Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · August von Platen-Hallermünde
Eingang · Autoren · August von Platen-Hallermünde
Porträt August von Platen-Hallermünde
August von Platen-Hallermünde
1796 – 1835
– Autorenporträt –

August von Platen-Hallermünde

1796 – 1835 · 39 Jahre

Streng geformter Lyriker zwischen Ansbach und Syrakus, der das persische Ghasel in die deutsche Dichtung holte und durch die Fehde mit Heinrich Heine berühmt-berüchtigt wurde.

Kurzporträt

August Graf von Platen-Hallermünde wurde 1796 in Ansbach geboren und starb 1835 in Syrakus. Er gehört zu den eigenwilligsten deutschen Lyrikern des 19. Jahrhunderts. Sein Rang gründet sich vor allem auf eine streng durchgeformte Gedichtkunst. Diese nahm östliche Formen wie das Ghasel ebenso auf wie das italienische Sonett. Zeit seines Lebens stand er zwischen militärischer Herkunft, gelehrtem Ehrgeiz und einer Homosexualität, die ihn zur literarischen Zielscheibe Heinrich Heines machte. Den größten Teil seiner späten Jahre verbrachte er in Italien, das ihm zur Wahlheimat wurde.


Biografie

Karl August Georg Maximilian Graf von Platen-Hallermünde wurde am 24. Oktober 1796 in Ansbach geboren. Laut der Neuen Deutschen Biographie stammte er aus verarmtem Adel. Sein Vater August Philipp war ansbach-bayreuthischer Oberforstmeister, seine Mutter eine Freiin Eichler von Auritz. Den größten Teil seiner Kindheit verbrachte er in Ansbach. Vorübergehend lebte die Familie etwa ein Jahr lang in Schwabach. Mit knapp zehn Jahren wurde er 1806 in das Münchener Kadettenhaus aufgenommen. Im September 1810 wechselte er in die Pagerie, das Erziehungsinstitut für Edelknaben. Dort galt sein besonderes Interesse den Fremdsprachen und der Geschichte, und er schrieb erste Verse.

Trotz literarischer Neigungen entschied er sich zunächst für die Militärlaufbahn. 1813 meldete er sich zum Dienst. 1814 wurde er Leutnant im Leib-Regiment des bayerischen Königs Maximilian I. Joseph, im Frühjahr 1814 Unterleutnant im 1. Infanterieregiment „König" in München. 1815 nahm er am letzten Frankreichfeldzug gegen Napoleon teil, ohne in Kampfhandlungen verstrickt zu werden. In diese Jahre fiel das Bewusstwerden seiner Homosexualität, die für sein späteres Werk große Bedeutung haben sollte. Zugleich äußerte er zeitweilig Gefühle für die Tochter einer französischen Emigrantin. Seit 1814 begleiteten ihn Suizidgedanken, zeitweise dachte er an eine Auswanderung nach Amerika.

Im Frühjahr 1818 erhielt er ein königliches Stipendium und wurde für drei Jahre vom Militärdienst beurlaubt. So sollte er in Würzburg Rechtswissenschaften studieren, eine Ausbildung, die ihn für den diplomatischen Dienst qualifizieren sollte. Er wohnte in der heutigen Domstraße 36 im „Haus Zum güldenen Hirschen". Neben Jura befasste er sich mit Philosophie, Zoologie und Botanik. Laut der Deutschen Biographie verließ er Würzburg im Herbst 1819 fluchtartig, weil seine homoerotischen Neigungen publik zu werden drohten. Eine unerwiderte Leidenschaft galt dem Kommilitonen Eduard Schmidtlein, den er in Gedichten „Adrast" nannte.

Im Oktober 1819 wechselte er an die Universität Erlangen. Er gab das bisherige Studienfach auf und widmete sich der Poesie. Im Wintersemester 1819/20 trat er der Erlanger Burschenschaft bei. Die sieben Erlanger Jahre gelten als seine dichterisch fruchtbarste Zeit. Er wandte sich der persischen Sprache und Literatur zu und veröffentlichte 1821 die Ghaselen und 1823 die Neuen Ghaselen. Prägend war die Begegnung mit dem in Erlangen lehrenden Philosophen Schelling. Freundschaftliche Beziehungen entwickelten sich zu Friedrich Rückert, Jean Paul und Justus von Liebig. Verehrte Dichter suchte er persönlich auf: Goethe in Weimar, August Wilhelm Schlegel in Bonn, Ludwig Uhland in Stuttgart. Jean Paul besuchte er erstmals am 28. Januar 1820 in Bayreuth und notierte einen „reichen Austausch von Ideen, besonders über alles, was Poesie betrifft". Im Herbst 1824 reiste er erstmals nach Venedig. Dort entstanden ein Jahr später die Sonette aus Venedig. 1825 schrieb er sein bekanntestes Gedicht Tristan. Im selben Jahr erhielt er wegen einer Urlaubsüberschreitung in Nürnberg militärischen Arrest.

Im Sommer 1826 erlaubte ihm die Militärbehörde einen zweijährigen Studienaufenthalt in Italien. 1827 fühlte er sich durch spöttische Verse Karl Immermanns provoziert, die Heinrich Heine veröffentlichte. Daraufhin attackierte er Heine wegen dessen jüdischer Herkunft, besonders in der Komödie Der romantische Ödipus (1829). Heine machte daraufhin Platens Homosexualität im dritten Teil seiner Reisebilder (Die Bäder von Lucca) öffentlich. Die Platen-Affäre wurde zur lebenslangen Feindschaft. Platen kehrte nicht mehr dauerhaft heim und wechselte zwischen Rom und Neapel. In Rom lernte er Thorvaldsen und Leopold von Ranke kennen, in Florenz den Kunsthistoriker Carl von Rumohr, in Neapel Giacomo Leopardi. In Syrakus verband ihn ein enges Verhältnis mit dem evangelischen Theologen Gustav Gündel. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit bescheidenen Honoraren, der halbierten Leutnantsgage und einer königlichen Sinekure. Diese bezog er ab September 1828 als außerordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, vermittelt durch Schelling. Neben historischen Studien (Geschichten des Königreichs Neapel 1414 bis 1443) entstanden Gedichte in antiken Metren. Ende 1830 folgte das Versepos Die Abassiden, später die Polenlieder zur Solidarität mit der polnischen Freiheitsbewegung.

1835 floh er vor der Cholera von Neapel über Palermo nach Syrakus. Dort wollte er den Winter verbringen und Geschichtsstudien betreiben. Er war alkoholkrank und erlitt eine Kolik, die er für ein Cholerasymptom hielt. Am 5. Dezember 1835 starb er, neununddreißig Jahre alt. Wikipedia nennt eine möglicherweise übermäßige Medikamenteneinnahme. Die Deutsche Biographie führt den plötzlichen Tod vermutlich auf eine typhoide Erkrankung zurück. Marchese Mario Landolina, sein Gastfreund in Syrakus, ließ ihn im Garten seiner Villa begraben, weil es auf Sizilien keinen protestantischen Friedhof gab.


Literarische Merkmale

Platens literarischer Rang gründet sich, wie Gunnar Och in der Neuen Deutschen Biographie schreibt, auf seine Lyrik. Deren Charakter trifft die von J. Link geprägte Formel „Sinngebung durch artistische Form". Im Mittelpunkt steht die strenge, kunstvolle Gestalt: das Gedicht als sorgsam gebautes Werk, in dem erst die Form dem Empfinden Sinn verleiht.

Neben Liedern wie Tristan und Balladen wie Das Grab im Busento oder Der Pilgrim vor St. Just sind vor allem die Ghaselen zu nennen. Diese persische Gedichtform hat Platen gemeinsam mit Friedrich Rückert für die deutsche Literatur gewonnen. In Erlangen vertiefte er sich in die persische Sprache und Literatur und veröffentlichte 1821 die Ghaselen und 1823 die Neuen Ghaselen. Sein Venedig-Aufenthalt 1824 brachte die Sonette aus Venedig hervor. In Italien entstanden zudem Gedichte in antiken Metren, das Versepos Die Abassiden und die politische Lyrik der Polenlieder.

Sein bekanntestes Gedicht Tristan kreist um das Erleben der Schönheit, die Nähe des Todes und den ewigen „Schmerz der Liebe". Diese Motive durchziehen das gesamte Werk. Die Versepen und die schon zu Lebzeiten kaum aufgeführten Dramen sind dagegen weitgehend vergessen. Eigene Bedeutung haben seine umfangreichen Tagebücher behalten. Sie erweisen sich über weite Strecken als Journal intime und können ein kultur- und mentalitätsgeschichtliches Interesse beanspruchen.


Rezeption

Die Urteile über Platens Werk gehen weit auseinander. Schon die ersten Gedichtbände, die Ghaselen von 1821 und die Neuen Ghaselen von 1823, wurden laut der Deutschen Biographie von der Kritik mit Wohlwollen aufgenommen. Goethe, den Eckermann zitiert, hatte sich anfangs zustimmend über die Ghaselen geäußert. Kritiker warfen Platen jedoch wiederholt Kälte und seelenlose Künstlichkeit vor. Bewunderer wie der junge Theodor Fontane oder Paul Heyse erachteten gerade die „Zucht der strengen Form" als vorbildlich.

Besondere Wirkung entfalteten die Sonette aus Venedig. Sie beeinflussten die Venedig-Dichtung bis hin zu Rainer Maria Rilke und Thomas Mann. Die intensive Platen-Rezeption Thomas Manns hat in dessen Erzählprosa Spuren hinterlassen. Sie zeigt sich außerdem in einem einfühlsamen Essay, der Platens widersprüchliche Existenz mit den Leitmetaphern Tristan und Don Quixotte zu erfassen sucht.

Überschattet wurde die Wahrnehmung des Werks lange durch die literarische Fehde mit Heinrich Heine. Platen richtete judenfeindliche Invektiven im Romantischen Ödipus (1829) gegen Heine, und Heine stellte Platen in Die Bäder von Lucca spöttisch als homosexuellen Autor bloß. So wurden beide Seiten zu Stichwortgebern einer Affäre, die bis heute mit dem Namen Platens verbunden ist. Innerhalb der wissenschaftlichen Würdigung wurde sein Rang im 20. Jahrhundert vor allem über die Lyrik und die Tagebücher gefestigt. Och stuft diese in der Neuen Deutschen Biographie als kultur- und mentalitätsgeschichtlich bedeutsam ein, während die Dramen und Versepen in den Hintergrund traten.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (27 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten