1937
U.S.A.-Trilogie
Überblick↑
Der Romanzyklus U.S.A. des US-amerikanischen Schriftstellers John Dos Passos umfasst drei Romane: Der 42. Breitengrad (englisch The 42nd Parallel, 1930), 1919 (englisch Nineteen Nineteen, 1932) und Das große Geld (englisch The Big Money, 1936). Im Jahr 1937 brachte der Verlag Modern Library die drei Bände erstmals gemeinsam unter dem Titel U.S.A. heraus. Das Werk zeichnet ein breites Bild der amerikanischen Gesellschaft in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Auffällig ist seine ungewöhnliche Form: Dos Passos verschränkt vier ganz verschiedene Erzählweisen zu einem großen Gesamtpanorama. 1998 setzte der Verlag Modern Library den Zyklus auf Platz 23 seiner Liste der 100 besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Zentrum der erzählenden Teile stehen zwölf erfundene Figuren. Der Zyklus verfolgt ihre Lebenswege durch die Jahre vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg. Jede Figur wird von der Kindheit an begleitet. Die Lebenslinien verlaufen weitgehend getrennt, doch manchmal kreuzen sie sich, und einige Nebenfiguren tauchen im Hintergrund mehrerer Geschichten auf und verbinden sie lose.
Zu diesen Figuren gehören der umherziehende Drucker Mac, der für die Sache der Arbeiter eintritt, und der gewandte Werbe- und Öffentlichkeitsfachmann J. Ward Moorehouse. Da sind die Stenotypistin Janey Williams und ihr Bruder Joe, ein Matrose, ferner die ehrgeizige Aufsteigerin Eleanor Stoddard und ihre Freundin und Rivalin Eveline Hutchins sowie der gutmütige Mechaniker und Kampfflieger Charley Anderson. In den späteren Bänden kommen weitere Menschen hinzu: der Harvard-Absolvent Richard Ellsworth Savage, die junge Freiwilligenkrankenschwester aus Texas namens „Daughter“ (Anne Elizabeth Trent), der Jurastudent und Aktivist Ben Compton, die Journalistin Mary French und die anpassungsfähige Margo Dowling, die es bis zur Hollywood-Schauspielerin bringt.
Zwischen die Lebensgeschichten sind drei weitere Textsorten geschoben. „Newsreel“ (Wochenschau) nennt Dos Passos Collagen aus Zeitungsschlagzeilen, Meldungsfetzen und Schlagertexten. Daneben stehen kurze Lebensbilder wirklicher Persönlichkeiten der Zeit, etwa des Präsidenten Woodrow Wilson oder Henry Ford. Und im „Camera Eye“ (Kameraauge) meldet sich eine sehr persönliche, tastende innere Stimme zu Wort. So entsteht ein Werk, das weit mehr sein will als die Summe einzelner Schicksale.
Die Handlung im Detail↑
Der erste Band, Der 42. Breitengrad, führt die meisten Figuren ein und begleitet sie von der Kindheit in die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Der zweite Band, 1919, rückt die Kriegszeit und ihr Umfeld in den Blick und stellt weitere Menschen vor, unter ihnen Richard Ellsworth Savage, die Krankenschwester „Daughter“ und den Aktivisten Ben Compton. Der dritte Band, Das große Geld, spielt im wirtschaftlichen Aufschwung der 1920er Jahre und führt Mary French und Margo Dowling ein.
Dos Passos schrieb den Zyklus in einer Zeit, in der er entschieden auf der politischen Linken stand. Er schildert die alltäglichen Lebenslagen seiner Figuren und richtet den Blick besonders auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kräfte, die sie treiben. Ein Grundmuster zieht sich durch das ganze Werk: Wer ohne Skrupel dem „großen Geld“ nachjagt, hat Erfolg – wird durch diesen Erfolg aber entmenschlicht. Andere gehen zugrunde, vom Kapitalismus zermalmt und niedergetreten. Mit den Aufsteigern, die es schaffen, hat der Autor wenig Mitgefühl; den Gescheiterten und Abgehängten gilt seine Sympathie. Warm zeichnet er die Aktivisten der Gewerkschaftsbewegung Industrial Workers of the World. Zurückhaltender bleibt er gegenüber der amerikanischen kommunistischen Partei: Einzelne Kommunisten werden mit Anteilnahme dargestellt, doch erscheinen sie zunehmend im Räderwerk einer erstarrenden Parteibürokratie gefangen. Deutliche Abneigung spricht aus der Darstellung Woodrow Wilsons, dessen Unterdrückung abweichender Meinungen während und nach dem Krieg Dos Passos ausführlich schildert.
Der Bogen des Werks lässt sich an den Wochenschau-Teilen ablesen, deren erster und letzter innerhalb jedes Bandes einander spiegeln. Der 42. Breitengrad beginnt mit Verkündigungen, das 20. Jahrhundert werde von Amerika und seiner Ausdehnung geprägt sein – gegengeschnitten mit britischen Nöten im Burenkrieg und toten Soldaten auf den Philippinen. 1919 setzt mit einer Umarmung des amerikanischen Kapitalismus nach der Erschöpfung Europas ein und endet mit Bildern des „Red Summer“ und der Unruhen von Knoxville. Das große Geld zeigt verschiedene Seiten des amerikanischen Kapitalismus, beginnt in der behaupteten „Normalität“ und schließt mit dem Börsenkrach an der Wall Street.
Auch die Lebensbilder und das Kameraauge tragen den Sinn mit. Der „Camera Eye“ ist im Kern ein Künstlerroman: Er verfolgt Dos Passos' eigene Entwicklung vom Kind zum politisch engagierten Schriftsteller. An einer herausgehobenen Stelle, „Camera Eye 50“, reagiert diese Stimme auf die Hinrichtung von Sacco und Vanzetti mit der oft zitierten Zeile „all right we are two nations“ – dem Bild eines in zwei Nationen gespaltenen Amerika. Die unmittelbar davor stehende Wochenschau, die das Urteil gegen Sacco und Vanzetti meldet, führt den Text der „Internationale“. Unter den Lebensbildern ist „The Body of an American“ das am häufigsten in Anthologien aufgenommene: die Geschichte eines unbekannten, im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten, mit der der Band 1919 schließt.
Stil↑
Prägend ist die Montage aus vier Erzählweisen. Zwischen ihnen besteht vor allem ein Unterschied der Form, weniger des Themas. Die erzählenden Abschnitte schildern die zwölf Lebensläufe in erlebter Rede, also aus der Nähe der jeweiligen Figur, aber in der dritten Person. Die „Newsreel“-Teile sind Collagen aus Titelseiten und Zeitungsfetzen sowie aus Schlagertexten; für Der 42. Breitengrad stammen sie aus der Chicago Tribune, für die beiden anderen Bände aus der New York World. Insgesamt gibt es 68 solcher Wochenschauen, gleichmäßig über das Werk verteilt. Selten reichen sie über ein oder zwei Seiten hinaus; ihre Wirkung ist ebenso stimmungshaft wie zeitlich verankernd. Der „Camera Eye“ wiederum ist als innerer Bewusstseinsstrom geschrieben.
Die Grenzen zwischen diesen Ebenen sind durchlässiger, als es zunächst scheint. Kritiker haben auf Verbindungen zwischen der erfundenen Figur Mary French in Das große Geld und der Journalistin Mary Heaton Vorse hingewiesen – was die strikte Trennung zwischen Romanfiguren und Lebensbildern in Frage stellt. Auch in die Biografien sind zusammenhängende Zeitungszitate eingewoben, sodass sich diese von den Wochenschau-Teilen kaum scharf abgrenzen lassen. Die Technik knüpft an Verfahren an, die Dos Passos schon in seinem früheren Roman Manhattan Transfer erprobt hatte. Die fragmentierte Erzählweise wirkte später weiter: Sie prägte Werke des britischen Science-Fiction-Autors John Brunner und des amerikanischen Schriftstellers Kim Stanley Robinson und beeinflusste Jean-Paul Sartres Romanfolge Die Wege der Freiheit.
Rezeption↑
Bereits die zeitgenössische Kritik nahm die Neuartigkeit des Werks wahr. Michael Gold sah in den ersten Bänden eine Fortführung der Verfahren aus Manhattan Transfer und beschrieb sie als einen der ersten „kollektiven Romane“ – als Erzählung also, die nicht ein einzelnes Schicksal, sondern eine ganze Gesellschaft in den Mittelpunkt rückt. Spätere Forschung hat den Zyklus unter vielen Blickwinkeln untersucht, etwa im Licht marxistischer Deutungen, im Hinblick auf die filmartigen Mittel des „Camera Eye“ und in Bezug auf Dos Passos' Umgang mit seinen weiblichen Figuren. 1998 nahm der Verlag Modern Library U.S.A. auf Platz 23 in seine Liste der 100 besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts auf.
Das Werk wurde mehrfach bearbeitet, unter anderem für Rundfunk und Bühne. Paul Shyre schuf gemeinsam mit Dos Passos eine dramatische Revue. Howard Sackler richtete den Stoff für eine gut aufgenommene Hörproduktion des Jahres 1968 bei Caedmon Books ein. Margaret Bonds arbeitete ebenfalls mit Dos Passos zusammen und schrieb 1959 ein Musiktheaterwerk nach U.S.A.. Auch die Popkultur griff den Zyklus auf: Neil Peart von der Band Rush ließ sich von ihm zu den Liedtexten von „The Camera Eye“ (auf dem Album Moving Pictures, 1981) und „The Big Money“ (auf Power Windows, 1985) anregen.
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