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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Tynset
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Cover Tynset
Tynset
1965
– Werkseintrag –

Tynset

1965 · Prosa

Ein schlafloser Mann lässt in einer langen, durchwachten Nacht seine Gedanken schweifen und fasst den Plan, in das ferne norwegische Dorf Tynset zu reisen, in dem er nie gewesen ist.

Überblick↑

Das lyrische Prosawerk Tynset von Wolfgang Hildesheimer erschien 1965 und zählt zu seinen wichtigsten Büchern. Der Text gibt die Gedanken eines Schlaflosen wieder, die sich im Verlauf einer durchwachten Nacht entfalten. Hildesheimer selbst nannte das Werk nicht Roman, auch wenn es oft so bezeichnet wird. Im Mittelpunkt steht die Resignation angesichts einer als absurd empfundenen Welt. Der Titel stammt von der norwegischen Gemeinde Tynset, die sich der Erzähler als fernes Reiseziel ausmalt, ohne je dort gewesen zu sein. Das Buch war im Erscheinungsjahr ein Verkaufserfolg und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Für Tynset erhielt Hildesheimer den Literaturpreis der Stadt Bremen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Ein schlafloser Ich-Erzähler liegt in seinem Bett und lässt in einer durchwachten Nacht seine Gedanken schweifen. Weniger eine Handlung als ein fortlaufender Strom von Erinnerungen, Wünschen und Ängsten trägt das Buch. Der Erzähler, dessen Lebensumstände denen Hildesheimers ähneln, horcht auf Geräusche und Gerüche im Haus, greift nach Büchern auf dem Nachttisch und beginnt schließlich, im Kursbuch der norwegischen Staatsbahnen zu blättern.

Dort stößt er auf den Namen Tynset, einen Ort, an dem er nie gewesen ist. Der Klang der Stationsnamen und die Vorstellungen, die er mit ihnen verbindet, faszinieren ihn. Nach und nach fasst er den Plan, dorthin zu reisen. Zwischen diesen Überlegungen wandern seine Gedanken zu seiner trunksüchtigen, sehr frommen Haushälterin Celestina, zu seinen beiden antiken Betten und zu Erlebnissen aus seiner Zeit in Deutschland. Immer wieder steht er auf, geht durch das Haus, kehrt ins Bett zurück. Auf dem obersten Treppenabsatz meint er die Gestalt von „Hamlets Vater“ zu sehen, mit der er sich im Lauf der Nacht auf besondere Weise verbindet.

Die Handlung im Detail↑

Mit den monologisierenden Betrachtungen eines Schlaflosen setzt der Text ein. Der Erzähler denkt über Geräusche und Gerüche nach und greift blind auf den Nachttisch nach einem Buch. Ein Telefonbuch legt er wieder weg. Das Kursbuch der norwegischen Staatsbahnen von 1963 nimmt er auf und liest darin von einer Nebenlinie, die von Hamar nach Stören führt, über Elverum, Tynset und Röros. Der Klang der Namen und besonders der Ort Tynset, wo er nie gewesen ist, beschäftigen ihn.

Als er aufsteht und durch das Haus geht, kommt er am obersten Treppenabsatz vorbei, wo „Hamlets Vater“ zu stehen pflegt. Diese zunächst rätselhafte Figur wird später deutlicher: Der Erzähler vergleicht sich selbst mit Hamlet und erwähnt, dass sein Vater ermordet worden sei. „Hamlets Vater“ ist so ein mahnender Geist, der ihn an seine eigene Tatenlosigkeit erinnert.

Nach Gedanken über die Haushälterin Celestina kommt der Erzähler auf das Telefonbuch zurück. Er berichtet, wie er einst in Deutschland fremde Leute anrief, um ihnen warnend mitzuteilen, es sei „alles entdeckt“. Manchmal konnte er beobachten, wie Nachbarn daraufhin flohen. Sein letzter Anruf, unter dem Namen Bloch, galt einem Mann namens Kabasta, von dessen furchtbarer Existenz er gewusst habe. Kabasta lässt sich nicht verunsichern und schaltet offenbar die Polizei ein. Der Erzähler hat danach den Eindruck, sein Telefon werde überwacht, und verlässt bald darauf nicht nur das Haus, sondern auch Deutschland. Über eine Assoziationskette gelangt er zu Doris Wiener, die mit ihrem Mann ein Opfer des nationalsozialistischen Terrors wurde: Der Mann, Bloch, habe sich unter der Aufsicht Kabastas sein eigenes Grab schaufeln müssen.

Ein Einschub schildert die Hähne Attikas, deren Konzert der Erzähler einst vor Morgengrauen mit einem eigenen „Kikeriki“-Ruf von der Akropolis aus provozierte. Danach fasst er den festen Beschluss, nach Tynset zu fahren, sorgt sich aber über die Städte, die er umfahren möchte. Der Text geht in die alptraumhafte Beschreibung einer Fahrt durch eine labyrinthische deutsche Landeshauptstadt über, die er Wilhelmstadt nennt und aus der er wegen irreführender Beschilderung nur schwer entkommt.

Der Erzähler will den automatischen Straßenzustandsbericht anrufen, wählt aber falsch und erhält ein Kochrezept. Wieder im Bett, es wird Mitternacht, beschreibt er sein Winterbett. In ihm habe der italienische Komponist Carlo Gesualdo seine Frau und ihren Liebhaber ermordet. In langen, lyrischen Sätzen malt er sich den Moment des Todes der Liebenden aus, bis seine Gedanken erneut bei Tynset landen.

Weiter schlaflos, holt er sich eine neue Flasche Rotwein und erinnert sich an das letzte Fest in seinem Haus. Dort drängte sich der amerikanische Erweckungsprediger Wesley B. Prosniczer uneingeladen auf, vertrieb die Gäste mit seinen Bekehrungsversuchen und entfremdete sie dem Erzähler, weil sie glaubten, er habe den Auftritt veranlasst. Prosniczer ist der einzige Gast, den der Erzähler wiedersehen wird: erfroren beim Versuch, den verschneiten Pass zu überqueren, wovon schon zu Beginn berichtet wird.

Danach besucht der Erzähler sein Sommerbett, ein großes Renaissance-Bett aus einem englischen Gasthof, das sieben Schläfern Platz bietet. Er malt sich die Gäste im Jahr 1522 aus, das letzte Mal, als sieben Menschen darin schliefen, ihre Herkunft und ihr Wesen und ihren Tod durch die Pest. Wieder kehren die Gedanken an Celestina zurück. Er besucht sie in der Küche, wo sie in ihrer Trunkenheit ihn für Gott zu halten scheint und von ihm einen Segen verlangt. Er versucht es mit unbeholfenen Gesten und Worten, enttäuscht sie damit aber, als die Verblendung von ihr abfällt.

Erneut denkt der Erzähler über seinen ungereiften Plan nach, der Tynset heißt. Wieder liegt er im Winterbett, denkt an Gesualdo und an Celestina, hört sich den Straßenzustandsbericht am Telefon an und schläft schließlich doch noch ein. Als er erwacht, ist es hell, Schnee ist gefallen, es ist früh Winter geworden. Tynset ist für ihn nun vorbei und erledigt: In diesem Schnee wäre er niemals dorthin gekommen. Die Glocken des Ortes läuten für die Beerdigung eines Kindes. Der Erzähler beschließt, nicht nach Tynset zu fahren und nicht zur Beerdigung zu gehen, sondern in seinem Winterbett liegen zu bleiben.

Stil↑

Kennzeichnend für Tynset ist die Form des inneren Monologs. Es gibt kaum eine eigentliche Handlung, vielmehr trägt ein fortlaufender Assoziationsfluss den Text: Ein Gedanke ruft den nächsten hervor, Erinnerungen, Bilder und Ängste gehen ineinander über. Die Sprache ist lyrisch geformt, oft in langen, sorgfältig gebauten Sätzen, die etwa den Tod der Liebenden im Bett Gesualdos in ausgedehnten Bildern ausmalen.

Wiederkehrende Motive geben dem scheinbar frei schweifenden Text Halt. Der Name Tynset, die beiden antiken Betten, die Figur „Hamlets Vater“, die Haushälterin Celestina und der erfrorene Prediger tauchen mehrfach auf und verknüpfen die einzelnen Betrachtungen miteinander. Der Vergleich mit Hamlet durchzieht das Werk und verbindet die Tatenlosigkeit des Erzählers mit dem Bild des mahnenden Geistes. Die Grenze zwischen berichteter Wirklichkeit und ausgemalter Vorstellung bleibt bewusst fließend.

Rezeption↑

Nach seinem Erscheinen im Frühjahr 1965 erhielt das Buch außergewöhnlich viel Aufmerksamkeit. Volker Jehle spricht von über hundertdreißig großen Rezensionen allein nach dem Erscheinen und zahllosen weiteren zu den Preisverleihungen; Patricia Haas Stanley nennt eine deutlich niedrigere Zahl. Kritiker zogen Vergleiche zu Samuel Beckett, Jean-Paul Sartre, Max Frisch und Djuna Barnes. Die Urteile gingen weit auseinander. Walter Jens sah in der Zeit einen „großen Wurf“ und rühmte eine klassische Prosa. Reinhard Baumgart urteilte im Spiegel weitgehend negativ und meinte, einen ersten, hochzielenden Entwurf gelesen zu haben. Werner Weber verwies in der Neuen Zürcher Zeitung darauf, dass Hildesheimer 1959 den Roman Nachtgewächs von Djuna Barnes übersetzt hatte, und fand darin ein Nachwirken.

Mehrere Kritiker störten sich an der Form und an der Identität des Erzählers, so das Schwanken zwischen Bericht und Erfindung. Rudolf Hartung lobte die Erzählkunst, sah aber im Hamlet-Motiv und in der Utopie eines Aufbruchs ins Unbekannte Schwächen. Im Buchhandel war das Werk ein Erfolg und stand 1965 längere Zeit auf der Bestsellerliste des Spiegel. 1966 erhielt Hildesheimer den Literaturpreis der Stadt Bremen; im Zusammenhang mit dem Buch wurde ihm auch der Georg-Büchner-Preis verliehen.

In späteren Arbeiten wird Tynset zu Hildesheimers Hauptwerken gezählt, so 2009 im Killy Literaturlexikon, das es zusammen mit Masante nennt. W. G. Sebald stellte 1983 fest, das Buch habe längst nicht die ihm zukommende Beachtung gefunden. Volker Jehle schrieb 1990, es werde von manchen Lesern für Hildesheimers größtes Werk gehalten, sei aber im Gegensatz zu den Lieblosen Legenden nie populär geworden.

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