1887 – 1942
Jakob van Hoddis
Kurzbiografie↑
Unter dem Namen Jakob van Hoddis schrieb der 1887 in Berlin geborene Hans Davidsohn seine Gedichte. Er zählt zu den frühen Vertretern des literarischen Expressionismus in Deutschland. Bekannt wurde er vor allem durch das Gedicht Weltende, das 1911 zur Grundlage des Frühexpressionismus wurde. Schon früh brach bei ihm eine schwere psychische Erkrankung aus, die sein Leben zunehmend bestimmte und ihn seit den 1910er Jahren in Sanatorien und Heilanstalten führte. 1942 wurde er als Jude deportiert und vermutlich im Vernichtungslager Sobibor ermordet.
Biografie↑
Geboren wurde er am 16. Mai 1887 in Berlin als Hans Davidsohn, ältester Sohn des jüdischen Sanitätsrats Hermann Davidsohn und dessen Frau Doris, geborene Kempner. Sein Zwillingsbruder starb bei der Geburt. Er wuchs mit den Geschwistern Marie, Anna, Ludwig und Ernst auf. Die Lyrikerin Friederike Kempner war seine Großtante.
Er besuchte das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium in Berlin, verließ die Schule aber 1905, um einer Relegation zuvorzukommen. Bereits als Gymnasiast schrieb er erste Gedichte. 1906 bestand er als Externer das Abitur und schrieb sich noch im selben Jahr an der Technischen Hochschule Charlottenburg für Architektur ein. 1907 brach er dieses Studium ab und wechselte an die Universität Jena, um Klassische Philologie zu studieren. Später ging er an die Friedrich-Wilhelms-Universität.
In Berlin wurde er Mitglied der Freien Wissenschaftlichen Vereinigung. Dort lernte er den Jurastudenten und späteren Schriftsteller Kurt Hiller kennen, mit dem ihn die Ablehnung des bürgerlichen Lebens verband. Gefördert durch Hiller, debütierte er 1908 mit einigen Gedichten. Zusammen mit Hiller und Erwin Loewenson gründete er 1909 in den Hackeschen Höfen den Neuen Club. Unter dem Namen Neopathetisches Cabaret veranstalteten sie ab 1910 literarische Abende. Als sein Vater 1909 starb, legte er sich das Pseudonym Jakob van Hoddis zu; der Namensteil van Hoddis ist ein Anagramm seines Nachnamens Davidsohn.
Sein Gedicht Weltende erschien 1911 erstmals in der Zeitschrift Der Demokrat und wurde zur Grundlage des Frühexpressionismus. Weitere Gedichte druckte in dieser Zeit die Zeitschrift Die Aktion von Franz Pfemfert. Aus diesen Jahren stammt auch seine Freundschaft mit dem Kollegen Georg Heym. Ende 1911 wurde van Hoddis „wegen Unfleißes“ von der Universität zwangsexmatrikuliert.
1912 ging er nach München und wandte sich dort verstärkt dem Katholizismus zu. Hier machte sich eine beginnende Psychose deutlicher bemerkbar. Ausgelöst wurde sie unter anderem durch den frühen Tod Heyms, der im Januar beim Schlittschuhlaufen ertrank, und durch seine unerwiderte Liebe zu Lotte Pritzel, der er sein Gedicht Indianisch Lied widmete. Wegen zunehmender Konflikte mit seiner Familie zog er sich Anfang September in eine Kuranstalt in Wolbeck bei Münster zurück, die er Mitte Oktober fluchtartig verließ, um nach Berlin zurückzukehren. Dort fiel er derart auf, dass er Ende Oktober in die Heilanstalt Waldhaus in Nikolassee gebracht wurde. Unter dem Titel „Gewaltsam ins Irrenhaus“ fand diese Zwangseinweisung ein Echo in der Presse, zu einer Zeit, als er die Anstalt bereits wieder verlassen hatte.
Nach Aufenthalten in Paris, München und Heidelberg kehrte er völlig mittellos nach Berlin zurück. 1914 hielt er im Neuen Club seinen letzten Vortrag. Ab 1915 stand er in ständiger ärztlicher Behandlung und wurde privat gepflegt. Im selben Jahr fiel sein Bruder Ludwig als Soldat im Ersten Weltkrieg. 1918 veröffentlichte Franz Pfemfert in seiner Buchreihe Der rote Hahn unter dem Titel Weltende das gleichnamige und fünfzehn weitere Gedichte. In Zürich wurden in dieser Zeit in der Galerie DADA Gedichte von ihm vorgetragen.
Ab 1922 lebte van Hoddis in ständiger privater Pflege in Tübingen. Sein Zustand verschlechterte sich so weit, dass er 1926 auf Antrag seiner Mutter durch das Amtsgericht Tübingen entmündigt wurde; ein Onkel übernahm die Vormundschaft. Im Juni 1927 eskalierte ein Streit mit einem Nachbarn, worauf man ihn in die Universitätsklinik einwies. Von dort kam er im Juli 1927 nach Göppingen in das Christophsbad, wo er sechs Jahre blieb. Bei ihm wurde eine hebephrene Schizophrenie diagnostiziert.
Im Jahr 1933 emigrierte seine Mutter mit den Schwestern Marie und Anna nach Palästina. Ihn ließen sie wegen seines Zustands zurück. Am 29. September 1933 wurde er in die Israelitischen Heil- und Pflegeanstalten Bendorf-Sayn bei Koblenz verlegt, in der ab 1940 ein großer Teil der jüdischen psychiatrischen Patienten im Deutschen Reich zusammengeführt wurde. Er war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ansprechbar, baute körperlich ab, verhielt sich aber verhältnismäßig unauffällig, grüßte Tiere, spielte Schach und rauchte viel. Am 30. April 1942 wurde er in den Distrikt Lublin im besetzten Polen deportiert und dort – höchstwahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibor – im Mai oder Juni 1942 im Alter von 55 Jahren ermordet.
Literarische Merkmale↑
Begonnen hat van Hoddis mit Jugendstiltönen; Bild und Sprache seiner frühen Gedichte verraten den Einfluss Stefan Georges. Später prägte er seinen Stil und seine Motive zu einer beweglichen Sachlichkeit und einem kritischen Pathos um. Wie bei vielen Expressionisten bestimmte nun die Großstadt Berlin seine Themen. Sein Sprachrhythmus ist knapp; Wörter, die Bewegung vermitteln, werden bevorzugt.
Mit seinem bekanntesten Gedicht Weltende von 1911 zeichnet er nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie ein genaues Bild des Großstadtbürgertums seiner Zeit. Kurt Hiller setzte 1913 die „Ehrliche Formung der tausend kleinen und großen Herrlichkeiten und Schmerzlichkeiten im Erleben des intellektuellen Städters“ als Ziel der Gedichtschreibung und fand, dass van Hoddis diesem Ziel als einer der Ersten nahekam.
Hinter seinen ironisch-kabarettistischen Versen steht ein Affront, der ihn äußerlich dem Expressionismus zuordnet: ein Affront gegen die Familie, gegen die Freunde, vor allem Heym und Hiller, aber auch gegen sich selbst. Das Gefüge aus Surrealem und Zynischem, aus Opposition und Ironie, das er sich in Leben und Dichtung baute, vermochte ihn jedoch nicht in der Wirklichkeit zu halten. Die Spannungen seiner Syntax und seiner Metaphern, das Destruktive der Gedichte spiegeln nach der Neuen Deutschen Biographie ihn selbst. Viele seiner Dichtungen trug er nur im Neuen Club vor; das wenigste ließ er drucken, vieles blieb Manuskript und ging später verloren.
Rezeption↑
Zur Grundlage des Frühexpressionismus wurde sein Gedicht Weltende, das 1911 in der Zeitschrift Der Demokrat erschien. Damit gilt van Hoddis als einer der Wegbereiter dieser literarischen Strömung. Seine Verse fanden Aufnahme in den führenden Zeitschriften der Bewegung, in Die Aktion und Der Sturm, sowie im Umkreis von Franz Pfemfert.
Auch über den engeren Kreis der Berliner Avantgarde hinaus wirkte sein Werk. In Zürich wurden in der Galerie DADA Gedichte von ihm vorgetragen. 1918 gab Franz Pfemfert in der Reihe Der rote Hahn unter dem Titel Weltende sechzehn Gedichte heraus. 1958 erschien die von Paul Pörtner besorgte Sammlung seiner Dichtungen; das Nachwort trugen mehrere Weggefährten und Schriftsteller bei, darunter Ludwig Meidner, Kurt Hiller, Else Lasker-Schüler und André Breton. Die Neue Deutsche Biographie widmete ihm 1972 einen Artikel, verfasst von Gertraude Wilhelm.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →