restlos befriedigende Erklärung gibt es bis heute nicht.

Stil

Als eines der radikalsten Bücher der spanischsprachigen Dichtung erschien Trilce genau in dem Moment, als die Avantgarde nach den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs weltweit einen Bruch mit den überlieferten Formen forderte. Zwar finden sich Spuren zeitgenössischer Strömungen wie des Ultraísmo, doch geht das Werk einen eigenen Weg: den Versuch, die Sprache auf das Unentbehrliche zu verdichten und zu einem wesentlichen Kern vorzudringen.

Kennzeichnend ist ein heftiger Bruch mit jeder literarischen Nachahmung. Vallejo befreit sich von den Regeln des Versmaßes und des Reims, vom gewohnten Satzbau und von der scheinbaren Logik. Er verwendet alte Wörter, die seine gründliche Kenntnis der Klassiker zeigen, und erfindet zugleich neue. Wissenschaftliche Fachbegriffe stehen neben volkstümlichen Wendungen des Alltags. Bei diesem Bemühen um eine ganz neue dichterische Sprache gerät er oft ins Rätselhafte, sodass sich viele Gedichte erst durch geduldige Deutung erschließen. Manches, was er hier erprobte, sollten später die Surrealisten aufgreifen.

Diese sprachliche Kühnheit rückt Vallejo in eine besondere Reihe. Nur zwei weitere Erneuerer trieben das sprachliche Experiment ähnlich weit ins Unzugängliche: in der Lyrik der Chilene Vicente Huidobro mit Altazor von 1931 und in der Erzählkunst der Ire James Joyce mit Finnegans Wake von 1939. Mit Trilce aus dem Jahr 1922 kommt Vallejo dabei die Rolle des Vorläufers zu. Der Dichter Mario Montalbetti nannte das Buch so experimentell, dass bis heute niemand recht wisse, wovon es handle. Es sei eine Art schwarzes Loch der Dichtung, das dem heutigen Verständnis noch immer voraus sei.

Rezeption

Bei seinem Erscheinen blieb das Buch fast unbeachtet, wenn es nicht sogar auf Unverständnis und Ablehnung stieß. Der erste Druck entstand in den Werkstätten des Gefängnisses von Lima in einer kleinen Auflage von 200 Exemplaren und umfasste 121 Textseiten sowie ein Vorwort des befreundeten Antenor Orrego. Vallejo finanzierte die Ausgabe aus dem Preisgeld eines Literaturwettbewerbs. Ab Oktober 1922 gelangte der Band in den Verkauf, doch die zeitgenössischen Stimmen, etwa die von Luis Alberto Sánchez, waren eher von Ratlosigkeit als von Zustimmung geprägt.

So geriet das Werk für einige Jahre in Vergessenheit. Erst 1930 erschien es in Spanien, mit einem Vorwort von José Bergamín und einem Begrüßungsgedicht von Gerardo Diego. Diese Ausgabe leitete die Neubewertung in der spanischsprachigen Literatur ein. Von da an wuchs das Ansehen des Bandes stetig.

Die Wirkung reicht bis in spätere Jahrzehnte. Der chilenische Dichter Omar Lara gründete 1964 in Valdivia eine Dichtergruppe und eine Zeitschrift, die er zu Ehren von Vallejos Werk „Trilce" nannte. Nach dem Militärputsch von 1973 musste sie ihr Erscheinen in Chile einstellen, wurde von Lara im Exil fortgeführt und 1997 wieder regelmäßig herausgegeben. Bis heute gilt der Band als ein Werk, das seine Leser vor immer neue Rätsel stellt.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten