Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Tschewengur
Eingang · Werke · Tschewengur
Cover Tschewengur
Tschewengur
1972
– Werkseintrag –

Tschewengur

1972 · Roman

Elf Männer glauben, in einer abgelegenen Steppenstadt sei der Kommunismus schon Wirklichkeit geworden – und ein gutmütiger Träumer bricht auf, um mit eigenen Augen zu sehen, was dort entstanden ist.

Überblick

Der Episodenroman Tschewengur erzählt vom Versuch, in der jungen Sowjetunion eine kommunistische Gesellschaft aufzubauen. Er trägt den Untertitel „Die Wanderung mit offenem Herzen". Andrei Platonow schrieb ihn 1926/27, zunächst unter dem Titel Die Erbauer des Landes. Das Buch durfte zu Platonows Lebzeiten nicht vollständig erscheinen. Ein erster, eher harmloser Teil kam 1929 als eigenständige Erzählung heraus, einzelne Episoden waren 1928 in Zeitschriften abgedruckt worden. Die komplette Fassung ging 1929 in den Satz, wurde aber verboten. Auch Maxim Gorki lehnte das Buch ab, weil die Helden nicht als Revolutionäre, sondern als komische Käuze erschienen. Erst 1988, fast vier Jahrzehnte nach dem Tod des Autors, durfte der Roman in der Sowjetunion gedruckt werden. Im Westen erschien er schon früher: 1972 gekürzt beim Pariser Emigrantenverlag YMCA Press, 1973 in einer Übersetzung Swetlana Geiers bei Luchterhand. Die erste vollständige deutsche Ausgabe folgte 1990. Neben dem Roman Die Baugrube gilt Tschewengur als eines der wichtigsten Werke Platonows.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Süden Russlands, in der Steppe bei Woronesch, spielt der Roman zur Zeit des Bürgerkriegs. Er beginnt mit den Hungersnöten des alten Zarenreichs, die die Menschen entwurzeln und über die Landstraßen treiben. Von Anfang an liegt ein Grundton von Müdigkeit, Fatalismus und Vergeblichkeit über allem: Während die Menschen hungern, „fahren die Züge nach Fahrplan".

Im Mittelpunkt steht Alexander, genannt Sascha, Dwanow, der Sohn eines Fischers, der sich aus Neugier auf den Tod im See ertränkt hatte. Der Junge wächst bei armen Leuten auf, wird zum Betteln geschickt und von seinem Stiefbruder Prokofi gequält. Später nimmt ihn der Mechaniker Sachar Pawlowitsch bei sich auf. Sascha wird Schlosserlehrling und tritt in die Kommunistische Partei ein. Er ist ein gütiger, mitfühlender, aber naiver Mensch, der Großes schaffen will.

Der Bürgerkrieg verschlägt Sascha auf einen bewaffneten Zug der Roten Armee. Danach schickt ihn die Partei aufs Land, um herauszufinden, ob dort der Sozialismus aus eigener Kraft heranwächst. Auf seinen Wanderungen trifft er nur umherirrende Arme und Sonderlinge. Er begegnet Sonja Mandrowa, einer jungen Lehrerin und Krankenschwester, und dem Truppenkommandanten Stepan Kopjonkin, einer Art Don Quijote, der auf seinem Ross „Revolutionäre Kraft" Heldentaten im Namen der verehrten toten Rosa Luxemburg vollbringen will und ihr Grab sucht. Dann hören die Gefährten von einer abgelegenen Stadt namens Tschewengur, in der sich der Kommunismus angeblich schon von selbst verwirklicht hat. Sie machen sich auf, um mit eigenen Augen zu sehen, was dort geschehen ist.

Die Handlung im Detail

Am Anfang schildert der Roman das entwurzelte Leben im alten Russland. Ein Einsiedler tut aus Überzeugung „nichts", eine alte Frau „heilt" verhungernde Säuglinge mit einem giftigen Pilzaufguss, und Friedhofskreuze werden als Brennholz verfeuert. Der Mensch könne klug, tapfer oder böse sein, heißt es, aber „er ist vor allem traurig". Die Maschinenwelt läuft mit Exaktheit, die Natur bleibt gleichgültig, nichts wendet sich zum Besseren.

Sascha Dwanow, der Held, ist der Sohn eines Fischers, der sich in den See stürzte. Der arme Bauer Prochor Dwanow nimmt ihn an, schickt ihn aber zum Betteln. Obwohl Sascha mit Brot zurückkehrt, hält ihn sein rechnender Stiefbruder Prokofi, genannt Proschka, für einen überflüssigen Esser und quält ihn. Dann tritt Sachar Pawlowitsch auf, ein Bekannter von Saschas Vater, ein wissbegieriger Mechaniker, der die Arbeit liebt, aber mit den Menschen nicht mitfühlt. Nach einer enttäuschenden Begegnung mit Proschka verliert Sachar den Glauben an den Nutzen der Maschinen und wird gegenüber der Revolution immer skeptischer: Säßen die klügsten Männer an der Macht, sei nichts Gutes zu erwarten. Er nimmt Sascha bei sich auf. Der aber lässt sich von der Resignation seines Pflegevaters nicht anstecken, wird Schlosserlehrling in einer Lokomotivwerkstatt und tritt in die Partei ein. Schon früh zeigt sich, dass die Revolution kein Selbstläufer ist: Die Parteibürokraten fürchten die „Unwissenheit der Massen".

Sascha wird in den Bürgerkrieg abkommandiert und wird durch Zufall Assistent des Lokführers auf einem gepanzerten Zug der Roten Armee. Er kämpft gegen Kosaken und „Weiße" und kehrt schließlich zu Sachar zurück. Weil sich der Aufbau des Sozialismus verzögert, schickt ihn die Partei aufs Land. Sie hofft, die Armut habe die Bevölkerung von selbst zum Kommunismus getrieben. In der wasserarmen Steppe trifft Sascha jedoch nur auf Arme und Sonderlinge. Er überlebt den Angriff anarchistischer Banditen, die nach dem Krieg Dörfer plündern. Er wird verwundet, aber am Leben gelassen, weil er ein Buch kennt, das der Anführer der Bande geschrieben hat. Unterdessen wartet seine Gefährtin Sonja Mandrowa auf ein Lebenszeichen von ihm. Da erscheint Stepan Kopjonkin, der Kommandant einer bolschewistischen Truppe, der die Bande zerschlagen hat, und bringt Sascha zu ihr. Kopjonkin ist ein Nachbild Don Quijotes: Auf seinem Ross „Revolutionäre Kraft" will er im Namen der toten Rosa Luxemburg Heldentaten vollbringen und sucht ihr Grab, so wie Don Quijote seine Taten der fernen Dulcinea widmet. Kopjonkin spricht in einem verdrehten Politjargon – „Der sowjetische Verkehr ist das Gleis für die Lokomotive der Geschichte" – und tötet Feinde so beiläufig, „mit demselben alltäglichen sorgfältigen Eifer, mit dem ein Weib Hirse ausjätet".

Sascha erlebt, wie die Revolution längst ohne zentrale Leitung abläuft. Die Menschen ziehen „ohne Kompass" umher, und wo sie sich sammeln, treten sofort Führer auf, die zwar nichts wissen, aber Befehle geben. Durch übereilte Eingriffe richten sie großen Schaden an: Vieh wird zwangsweise an Arme verteilt, die kein Futter dafür haben, Wälder werden sinnlos abgeholzt. Ihre guten Absichten enden in Barbarei.

In der zweiten Hälfte nimmt die Handlung eine düstere, utopisch-albtraumhafte Wende. Die Gefährten hören von der Stadt Tschewengur, wo sich der Kommunismus angeblich von selbst verwirklicht habe. Dort haben elf kaum gebildete, aber endzeitlich gestimmte Kommunisten versucht, ein Reich jenseits der Geschichte zu errichten. In ihren Gesprächen spiegeln sich die Streitigkeiten der damaligen Parteiströmungen. Die meisten Bewohner hängen dem alten dörflichen Genossenschaftsgedanken an und trösten sich mit der Religion; ihnen stehen die Anhänger der kommunistischen Utopie gegenüber. Beide sind durch die Hoffnung auf Erlösung verbunden – und beide verfallen einem Fatalismus, der an die Müdigkeit der Zarenzeit erinnert. Die Menschen in Tschewengur warten entweder auf den Kommunismus oder auf die Wiederkunft des Herrn. Niemand arbeitet, aber jeder hat Brot und Tee. Man glaubt, allein die Sonne sorge für das Wachsen der Nahrung.

Weil die alte Bürgerschaft, die „Burshuis", überlebt hat, entscheidet Prokofi, inzwischen Vorstand des Kreisexekutivkomitees, sie „theoretischer" zu beseitigen: durch Enteignung „in schmerzloser Weise" ins Jenseits zu befördern. Die Tschekisten unter ihrem Vorsitzenden Pijussja ermorden die Burshuis grausam. Die übrigen, die Kleinbürger, werden zum Tode verurteilt, dann begnadigt und in die Steppe geschickt. Die Gräuel reden sich die Bolschewiken schön mit der Vorstellung vom künftigen Frieden der „durch Leiden erneuerten Erde", auf der sich die Toten dereinst erheben werden.

Nach und nach treffen in Tschewengur die Hauptfiguren des ersten Teils zusammen – Sascha, Kopjonkin und Prokofi – und werden Zeugen dieser Liquidierung. Danach aber arbeitet niemand mehr. Die Felder bleiben unbestellt, das Proletariat isst Brennnesseln und haust auf einem alten Grabhügel. Die Menschen fragen sich sogar, ob im Kommunismus die Naturgesetze noch gelten, ob es je wieder Winter geben und man Vorräte anlegen müsse. Arbeit, meinen sie, sei ohnehin nur von den Ausbeutern erfunden worden. Um dem Privathandel etwas entgegenzusetzen, gründen sie eine Genossenschaft. Das führt zu einer chaotischen Mangelwirtschaft: Man zweckentfremdet wertvolle Technik – in einer Kolbenpumpe wird Feuer entfacht – und fertigt nutzlose Dinge wie eine hölzerne, pferdegetriebene Steinschleuder zur Abwehr von Feinden.

Chaos und Hunger nehmen zu. Man lebt von den Resten des Vorjahres, und die Kräfte schwinden. Kopjonkin kann keinerlei Entwicklung zum Kommunismus mehr erkennen. Als ein Kind an Hunger stirbt, beginnt er zu zweifeln und löst das Revolutionskomitee auf. Auch Sascha findet den Kommunismus in Tschewengur nicht verwirklicht. Er fragt sich, ob man die Idee nicht opfern müsse, weil die „Wahrheit" ohnehin nur kurz und erst am Ende leben werde. Er wirft Prokofi vor, den Massen den Kommunismus nur „in kleinen Portionen" zuteilen zu wollen. Prokofi hält dagegen, man dürfe dem Proletariat nicht alles auf einmal geben; besser sei es, „das Glück nach und nach zu verteilen". Die eigentliche Ursache des Elends, meint er, liege darin, dass das Proletariat schwermütig sei und sich insgeheim nach dem eigenen Hof und der eigenen Familie sehne.

Stil

Auffällig ist Platonows eigenwillige Sprache. Er verbindet die Nüchternheit der frühen Sowjetzeit mit einem hohen, fast biblischen Ton. Die Figuren reden in einem verfremdeten, oft absurd wirkenden Politjargon, wie er von den Plakaten und Losungen jener Jahre stammt – Kopjonkins Satz „Der sowjetische Verkehr ist das Gleis für die Lokomotive der Geschichte" ist ein Beispiel dafür. Immer wieder wird die Sprache der Ideologie so ernst genommen, dass sie ins Komische und Unheimliche kippt.

Der Roman ist als lockere Folge von Episoden gebaut, in denen ein Wanderer durch eine leere Steppe zieht und Menschen und Meinungen begegnet. Diese Anlage erlaubt es Platonow, die verschiedenen Parteiströmungen seiner Zeit als Figuren auftreten und ihre Streitfragen austragen zu lassen. Die Gestalt des Kopjonkin ist dabei offen an Don Quijote angelehnt: Wie der spanische Ritter für seine ferne Dame kämpft, zieht Kopjonkin für die tote Rosa Luxemburg in den Krieg. So schwingt in aller politischen Tragik zugleich ein grotesker Humor mit.

Über dem Ganzen liegt von der ersten Seite an ein Ton aus Müdigkeit, Trauer und Vergeblichkeit. Nüchterne Sachlichkeit und mythisch-endzeitliche Bilder stehen dicht nebeneinander. Gerade diese Mischung macht den besonderen, schwer einzuordnenden Klang des Buches aus.

Rezeption

Als eines der wichtigsten Werke Platonows gilt Tschewengur heute neben dem Roman Die Baugrube, der 1930 ebenfalls nicht gedruckt werden durfte. Seine Einordnung fällt schwer, denn Platonow war weder ein Dissident noch bloß ein Gesellschaftskritiker oder Satiriker. Entsprechend vielfältig sind die Vergleiche, die die Kritik gezogen hat.

Frédérique Leichter-Flack stellte Platonow und besonders Tschewengur neben Kafka und Céline. Der Autor Info Schulze verwies auf Bezüge zu Gogol, Dostojewski und Daniil Charms, während Rainer Grübel den Roman zwischen Mythologie und Neuer Sachlichkeit ansiedelt. Für Joseph Brodsky war Platonow der „erste Surrealist der Literatur". Mario Bandi nannte Tschewengur den „seltsamsten russischen Roman des 20. Jahrhunderts". Pier Paolo Pasolini pries das Buch als Wegbereiter des Neorealismus und zählte es zum Besten, was die russische Literatur hervorgebracht habe. Dževad Karahasan urteilte: „In meiner Leseerfahrung gibt es nichts Vergleichbares", und verglich den Roman mit einem Mythos im Sinne von Claude Lévi-Strauss. Hans Günther wiederum sah eine Nähe zu Hölderlin: Beide Dichter seien durch eine Revolution und deren negative Folgen geprägt worden, hätten dem revolutionären Ziel aber nie ganz entsagt und sich von Enthusiasten zu Melancholikern gewandelt.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten