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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Sylvia Plath
Sylvia Plath
1932 – 1963
– Autorenporträt –

Sylvia Plath

1932 – 1963 · 30 Jahre

Amerikanische Dichterin der Bekenntnislyrik, deren Gedichtband „Ariel“ und Roman „Die Glasglocke“ erst nach ihrem frühen Tod 1963 weltberühmt wurden.

Kurzbiografie↑

Sylvia Plath gehört zu den bekanntesten amerikanischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Geboren 1932 bei Boston, starb sie 1963 mit dreißig Jahren in London durch eigene Hand. Als ihr Hauptwerk gelten die Gedichte, vor allem der nach ihrem Tod erschienene Band Ariel, sowie ihr einziger Roman Die Glasglocke. Ihre Verse werden meist der Bekenntnislyrik zugerechnet: Plath verwandelte eigene Erfahrungen in Literatur, darunter einen Suizidversuch und die Ehe mit dem Dichter Ted Hughes. Zu Lebzeiten veröffentlichte sie einiges, der große Erfolg kam jedoch erst nach ihrem Tod, in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren. Bald galt das öffentliche Interesse ebenso ihrem Leben wie ihrem Werk; sie wurde zur Symbolfigur der Frauenbewegung stilisiert.


Biografie↑

Aufgewachsen ist Sylvia Plath in Jamaica Plain bei Boston, wo sie am 27. Oktober 1932 zur Welt kam. Ihr Vater Otto Emil Plath (1885–1940) war ein deutschstämmiger Biologieprofessor, ihre Mutter Aurelia Schober Plath (1906–1991) Lehrerin und stammte aus einer österreichischen Einwandererfamilie. 1935 wurde ihr Bruder Warren Joseph geboren.

Sylvia war acht Jahre alt, als der Vater starb. Kurz nach seinem Tod begann sie zu schreiben. 1945 erschien ein erstes Gedicht von ihr in der Schülerzeitung The Phillipian. Innerhalb weniger Jahre entstanden mehr als vierhundert Gedichte.

1950 nahm Plath ein Studium am Smith College in Northampton, Massachusetts, auf. Möglich machte es ein Begabtenstipendium, das ihr die Romanautorin Olive Higgins Prouty gestiftet hatte; aus der Förderin wurde später eine Freundin. Am College besuchte sie ein Seminar für kreatives Schreiben bei Alfred Kazin. 1952 gewann sie mit der Kurzgeschichte Sonntag bei den Mintons den Schreibwettbewerb der Zeitschrift Mademoiselle. Im Juni 1953 wählte die Redaktion sie zusammen mit neunzehn weiteren Studentinnen aus, an der August-Ausgabe mitzuarbeiten. Plath verbrachte diesen Monat in New York.

Nach der Rückkehr litt sie unter schweren Depressionen. Die Behandlung mit Elektroschocks brachte keine Besserung. Am 24. August 1953 versuchte Plath, sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen. Sie überlebte und verbrachte die folgenden Monate in einer psychiatrischen Klinik. Die Ereignisse dieses Jahres bilden später den Stoff ihres halbautobiografischen Romans Die Glasglocke.

Bis zum Frühjahrssemester 1954 blieb sie in psychiatrischer Behandlung; Stimmungsschwankungen und Depressionen begleiteten sie weiter. Dennoch schloss sie ihr Studium im Sommer 1955 mit einer ausgezeichneten Examensarbeit über Dostojewskis Doppelgängerfiguren ab. Im Herbst 1955 ging sie mit einem Fulbright-Stipendium an das Newnham College der Universität Cambridge. Von England aus unternahm sie mehrere Reisen durch Europa.

In Cambridge lernte Plath 1956 den Schriftsteller Ted Hughes kennen. Am 16. Juni 1956, nur wenige Monate später, heirateten die beiden. Von Juni 1957 bis Oktober 1959 lebte und arbeitete das Paar in den USA, wo Plath am Smith College als Dozentin tätig war. Ab Dezember 1958 begab sie sich für etwa ein halbes Jahr erneut in psychotherapeutische Behandlung. Sie wollte den Ursachen ihrer depressiven Stimmungsschwankungen, ihrer Schlaflosigkeit und ihrer zeitweiligen Schreibblockaden nachgehen. 1959 besuchte sie ein Lyrikseminar von Robert Lowell und begegnete dort Anne Sexton.

Nach der Rückkehr nach London brachte Plath 1960 ihre Tochter Frieda Rebecca zur Welt. Im Oktober desselben Jahres erschien beim Londoner Heinemann Verlag ihre Gedichtsammlung The Colossus And Other Poems. Bald darauf zog das Paar in ein Landhaus in Devon im Südwesten Englands. Nach einer Fehlgeburt im Februar 1961 wurde am 17. Januar 1962 ihr Sohn Nicholas geboren. Im Mai 1962 kam The Colossus And Other Poems auch in den USA heraus. Im Oktober 1962 trennten sich Plath und Hughes.

Am 14. Januar 1963 erschien Die Glasglocke unter dem Pseudonym „Victoria Lucas“. Vier Wochen später, am 11. Februar 1963, nahm Plath sich in London das Leben. Sie schluckte erneut Schlafmittel, dichtete die Küche mit Handtüchern ab, drehte den Gashahn des Herdes auf und legte den Kopf in den Backofen. Man fand einige Abschiedsbriefe und ein Blatt mit der Telefonnummer ihres Arztes samt der Bitte, ihn anzurufen. Ihre Kinder schliefen im oberen Stockwerk. Mehrere Freunde des Paares, darunter Al Alvarez und Lucas Myers, und auch Ted Hughes selbst hielten den Suizid für einen Hilferuf: Sie hätten vermutet, Plath habe darauf gehofft, rechtzeitig gefunden zu werden.

Beigesetzt wurde sie als Sylvia Plath Hughes in Heptonstall in West Yorkshire, nahe dem Geburtsort ihres Mannes. Die meisten ihrer Werke erschienen erst nach ihrem Tod. Ted Hughes veröffentlichte 1965 ihr lyrisches Spätwerk aus den Jahren 1962 und 1963 unter dem Titel Ariel. 1982 erschien ihr gesamtes lyrisches Werk als The Collected Poems und wurde nachträglich mit dem Pulitzer-Preis für Poesie ausgezeichnet.


Literarische Merkmale↑

Bekenntnislyrik nennt man die Form der Dichtung, in der ein Autor Einzelheiten des eigenen Lebens in Literatur verwandelt; ihr werden Plaths Gedichte meist zugerechnet. Sie selbst sagte im Oktober 1962 in einem Radiointerview der BBC: „Meine Gedichte entstehen unmittelbar aus den sinnlichen und emotionalen Erfahrungen, die ich mache.“ Zugleich wehrte sie sich gegen bloße Selbstbespiegelung und forderte, „Erfahrungen zu beherrschen und […] aus einem aufgeklärten und intelligenten Bewußtsein heraus zu bearbeiten.“ Spätere Untersuchungen setzten der rein autobiografischen Lesart den Kunstcharakter ihrer Arbeiten entgegen. Mary Lynn Broe betonte, dass Plaths Gedichte stets von künstlerischer Kontrolle bestimmt seien und nicht einfach Krankheit und innerer Zerrissenheit entsprängen.

Die frühen Gedichte folgten noch einem übernommenen Formkanon und zeigten den Einfluss von Vorbildern wie W. H. Auden und W. B. Yeats. Ihre Sprache wirkte künstlich und altertümlich, oft bezog sie sich auf antike Mythen. Später löste sich Plath von diesem akademischen Korsett, auch wenn ihre Verse metrisch geprägt blieben. Für Ted Hughes hatte sie erst in Ariel die eigene Stimme gefunden. Drei große Themen beherrschen ihre Lyrik: die Natur, die Familie und besonders der frühe Tod des Vaters sowie die Auflösung und Erneuerung des eigenen Ich.

In den Naturgedichten staunt sie über die Wunder der Natur, etwa beim Anblick von Mohnblumen in Poppies in October. Die Natur wird zum Vorzeichen für den Menschen und zum Spiegel seines Seelenzustands, bleibt ihm aber fremd. Eine ganze Reihe von Gedichten kreist um den Vater, um seinen Verlust und um den Versuch, ihn in der Vorstellung wiederzubeleben. In The Colossus erschafft die Tochter ihn neu als riesige Statue, in der sie wohnt. In Daddy dagegen fordert sie den Vatermord; der Vater wandelt sich vom Beschützer zum Schergen der Nazis, und die Kindheit wird zum Holocaust überhöht. Andere Gedichte handeln von Selbstauflösung und Verwandlung: In Tulips verliert eine Kranke im weißen Krankenzimmer jede Bindung und Identität, in Lady Lazarus heißt es: „Sterben / Ist eine Kunst, wie alles andere auch. / Ich kann es besonders gut.“

Für ihre Prosa hatte Plath andere Absichten als für ihre Gedichte. In einem Brief an die Mutter vom März 1953 schrieb sie, sie passe beide Gattungen einem jeweils eigenen Markt an. Ihre Erzählstrukturen blieben deshalb vergleichsweise konventionell. Zugleich nutzte sie Spott und schwarzen Humor, um den amerikanischen Traum zu zerlegen. Laut Elisabeth Bronfen zeichnet sich Plaths Prosa dadurch aus, dass sie sich formal in den Konventionen einer Kultur bewegt, die sie inhaltlich in Frage stellt. Auch Die Glasglocke greift den amerikanischen Mythos mit schwarzem Humor an. Der Roman entstand im selben Zeitraum wie die Ariel-Gedichte und verwendet dieselben Symbole; wie sie ist er in Schichten gebaut, unter deren scheinbar heiler Oberfläche tiefer sitzende Verstörungen liegen.


Rezeption↑

Zu Lebzeiten veröffentlichte Plath nur einen kleinen Teil ihres Werks. Der literarische Erfolg setzte erst nach ihrem Tod ein, als die nachgelassenen Gedichte erschienen und der Roman in den USA herauskam. In der literaturwissenschaftlichen Diskussion erregte kein Gedichtband seit Dylan Thomas' Death and Entrances von 1946 ein ähnliches Aufsehen wie Ariel. In diesen Versen, innerhalb weniger Monate vor ihrem Tod entstanden, sah man die Unsicherheit einer Generation ausgesprochen, die sich der Vergangenheit nicht gewachsen fühlte; von einer „beängstigenden Intensität“ war die Rede. Ihre Faszination hat, wie Winter in seiner Analyse hervorhebt, viel mit Plaths frühem Suizid zu tun, ebenso der Kult, der sich um sie entwickelte. 1982 erhielt sie für The Collected Poems nachträglich den Pulitzer-Preis.

Weil Plath in England lebte, dort mit der literarischen Szene in Berührung kam und dort ihre aus Sicht der Kritik besten Gedichte schrieb, wird sie nicht nur für die amerikanische, sondern ebenso für die englische Literatur beansprucht. Ihr einziger Roman, den sie selbst gegenüber der Familie als bloße „Brotarbeit“ abtat und dem Kritiker Al Alvarez gegenüber als „autobiografische Lehrlingsarbeit“ bezeichnete, gilt heute als fester Bestandteil ihres Werks.

Umstritten blieb der Umgang der Erben mit dem Nachlass. Im Vorwort zur ersten Ausgabe der Tagebücher 1982 bekannte Ted Hughes, er habe den letzten Band vernichtet, weil er „nicht wollte, daß ihre Kinder das je lesen müßten“; ein weiterer Band sei verschwunden. Die Herausgeberin Frances McCullough räumte zusätzliche Auslassungen ein, teils aus Rücksicht auf noch lebende Beteiligte, teils aus Diskretion gegenüber Passagen über Plaths Erotik. Erst im Jahr 2000 erschienen die ungekürzten Tagebücher, herausgegeben von Karen K. Kukil. Schon 1975 hatte Aurelia Schober Plath die Briefe ihrer Tochter unter dem Titel Briefe nach Hause veröffentlicht. Damit wollte sie dem Bild entgegentreten, das Ariel und Die Glasglocke von der Familie gezeichnet hatten. Über ihr Werk hinaus wurden Plaths Leben und ihr früher Tod zum Gegenstand öffentlichen Interesses; sie wurde zur Symbolfigur der Frauenbewegung stilisiert und ihr Lebenslauf als Spiegel der Rolle der Frau in der Gesellschaft gelesen.

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