1899 – 1951
Andrei Platonowitsch Platonow
Kurzporträt↑
Andrei Platonowitsch Platonow, eigentlich Andrei Platonowitsch Klimentow, war ein bedeutender russischer Schriftsteller der sowjetischen Periode. Er wurde 1899 in Woronesch geboren und starb 1951 in Moskau. Seine Werke waren in der Sowjetunion verboten und konnten dort erst am Ende der Perestroika erscheinen. Seine Hauptwerke sind die Romane Tschewengur und Die Baugrube. Sie bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen utopischer Hoffnung und ihrem Scheitern in der Wirklichkeit. Anders als viele zeitgenössische russische Autoren verstand sich Platonow nicht als Gegner der neuen Ordnung. Als ausgeprägter Vertreter der russischen Moderne wird er oft mit Autoren wie Robert Musil, Franz Kafka oder James Joyce verglichen.
Biografie↑
Als ältester Sohn in der kinderreichen Familie eines Eisenbahnschlossers wuchs Platonow in der Kutschervorstadt von Woronesch auf. Bezeichnend für dieses Milieu war der Gegensatz zwischen altem und neuem Leben. Auf der einen Seite standen die zahlreichen durchziehenden Pilger, auf der anderen die Lokomotive als Symbol des technischen Fortschritts. Beide Motive spielen in seinem Werk eine große Rolle. Nach 1918 arbeitete der junge Andrei bei der Zeitung Woroneschskaja kommuna und absolvierte ein Studium als Elektroingenieur. Begeistert warb er für das Elektrifizierungsprogramm der Kommunistischen Partei. Er verstand sich als Sympathisant der Revolution. In seinen publizistischen Artikeln entwickelte er jedoch eine eigene Utopie. Sie war vom russischen Kosmismus mit seinem Streben nach Überwindung des Todes geprägt, aber auch von der Forderung nach einer Versöhnung von Ökologie und Technik. Seine spätere Frau Marija Kaschinzewa lernte er 1920 kennen. 1922 wurde ihr einziger Sohn Platon geboren.
In der Hungersnot des Jahres 1921 forderte Platonow, die Parteikasse für die Hungernden zu öffnen. Daraufhin verlor er seinen Kandidatenstatus in der Partei. Die katastrophale Dürre von 1922 bewog ihn, seine Schreibtätigkeit aufzugeben. Er arbeitete für einige Jahre als Bewässerungsingenieur im Gebiet von Woronesch. Stets vertrat er die Ansicht, dass ein Schriftsteller zwei Berufe haben müsse. Unter dem Einfluss der Ideen von Nikolai Fjodorow und Konstantin Ziolkowski befasste er sich mit utopischen Geoengineering-Projekten zur Klimaveränderung. Zunehmend begriff er aber das sozialistische Modernisierungs- und Technisierungsprojekt als Zerstörung der Natur.
Ein mehrmonatiger dienstlicher Aufenthalt in der Provinzstadt Tambow bewirkte einen radikalen Umbruch. Die Erfahrung der Rückständigkeit des Landes und die überhandnehmende Bürokratisierung brachten seinen Glauben an einen möglichen Aufbau des Sozialismus ins Wanken. Er beschloss, fortan als Schriftsteller zu arbeiten, ohne sich über seine künftige Existenz Illusionen zu machen. Er verfasste die Satire Die Stadt Gradow. Außerdem arbeitete er an Erzählungen wie den in Zusammenarbeit mit Boris Andrejewitsch Pilnjak entstandenen Epiphaner Schleusen, Ein unerschlossener Mensch und Die Kutschervorstadt. Diese brachten ihm große Anerkennung ein. In den Jahren 1926 bis 1929 entstand der Roman Tschewengur. Zusammen mit dem 1930 vollendeten Die Baugrube kann er als Höhepunkt seines Schaffens gelten.
Die 1931 erschienene Erzählung Zum Vorteil bildete den Auftakt zu Platonows schwieriger Existenz unter den Bedingungen des Stalinismus. Stalin griff die Erzählung über die Kollektivierung der Landwirtschaft höchstpersönlich grob an. Danach musste Platonow ein Leben als Außenseiter am Rande der sowjetischen Literatur führen. Er übte Selbstkritik und wurde seitdem fast nicht mehr gedruckt. In diesen Jahren verfasste er für die Schublade zwei albtraumhafte Texte über totalitäre Herrschaft: Müllwind über das nationalsozialistische Deutschland und Der Makedonische Offizier, eine allegorische Kritik am Stalinismus. Erst die Teilnahme an der Reise einer Schriftstellerbrigade nach Turkmenistan ermöglichte ihm eine begrenzte Rückkehr ins literarische Leben. Sein Interesse für mittelasiatische Themen schlug sich in Erzählungen wie Der Takyr und Dshan nieder. In der von Georg Lukács und Michail Lifschitz herausgegebenen Zeitschrift Der Literaturkritiker konnte er gelegentlich unter Pseudonym publizieren.
Im Jahr des großen Terrors 1937 wurde Platonow erneut als Volksfeind denunziert. Ein schwerer Schicksalsschlag traf die Familie 1938. Der fünfzehnjährige Sohn wurde als Spion und faschistischer Agent verhaftet, kehrte erst im Oktober 1940 aus dem Gulag zurück und starb Anfang 1943 an Tuberkulose. Während des Krieges war Platonow als Frontkorrespondent tätig und verfasste zahlreiche Skizzen und Erzählungen. Unter der repressiven Kulturpolitik Andrei Schdanows wurde seine Erzählung Die Familie Iwanows/Heimkehr erneut zum Gegenstand dogmatischer Angriffe. In seinen letzten Lebensjahren war der Schriftsteller selbst an Tuberkulose erkrankt und verarmt. Er schrieb nun kurze Erzählungen und Märchen für Kinder. Platonow starb 1951 und wurde am 5. Januar auf dem armenischen Friedhof in Moskau beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
In seiner Prosa der 1920er Jahre erweist sich Platonow als bedeutender Vertreter der russischen Moderne. Das verdankt sich vor allem seiner eigentümlichen Sprache: einer kalkuliert „fehlerhaften", „unliterarischen" Sprache aus einer Mischung von bürokratischem Sowjetjargon, Volkssprache, Dialekt und Vulgarismen. Platonow war sich bewusst, dass er keiner der herrschenden literarischen Schulen zuzuordnen war. Mit dieser ungewöhnlichen Sprache verbindet sich eine verstörend befremdliche Weltsicht. Sie bedient sich der Mittel des Absurden, der Groteske, der Satire und Ironie und stellt an den Leser erhebliche Anforderungen.
Darüber hinaus zeichnet sich seine Prosa durch bestimmte wiederkehrende Figurentypen aus. Da ist der Zweifler, der sich zwar als Sympathisant der Sowjetmacht gibt, zugleich aber ketzerische Ansichten äußert. Er geht oft einher mit dem närrischen, halbverrückten Helden, der die Realität aus naiver Sicht beschreibt. Vor allem in den 1930er Jahren nimmt dieser Held Züge eines exzentrischen Gottesnarren an, der in der russischen Kultur auf eine lange Tradition zurückblickt. Charakteristisch ist auch die Gestalt des verwaisten Menschen. Er erscheint oft als Wanderer oder Pilger auf der Suche nach dem gelobten Land und erinnert als russische Variante des Heimatlosen an das existentialistische Denken der westeuropäischen Literatur.
Eine besondere Stellung nimmt die Erzählung Ein unerschlossener Mensch ein. Ihr Held Foma Puchow streift als kauziger „Philosoph aus dem Volk" heimatlos durch das revolutionäre Russland. In seinem Hauptwerk Tschewengur gibt Platonow ein umfassendes Bild der russischen Gesellschaft vom Bürgerkrieg bis zum Beginn der Stalinschen Herrschaft. Die Figur Stepan Kopjonkin ist dabei eine Nachbildung von Cervantes' Don Quijote. Der Kurzroman Die Baugrube schildert mit Mitteln der grotesken Ironie das Grauen der Kollektivierung.
Unter der Kulturpolitik der 1930er Jahre verändert sich Platonows Schaffen stark. An die Stelle des experimentellen Umgangs mit der Sprache tritt ein stärker an der literarischen Tradition orientierter Stil. Das hängt unter anderem mit der Normierung der Sprache im sozialistischen Realismus und dessen Forderung nach Verständlichkeit und Volksverbundenheit zusammen. Werke wie der Produktionsroman Das Juvenilmeer und das Romanfragment Die glückliche Moskwa zeugen von der Schwierigkeit, seinen Platz in der stalinistischen Gesellschaft zu finden. In den Erzählungen Fro und Der Fluss Potudan wendet er sich der Liebe zwischen Mann und Frau zu. Dieses Thema war in seiner Prosa der 1920er Jahre hinter einer asketischen Sexualmoral zurückgetreten.
Rezeption↑
Anerkennung als Schriftsteller blieb Platonow zu Lebzeiten weitgehend versagt. Eine breite Rezeption seiner Hauptwerke begann erst mit der Perestroika. Sie setzte nachträglich neue Maßstäbe für die Bewertung der russisch-sowjetischen Literatur. In den sozialistischen Ländern wurden seine Werke übersetzt und als Kritik am Sowjetsozialismus gelesen. In der DDR erschienen mehrere Ausgaben im Aufbau Verlag und in anderen Verlagen. Im vereinigten Deutschland ist besonders der Suhrkamp Verlag mit neuen Übersetzungen und einer Einführung in Platonows Leben und Werk hervorgetreten. Einen vielseitigen Überblick über Biographie und Schaffen bietet die Zeitschrift Osteuropa in ihrem 2016 erschienenen Heft „Utopie und Gewalt: Andrej Platonov: die Moderne schreiben" von Manfred Sapper. Der russische Schriftsteller Andrei Bitow hob hervor, dass gerade Platonows Nähe zur neuen Ordnung ihn befähigte, die Entwicklung der Sowjetunion zu verstehen „und zwar von innen und nicht aus dem entgegengesetzten Lager".
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