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Werkseintrag · Spanien, nimm diesen Kelch von mir
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Spanien, nimm diesen Kelch von mir
1939
– Werkseintrag –

Spanien, nimm diesen Kelch von mir

1939 · Lyrik

Ende 1937 verwandelte ein peruanischer Dichter den Bürgerkrieg im fernen Spanien in einen erschütternden Gesang über das Leiden eines ganzen Volkes und die Brüderlichkeit seiner Kämpfer.

Überblick↑

Der Gedichtband Spanien, nimm diesen Kelch von mir versammelt fünfzehn Gedichte des peruanischen Dichters César Vallejo. Er schrieb sie in den letzten Monaten des Jahres 1937 unter dem Eindruck des Spanischen Bürgerkriegs, der die Iberische Halbinsel seit 1936 zerriss. Veröffentlicht wurde das Werk erst 1939, nach Vallejos Tod. Es gehört zu seiner letzten Schaffensphase und entstand zur selben Zeit wie jene Gedichte, die später unter dem Titel Poemas humanos erschienen. Der Dichter wollte es jedoch als eigenen Band verstanden wissen, dessen Einheit ganz aus seinem Thema erwächst. Dem Stil nach wird es dem sozialistischen Realismus zugerechnet.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

In fünfzehn Gedichten wendet sich Vallejo dem Krieg zu, der Spanien seit 1936 verwüstet. Er besingt nicht die Schlachten selbst, sondern die Menschen: die Freiwilligen der Republik, die an die Front ziehen, die einfachen Kämpfer, die Bettler, die für ihr Land aufstehen, und die Toten, die auf den Feldern zurückbleiben. Ortsnamen wie Bilbao, Teruel und Durango rufen die Stationen des Krieges auf. Immer wieder verbindet der Dichter das Grauen des Bruderkriegs mit dem Bild des leidenden Christus und mit der Hoffnung, dass aus so viel Tod etwas Neues erstehen könnte. Was der letzte, titelgebende Gesang daraus macht, bleibt der Lektüre vorbehalten.

Die Handlung im Detail↑

Der Band öffnet mit der „Hymne an die Freiwilligen der Republik“ und stellt damit gleich jene Männer in den Mittelpunkt, die für die spanische Republik in den Kampf ziehen. Es folgen Gedichte über die Schlachten, über die Bettler, die für Spanien kämpfen, über das „spanische Bild des Todes“ und über den Trauerzug nach der Einnahme von Bilbao. Weitere Gedichte gelten einem gefallenen Helden der Republik, dem Winter in der Schlacht von Teruel und den Trümmern der zerstörten Stadt Durango.

Immer wieder deutet Vallejo den Krieg im Licht des Evangeliums. Der Titel des Bandes spielt auf jene Szene an, in der Christus im Angesicht des Leidens seinen Vater bittet, den Kelch von ihm zu nehmen, sich dann aber aus Liebe zu den Menschen opfert. Den einfachen Milizsoldaten, der an die Front zieht, um zu leiden und zu sterben, sieht der Dichter als solch einen leidenden Christus – ein Opfer, das für ihn ins Kosmische wächst.

In einem der bekanntesten Gedichte der Sammlung, „Masse“, ruft der Dichter das Mitleid und die Barmherzigkeit aller Menschen an, um den Tod zu besiegen. Die universelle Liebe, so seine Hoffnung, werde das Wunder vollbringen. Wie in der biblischen Erzählung erwartet Vallejo, dass aus dem Sterben eine Auferstehung hervorgeht – dass sein zerrissenes Spanien in neuem Licht und mit neuer Kraft wiedergeboren werde.

Das vorletzte Gedicht warnt mit dem Ausruf „Hüte dich, Spanien, vor deinem eigenen Spanien!“ vor der Selbstzerfleischung des Landes. Der letzte, titelgebende Gesang wendet sich schließlich an die „Kinder der Welt“. In diesem Aufruf glaubte man später die Vorahnung des Dichters zu erkennen, wie der Krieg ausgehen werde. Vallejo starb am 15. April 1938, während Francos Truppen zum Mittelmeer vorstießen und das republikanische Spanien in zwei Teile schnitten. Den Ausgang des Krieges, der sich hier bereits ankündigte, erlebte er nicht mehr.

Stil↑

Der Band singt kein Loblied auf Schlachten oder heldenhafte Waffentaten. Vallejo rühmt keine glänzenden Krieger, sondern schaut wie gebannt auf das Martyrium eines ganzen Volkes und auf den entsetzlichen Bruderkrieg. Sein Ton ist der einer erschütterten, fast fiebrigen Betrachtung.

Prägend ist die religiöse Bildsprache. Der Titel greift ein Wort aus dem Evangelium auf: Christus bittet im Angesicht des Leidens seinen Vater, den Kelch von ihm zu nehmen, opfert sich dann aber aus Liebe zu den Menschen. Vallejo überträgt dieses Bild auf den Milizsoldaten der Republik und hebt dessen Opfer in eine kosmische, überzeitliche Dimension. Kelch, Kreuz und Auferstehung durchziehen die Gedichte und verknüpfen das politische Geschehen mit der Hoffnung auf Erlösung. So wird der Aufruf zur Brüderlichkeit und zur „universellen Liebe“ zum Kern des Bandes.

Rezeption↑

Als erstes von Vallejos Werken erschien der Band nach dem Tod des Dichters – und seine Druckgeschichte ist selbst ein Stück Kriegsgeschichte. Gedruckt wurde er von republikanischen Soldaten des Heeres des Ostens in der Druckerei der Abtei von Montserrat, auf schlechtem, unregelmäßigem Papier, wie es der Mangel der Kriegsjahre hergab. Man druckte die Auflage zwar, band und verteilte sie aber nicht mehr. Bei der Einnahme des Klosters galt sie als vernichtet. Erst nach dem Bürgerkrieg fand sich ein Exemplar in der Bibliothek von Montserrat wieder. Betreut wurde diese Erstausgabe von Manuel Altolaguirre. Derselbe Verlag hatte ein Jahr zuvor auch Pablo Nerudas España en el corazón herausgebracht.

Später wurde das Werk in die Pariser Ausgabe von Vallejos gesamter nachgelassener Dichtung aufgenommen, die 1939 unter dem Titel Poemas humanos erschien. Sie wurde von der Witwe des Dichters, Georgette Vallejo, und dem Historiker Raúl Porras Barrenechea betreut; das Nachwort stammte von Luis Alberto Sánchez und Jean Cassou. In Mexiko besorgte Juan Larrea 1940 eine eigenständige Ausgabe mit dem Untertitel „Prophezeiung Amerikas“. Sie enthielt das berühmt gewordene Bildnis Vallejos, das Pablo Picasso gezeichnet hatte. Der Band wurde später mehrfach neu herausgegeben, unter anderem als Faksimile jenes in Montserrat bewahrten Exemplars.

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