1916 – 1991
Wolfgang Hildesheimer
Kurzbiografie↑
Wolfgang Hildesheimer zählt zu den bedeutenden deutschen Schriftstellern nach 1945. Geboren 1916 in Hamburg, begann er zunächst als bildender Künstler und kam erst 1950 zum Schreiben. Aus jüdischer Familie stammend, emigrierte er als junger Mann nach Palästina und kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück, wo er als Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen wirkte und Mitglied der Gruppe 47 wurde. Bekannt wurde er mit satirischer Prosa, mit dem absurden Theater und mit reflexiven Büchern wie Tynset. 1984 stellte er das Schreiben ein und wandte sich wieder der bildenden Kunst zu. Er starb 1991 im schweizerischen Poschiavo.
Biografie↑
Als Sohn jüdischer Eltern kam Wolfgang Hildesheimer 1916 in Hamburg zur Welt. Sein Vater Arnold arbeitete ab 1919 bei einer Margarinefabrik, zog 1921 nach Nimwegen und 1923 nach Mannheim. Die Eltern, Arnold und Hanna, waren mit zahlreichen jüdischen Intellektuellen bekannt, führten ein stark musisch geprägtes Leben und gehörten zu den Zionisten. Der orthodoxe Rabbiner Esriel Hildesheimer war sein Urgroßvater.
Seine Kindheit verbrachte er zwischen den Sprachen: In Nimwegen besuchte er einen niederländischen Kindergarten und sprach die Landessprache. Ab 1926 ging er auf das humanistische Gymnasium in Mannheim, mit dem er nicht zurechtkam, zwischen 1930 und 1933 auf die Odenwaldschule in Ober-Hambach. Danach wechselte er an die Frensham Heights School im englischen Farnham. Im Oktober 1933 emigrierte die Familie über London nach Palästina und ließ sich in Jerusalem nieder. Dort nahm Hildesheimer Unterricht in Zeichnen, Möbeldesign und Innenarchitektur und absolvierte von 1934 bis 1937 eine Tischlerlehre.
Ab 1937 studierte er an der Central School of Arts and Crafts in London Malerei und Bühnenbildnerei und beteiligte sich mit Gemälden an ersten Ausstellungen. Im Sommer 1937 besuchte er in Salzburg den von Emil Pirchan geleiteten Bühnenbildnerkurs der Sommerakademie. Sein erstes Bühnenbild entstand Anfang 1939 für Anton Tschechows Stück am Little Tavistock Theatre. Mehrfach hielt er sich in dieser Zeit in Cornwall auf. Ende August 1939 kehrte er über Frankreich und die Schweiz nach Palästina zurück. In Jerusalem hatte er 1940 seine erste Einzelausstellung, wurde Englischlehrer und war von 1941 bis 1945 als Information Officer der britischen Mandatsregierung tätig. 1941 gründete er mit einem Partner die Werbeagentur „wh“, die vor allem die Zeitung Palestine Post mit illustrierten Anzeigen versorgte. Vermutlich seit 1943 war er Redakteur der deutschen Ausgabe des wöchentlichen Forums, später Radio Week, in dem ein Jahr zuvor ein Gedicht als seine erste schriftstellerische Veröffentlichung erschienen war.
1946 zog Hildesheimer erneut nach London, bestand dort die Dolmetscherprüfung und kehrte gegen den Rat seiner Eltern nach Deutschland zurück. Von 1947 bis 1949 war er Simultandolmetscher bei den Nürnberger Prozessen. Danach ließ er sich in Ambach am Starnberger See nieder und beteiligte sich wieder an Ausstellungen. Seit 1950 betätigte er sich als Schriftsteller: Erste Geschichten und Satiren auf den Kulturbetrieb erschienen in der Neuen Zeitung, dann in literarischen Zeitschriften. 1951 nahm er erstmals am Treffen der Gruppe 47 teil, wo seine Texte begeistert aufgenommen wurden. Seine erste Buchveröffentlichung, die Sammlung Lieblose Legenden (1952), gelangte in Teilen in den schulischen Kanon. 1953, im Jahr des Umzugs nach München, erschien mit Paradies der falschen Vögel sein erster Roman: Ein Kunstfälscher etabliert in einem fiktiven Balkanstaat einen erfundenen Nationalmaler. 1955 folgte sein erstes Theaterstück Der Drachenthron, das unter Gustaf Gründgens am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt wurde.
1957 siedelte Hildesheimer nach Poschiavo im Kanton Graubünden über und lebte fortan in der Schweiz und in Italien. 1960 sorgte seine Erlanger Rede Über das absurde Theater für Aufsehen. Für das Prosabuch Tynset (1965) erhielt er den Büchnerpreis und den Bremer Literaturpreis. Mozart (1977) wurde zum Bestseller und ist sein meistübersetztes Werk. 1980 hielt er die Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele. Marbot. Eine Biographie (1981) ist eine fiktive Biografie und wurde von Zeitgenossen nicht unwidersprochen als Markstein der Postmoderne bezeichnet. Die traurig-komische Prosa Mitteilungen an Max (1983) nannte Hildesheimer selbst das Satyrspiel nach den Tragödien. 1982 erhielt er die Ehrenbürgerschaft von Poschiavo und wurde schweizerischer Staatsbürger. 1984 teilte er mit, angesichts der zu erwartenden Umweltkatastrophen das Schreiben eingestellt zu haben, und kehrte zur bildenden Kunst zurück, vor allem zu seinen Collagen. Er starb 1991 in Poschiavo, wo er auf dem Friedhof der reformierten Kirche begraben liegt. Widersprüchlich sind die Angaben zum genauen Geburtstag: Während die geprüften Daten und Wikipedia den 9. Dezember 1916 nennen, verzeichnet die Deutsche Biographie an einer Stelle den 16. Dezember.
Literarische Merkmale↑
Hildesheimer kam von der bildenden Kunst her und fand erst mit Mitte dreißig zur Literatur. Sein Werk lässt sich in klar voneinander abgesetzte Phasen gliedern. Am Anfang stand die satirische Prosa: Geschichten und Satiren auf den Kulturbetrieb, aus denen die vielgelesenen Lieblose Legenden hervorgingen. Es folgten Hörspiele und Theaterstücke.
Mit dem Umzug nach Poschiavo 1957 vollzog Hildesheimer einen Stilwechsel. Die nun entstandenen Stücke, vor allem die Sammlung Spiele, in denen es dunkel wird (1958), und seine Hörspiele werden der absurden Literatur zugerechnet. Vollends als Vertreter des absurden Theaters etablierte er sich 1960 mit seiner Erlanger Rede über das absurde Theater.
In den 1960er Jahren folgte eine Periode der Ich-Reflexionen, in der er auch seine Eindrücke von den Nürnberger Prozessen verarbeitete. Charakteristisch für diese reflexive Prosa ist Tynset (1965), das Hildesheimer nicht als Roman verstanden wissen wollte: der Monolog eines Schlaflosen während einer einzigen Nacht. Komplementär dazu erschien 1973 Masante, in dem sich der Ich-Erzähler in der Wüste befindet, die Zeit ein Tag und eine Nacht.
Ein weiterer Zug seines Schaffens ist das Spiel mit der Grenze zwischen Realität und Fiktion. Schon in den Lieblose Legenden hatte er die Biografie eines erfundenen Mannes präsentiert; in Marbot. Eine Biographie (1981) trieb er dieses Spiel bis zur vollständig erfundenen Lebensbeschreibung eines englischen Sirs. Autobiografisch grundiert ist vieles davon: der Englandbezug seiner Studienzeit, der Wunsch, Maler zu werden, das Spiel mit Übersetzungen. Auch als Übersetzer galt er als Könner: Seine Übertragung von Djuna Barnes' Nightwood (1959) ins Deutsche wurde als sprachliche Höchstleistung gerühmt. Mit der Satirensammlung Mitteilungen an Max beendete er sein literarisches Schaffen, von der er auch als „Pause vom Malen“ sprach.
Rezeption↑
Heute wird Wolfgang Hildesheimer zu den wichtigsten deutschen Schriftstellern nach 1945 gezählt. Bereits seine frühen Texte wurden beim Treffen der Gruppe 47 begeistert aufgenommen, und die Lieblose Legenden fanden in Teilen Eingang in den schulischen Kanon. Sie wurden in zahlreiche Anthologien aufgenommen, im Rundfunk gesendet und übersetzt; sie zählen zu den Klassikern der deutschen Nachkriegsliteratur.
Mit Tynset schuf Hildesheimer 1965 eines seiner Hauptwerke, das ihm mehrere bedeutende Literaturpreise einbrachte, darunter den Büchnerpreis und den Bremer Literaturpreis. Sein meistverkauftes Buch wurde 1977 Mozart, das er nicht als Biografie bezeichnete. Es beeinflusste laut der Deutschen Biographie sowohl Peter Shaffers Theaterstück Amadeus (1979) als auch Miloš Formans gleichnamigen Spielfilm (1984). Als Höhepunkt seines literarischen Schaffens erschien 1982 Marbot. Eine Biographie, das von Zeitgenossen nicht unwidersprochen als Markstein der Postmoderne bezeichnet wurde.
Große Aufmerksamkeit erregte seine Entscheidung, das Schreiben aufzugeben. Anlass war ein spektakuläres Interview, das Tilman Jens 1984 mit ihm in Poschiavo führte und das unter dem Titel Der Mensch wird die Erde verlassen im Stern erschien. Vor allem seine Begründung mit den zu erwartenden Umweltkatastrophen und globalen Krankheiten wurde weithin und kontrovers diskutiert. In den folgenden Jahren engagierte er sich für Greenpeace und wandte sich der bildenden Kunst zu. Sein Nachlass wird im Archiv der Akademie der Künste in Berlin bewahrt; sein Werk ist Gegenstand mehrerer wissenschaftlicher Studien geworden.
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