1909 – 1984
Chester Himes
Kurzbiografie↑
Chester Himes war ein afroamerikanischer Schriftsteller, der 1909 in Jefferson City im US-Bundesstaat Missouri geboren wurde. Als junger Mann verbüßte er eine lange Haftstrafe wegen bewaffneten Raubüberfalls, und erst im Gefängnis begann er zu schreiben. Nach mehreren Romanen über Rassenkonflikte in den USA verließ er 1953 seine Heimat und ließ sich in Frankreich nieder. Dort entstand die Reihe von Kriminalromanen um die beiden Harlemer Polizisten Grave Digger und Coffin Ed, die ihm späten Erfolg brachte. Himes starb 1984 in Moraira in Spanien.
Biografie↑
Geboren wurde Chester Bomar Himes am 29. Juli 1909 in Jefferson City im US-Bundesstaat Missouri. Seine Eltern waren Joseph Sandy Himes und Estelle Bomar Himes. Der Vater unterrichtete Schmiedekunst und Metallhandwerk am Lincoln Institute in Jefferson City. Weil er immer wieder neue Stellungen annahm, wechselte die Familie mehrfach den Wohnort: Der Sohn besuchte zunächst das Alcorn College in Mississippi, danach die Branch Normal School in Pine Bluff in Arkansas und schließlich die East High School in Cleveland in Ohio. Dort machte er Anfang 1926 seinen Schulabschluss mit mäßigen Noten.
Anschließend arbeitete er als Laufbursche in einem Hotel in Cleveland. Bei einem Arbeitsunfall stürzte er in einen Fahrstuhlschacht und wurde schwer verletzt. Da das Hotel die Schuld trug, erhielt er Anspruch auf eine kleine Invalidenrente; an den Folgen des Unfalls litt er noch lange. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt schrieb er sich im September 1926 an der Ohio State University in Columbus ein. Mit dem Studium beschäftigte er sich dort weit weniger als mit Glücksspiel, Trinken und Bordellbesuchen. Nachdem man ihn von der Universität verwiesen hatte, geriet er endgültig auf die schiefe Bahn. Auf einige Verurteilungen zu Bewährungsstrafen folgte Ende 1928 das Urteil, das sein Leben veränderte: Wegen eines bewaffneten Raubüberfalls wurde der Neunzehnjährige zu zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren Haft bei harter Arbeit verurteilt und in das Staatsgefängnis von Ohio eingewiesen.
Erst im Gefängnis, so schrieb Himes später, sei er zum Mann geworden. Hier begann er zu schreiben, und es gelang ihm, erste Kurzgeschichten unterzubringen. 1930 wurde er im Gefängnis Zeuge eines Brandes, bei dem mindestens 320 Häftlinge ums Leben kamen. Dieses Erlebnis verarbeitete er später in der Erzählung To What Red Hell und im Gefängnisroman Yesterday Will Make You Cry. Seine erste Erzählung erschien 1931 in der afroamerikanischen Zeitschrift The Bronzeman. Ab 1934 konnte er eine Reihe von Erzählungen an die angesehene Zeitschrift Esquire verkaufen. Im selben Jahr wurde er in die London Prison Farm verlegt, im April 1936 kam er auf Bewährung frei und in die Obhut seiner Mutter.
In den Jahren danach schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch und schrieb weiter. Er lernte Langston Hughes kennen, einen der wichtigsten Autoren der Harlem Renaissance der 1920er Jahre, der ihm zu literarischen Kontakten verhalf. Ebenfalls 1936 heiratete Himes Jean Johnson. 1941 zog das Paar nach Los Angeles, weil in Kalifornien die Rassendiskriminierung geringer und die Arbeitsmöglichkeiten besser waren. Dort ergaben sich Kontakte zu Bürgerrechtsorganisationen und zur Kommunistischen Partei. 1945 erschien sein erster Roman If He Hollers Let Him Go. Das Buch fand bei der Kritik einigen Zuspruch und verkaufte sich ordentlich. Der zweite Roman Lonely Crusade von 1947 fiel dagegen durch. Ein Grund dafür war, dass Himes darin seine einstigen weißen, linken Weggefährten als doppelzüngig in Rassenfragen zeichnete. Danach gelang es ihm nicht mehr, vom Schreiben zu leben. Ende der 1950er Jahre trennten sich Chester und Jean Himes; geschieden wurde die Ehe erst 1978. Anfang 1953 verließ er die USA und ging nach Frankreich.
In Paris lebte damals schon Richard Wright, einer der bekanntesten und erfolgreichsten afroamerikanischen Autoren jener Jahre. Die beiden freundeten sich rasch an, bald kam auch der junge James Baldwin hinzu. Über Wright bekam Himes Kontakt zu französischen Verlagen. Zunächst blieb der literarische Erfolg auch in Frankreich aus. Auf Anregung des Verlegers Marcel Duhamel begann er dann jene Reihe von Kriminalromanen, die als Harlem-Zyklus bekannt wurde: Im Mittelpunkt stehen die beiden Polizisten Grave Digger und Coffin Ed. Ein erster Band, The Real Cool Killers, erschien 1959 in französischer Übersetzung unter dem Titel Il pleut des coups durs. Für A Rage in Harlem von 1957, französisch La Reine des pommes, erhielt er als erster US-amerikanischer Autor den renommierten französischen Krimipreis Grand prix de littérature policière. Auch die weiteren Bände waren erfolgreich und wurden unter anderem ins Deutsche übersetzt.
1960 lernte Himes die Engländerin Lesley Packard kennen. Sie wurde seine Lebensgefährtin und 1978 seine zweite Frau. Gegen Ende der 1960er Jahre wurde sein Ton schärfer. Die politischen Entwicklungen und die Rassenunruhen in den USA schlugen sich in den letzten beiden Romanen des Harlem-Zyklus nieder, in Blind Man With a Pistol und im erst nach seinem Tod veröffentlichten Plan B. Himes hatte damals jede Hoffnung aufgegeben, dass sich die Unterdrückung der schwarzen US-Amerikaner durch die Weißen friedlich beenden ließe.
Ab Anfang der 1970er Jahre war er schwer krank und erlitt mehrere Herzinfarkte. Außer seiner zweibändigen Autobiografie schrieb er in dieser Zeit fast nichts mehr. Schon 1969 war er mit Lesley nach Spanien in die Nähe von Alicante gezogen. Dort starb er 1984 in Moraira. Über das genaue Todesdatum gehen die Angaben auseinander: Neben dem 12. November wird auch der 13. November 1984 genannt.
Literarische Merkmale↑
Prägend für Himes' Schreiben ist die Verbindung von eigener Erfahrung und literarischem Stoff. Was er im Gefängnis erlebte, ging unmittelbar in sein Werk ein, etwa den Brand von 1930 in die Erzählung To What Red Hell und in den Roman Yesterday Will Make You Cry. Seine frühen Romane behandeln offen die Rassenverhältnisse in den USA, und er schonte dabei auch die eigenen politischen Verbündeten nicht: In Lonely Crusade stellte er seine einstigen weißen, linken Weggefährten als doppelzüngig dar.
Mit dem Harlem-Zyklus wechselte er in die Kriminalliteratur. Die Reihe um die Polizisten Grave Digger und Coffin Ed entstand auf Anregung eines Verlegers und spielt im schwarzen New York. Gegen Ende der 1960er Jahre wurde Himes' Ton deutlich radikaler. In Blind Man With a Pistol und in Plan B ist von einer friedlichen Lösung der Rassenfrage keine Rede mehr.
Rezeption↑
Unterschiedlich fiel die Aufnahme seiner Bücher zu Lebzeiten aus. Der Erstling If He Hollers Let Him Go fand 1945 bei der Kritik einigen Zuspruch und verkaufte sich ordentlich. Der Nachfolger Lonely Crusade fiel zwei Jahre später durch, und Himes konnte danach in den USA vom Schreiben nicht mehr leben.
Erst in Frankreich änderte sich das. Für A Rage in Harlem erhielt er als erster US-amerikanischer Autor den Grand prix de littérature policière, einen der angesehensten französischen Krimipreise. Auch die weiteren Bände des Harlem-Zyklus waren erfolgreich und erschienen unter anderem auf Deutsch.
Nach seinem Tod hielt die amerikanische Gesellschaft Friends of Chester Himes sein Andenken wach. Sie verlieh zwischen 1996 und 2003 den nach ihm benannten Chester Himes Award. Die Auszeichnung sollte den Einfluss und die Bedeutung afroamerikanischer Schriftsteller für die Kriminalliteratur hervorheben.
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